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Kommentar: „Rangnick erreicht seinen ersten Meilenstein“

Lauern, jagen, erobern: RB bei der Arbeit. Foto: Imago

Drittes Meisterschaftsspiel, erster Sieg – und langsam lässt sich erahnen, dass Ralf Rangnick ernst macht mit seinen Eingriffen in die Vereinshelix. Das 3:2 gegen Hannover 96 war das erste Spiel in dieser Saison mit einer Ballbesitzquote von unter 50 Prozent.

Von Martin Henkel

Dass der Cheftrainer von RB Leipzig Werte jenseits der Fifty-Fifty-Marke verschmäht wie der Teufel die Messe in einer Kirche, ist hinlänglich bekannt. Erst recht, seit er in seiner Funktion als Sportdirektor vor knapp neun Monaten seinen Vorgänger Ralph Hasenhüttl mit den Worten rüffelte, es fehle ihm im Spiel der Sachsen die RB-typische DNA. Sprich: lauern, Ball jagen, „ratzfatz umschalten“, wie Hannovers Trainer André Breitenreiter nach dem 3:2 anmerkte, treffen. Und ja keinen Ballbesitz des Ballbesitzes wegen. Bloß nicht! Weil Ballbesitz bedeutet, Räume zu verkleinern, Tempo aus dem Spiel zu nehmen, und Tiefe für Breite zu opfern.

54, 68 – 32: Erstes Zwischenziel erreicht

Kann man machen, der deutsche Bundestrainer hat das ein paar Jahre lang so gehalten, erfolgreich übrigens. Man braucht dafür aber die entsprechenden Spieler und muss diesen Ansatz im Ganzen mögen. Beides geht Rangnick ab. Unklar war bislang aber, ob sein Kader die Ideen des Trainers auch umsetzen kann, wenn der Gegner den gleichen Plan verfolgt?

Wie schwer sich Trainer und Mannschaft zuletzt damit getan haben, Anspruch und Wirklichkeit in Einklang zu bringen, zeigte sich in allen Spielen dieses Sommers, vor allem in den zwei ersten Meisterschaftsspielen gegen Dortmund und Düsseldorf. Beim 1:4 gegen den BVB hatten die Sachsen 54 Prozent Ballbesitz, beim 1:1 gegen die Fortuna sogar 68 Prozent.

Jetzt ist die Volte gelungen, und Rangnick ist gegen Hannover 96 mit 32 Prozent Ballbesitz nicht nur der erste Liga-Dreier geglückt, sondern er hat auf dem Weg zurück in die Zukunft auch seinen ersten Meilenstein erreicht. Alle drei Treffer waren typische RB-Tore: lupenreine Kontertreffer.

Mit Rangnick-Fußball Vizemeister

Ob sich im Verlauf der Saison weitere Gegner in die Pressing-Falle locken lassen wie die Niedersachsen, bleibt freilich abzuwarten. Auch Hasenhüttl tat sich vergangene Saison schwer mit tiefstehenden Gegnern, die unnötigen Ballbesitz verweigerten. Allerdings, der Österreicher war kein Apologet der reinen Umschaltspiel-Lehre, wie Rangnick es ist. Er fand den Ballbesitz auch schick.

Erfolgreicher war er damit nicht, trotzdem muss Rangnick erst noch beweisen, dass sein Ansatz tatsächlich mehr taugt. Die vielen Gegentore jedenfalls helfen als Argumente dabei gerade nicht, im Gegenteil. Und dennoch spricht eines für den Coach und seinen Grundansatz: Der Kader, mit dem Hasenhüttl  in seinem ersten RB-Jahr Zweiter wurde, das war nicht wirklich seiner gewesen, sondern der des Vorgängers, der ihn ein Jahr lang in seinen Händen hatte. Und dieser Vorgänger hieß Ralf Rangnick.