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Kommentar zum 2:3 gegen Salzburg: „Der Neustart ist gescheitert!“

Haben Redebedarf: Marcel Sabitzer (l.) und Kevin Kampl. Foto: Imago

2:3 verlieren – das ist kein Weltuntergang, auch nicht, wenn es gegen den Bruderklub aus Salzburg passiert ist. Wie diese Niederlage Donnerstagabend allerdings zustande kam, ist nichts, was in die Kategorie „Shit happens“ gehört. Es ist ein Symptom.

Kommentar von Martin Henkel

Diego Demme geht Zweikämpfen nicht aus dem Weg. Das gilt auch für die Mixed Zone, wo Fußballer und Medien aufeinandertreffen. Demme tut das zwar mit überschaubarem Vergnügen, aber er tut es als einer der wenigen Spieler von RB Leipzig so gut wie nach jeder Partie – den gewonnenen, wie den verlorenen. Ein Wort hat er immer parat.

Nicht auf der Höhe der Partie

Donnerstagabend nach dem 2:3 gegen den vermeintlich kleinen Red-Bull-Bruder aus Salzburg freilich musste selbst einer der Kapitäne des Kaders passen. Auf die Frage, warum die erste Halbzeit so desaströs verlaufen war, antwortete er noch, die Einstellung habe gefehlt. Er konnte jedoch nicht mehr erklären, wieso: „Keine Ahnung“, sagte er. „Schwer zu sagen so direkt nach dem Spiel.“

Es liegt in der Natur der Sache, dass eine Niederlage mehr Fragen als Antworten hervorbringt. Demmes Sprachlosigkeit allerdings war ein Indiz dafür, dass die Niederlage gegen den österreichischen Meister keine Allertage-Pleite gewesen ist – und Fragen freigelegt hat, auf die es keine schnellen Antworten gibt.

Dass Teile der Leipziger Startelf sich nicht auf die Höhe des Spiels bringen konnten, lässt tief blicken. War es tatsächlich nur eine Einstellungsfrage? Welchen Anteil hatte die erneut großanlegte Rotation? Stimmte die Strategie nicht? War die Mischung aus Mentalitäts-, Schlüssel-, Führungsspielern und Mitläufern falsch? Oder war es das alles zusammen, verstärkt durch die weiter vom Spiel weg angesiedelten Fragen nach der Kaderzusammenstellung und etwa seiner Größe.

Ohne Speed, Tiefe und Witz

Leipzig wurde von Salzburg ja nicht nur besiegt, sondern geschlagen. Und das erstaunlicherweise mit exakt den Mitteln, die die Sachsen für sich reklamieren und in der Vizemeistersaison so perfekt ausgespielt haben: mit einem exzellent orchestrierten Pressing, für das es Leidenschaft, Arbeitsethos, Selbstvertrauen und Kameraderie braucht. Und einem Konterspiel mit Tiefe, Speed und Witz.

Mit all diesen Fertigkeiten und unabdingbaren Voraussetzungen hat Salzburg dem Bruderklub aus Deutschland den Spiegel vorgehalten und aufgezeigt, was er alles nicht ist. Oder besser noch: nicht mehr ist.

Wie es dazu kommen konnte, ist vielleicht die entscheidende aller Fragen. Sie bezieht den Trainer, sein Team, seine Vorstellungen, die Matchpläne und Kaderzusammenstellung mit ein. Ralf Rangnick ist ja nicht nur Übungsleiter, sondern Sportdirektor – und Entwickler der angeblichen RB-DNA, die durch seinen Vorgänger Ralph Hasenhüttl ebenso angeblich verlorengegangen sei.

Sabitzer schwant Unheil

Rangnick wollte deshalb alles auf null setzen. Die Ergebnisse sind nicht die, die er sich davon erhofft haben dürfte. Der Kader ist kaum mehr wiederzuerkennen. Allenfalls Spuren jener Mannschaft, die vor zwei Saisons Meisterschaftszweiter wurde, sind noch erhalten. Die unbestrittenen Talente von Spielern wie Diego Demme, Emil Forsberg, Yussuf Poulsen oder Timo Werner gehen ja nicht einfach verloren.

Man muss es so deutlich sagen: Was gegen Salzburg in der vielleicht schlechtesten 1. Halbzeit der letzten sechs Rangnick-Jahre in Leipzig zum Vorschein kam, war eine in allen Belangen unharmonische und hilflose Elf, die keine Idee hatte, wie sie auf genau das System reagieren soll, das ihr ja eigentlich vertrauter sein sollte als jedes andere. Und man muss es genauso deutlich sagen: Der angebliche Neustart ist gescheitert. Die Mannschaft spielt nicht besser als unter Hasenhüttl. Nicht im Ansatz, und teils sogar schlechter, denn 16 Gegentreffer in elf Spielen, das hat nicht mal der Österreicher zu verantworten gehabt; unter ihm waren es drei weniger.

Bekommt Rangnick das nicht alsbald in den Griff, dann wird sich das bewahrheiten, was Marcel Sabitzer voraussah, als er nach der Partie sagte: „Wenn das so weitergeht, dann werden wir in dieser Saison nicht viel holen.“