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Pro und Contra: Legitime Destruktivität vs. vergessene Schönheit des Spiels

Kommentare von Ullrich Kroemer und Martin Henkel
Pro & Contra bei RBlive: Die Reporter Ullrich Kroemer und Martin Henkel sind unterschiedlicher Meinung (Fotos: RBlive)

Pro & Contra bei RBlive: Die Reporter Ullrich Kroemer und Martin Henkel sind unterschiedlicher Meinung (Fotos: RBlive)

Pro von Ullrich Kroemer: „RB Leipzig muss die Spiele ansehnlich machen!”

Selbst ein wenig peinlich berührt, rechtfertigte Augsburgs Trainer Manuel Baum am Samstagabend seinen ultradestruktiven Fußball gegen RB Leipzig. Noch defensiver würde bedeuten, „dass zehn Mann auf der Torlinie” gestanden hätten, versuchte sich der 39-Jährige an einem Scherz. Ralf Rangnick, der neben ihm saß, konnte nicht darüber lachen und eilte hernach – ohne öffentlichen Handschlag – entnervt in die Kabine. Als sei Augsburgs Auftritt unehrenhaft oder unfair gewesen.

Doch das war nicht der Fall. Baum hätte nach dem errungenen Remis sehr wohl den sportlichen Handschlag verdient gehabt. Solange das Regelwerk es hergibt, ist im Fußball alles erlaubt. Wer wie der FC Augsburg ums Überleben in der Bundesliga kämpft, in dieser Saison viel zu viele Gegentore kassiert und zehn Verletzte hat, kann doch in dieser Situation gar nicht anders handeln. Alles andere wäre fahrlässig. Oder sollte Augsburg mit wehenden Fahnen ins offene Messer rennen? Die Taktik von Maurermeister Baum spricht also nicht vordergründig für Ideenlosigkeit, sondern für eine gründliche taktische Vorbereitung. Völlig legitime Destruktivität. Die B-Note spielt da nur eine untergeordnete Bedeutung.

Gegengift gegen Rangnicks Taktik

Vielmehr wäre es die Aufgabe von RB Leipzig gewesen, dessen Team etwa vier Mal so viel Wert ist wie das der Augsburger, dieses Spiel ansehnlich zu machen und Augsburg aus der 6-3-1-Formation herauszulocken. Durch einstudierte Spielzüge, individuelle Klasse, Standards, Cleverness, unwiderstehliche Wucht und Lust am Zerstören dieses Bollwerks. Eben durch alles, was ein potenzielles Champions-League-Team gegen einen Abstiegskandidaten in einem Heimspiel auszeichnen sollte. Doch diese harte (Zirbel-)Nuss konnten die Leipziger am Samstag nicht knacken.

Da Rangnicks Taktik nach der Hinrunde von den meisten Teams durchschaut und ein wirksames Gegengift gefunden wurde (lange Bälle, Sechser-Abwehrketten, etc.), das selbst limitierteste Teams umsetzen können, werden – unabhängig vom Ergebnis – noch viele weitere unansehnliche Spiele folgen, wenn es die Leipziger es nicht schaffen, sich mehr Lösungen zu erarbeiten und ihre Offensivspieler wieder in bessere Form zu bringen. Trainingszeit dafür ist seit der Winterpause genug. Die von Rangnick formulierte Hoffnung, dass eines Tages vielleicht auch wieder Teams nach Leipzig kommen werden, die mehr mitspielen wollen, reicht da nicht aus. Schöne, ansehnliche Heimspiele, die Erfolgsfans ins Stadion locken, muss sich Rasenballsport selbst wieder erarbeiten. Jene Anhänger, die ohnhin kommen, wussten nach den Erfahrungen der vergangenen Duelle, dass das Match gegen den FCA kein Leckerbissen wird.

 

Contra von Martin Henkel: „Mehr Arsch in der Turnhose!”

Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, dass Menschen wie der Argentinier Jorge Valdano dem Fußball etwas zu sagen hatten. Botschaften wie diese waren darunter. „Künstler sein bedeutet, das Scheitern zu riskieren“, sagte 2006 der Weltmeister von 1978 in einem Interview. „Übersetzen wir das in den Fußball, dann ist der Spieler für das Risiko da und der Trainer dafür, auf dieses Risiko zu setzen.“

Manuel Baum ist Trainer. Er verantwortet die Mannschaft des FC Augsburg, die am Samstag bei RB Leipzig zu Gast war und zusammen mit den Sachsen ein so selten unansehnliches 0:0 bewerkstelligt hat, dass die eine Seite sich fragen lassen muss, wie sie das zulassen konnte. Und die andere, was dazu geführt hat, so ein Spiel im Schilde zu führen.

Rechtfertigt die Abstiegsangst jede noch so destruktive Vorstellung?

Vermutlich aber wird Manuel Baum den Teufel tun. Im besten Falle aus Selbstschutz, denn täte er es, müsste der Übungsleiter dem Künstler in sich die letzte Ölung geben. Sechs Mann hatte er phasenweise vor einen Torhüter postiert, der vom Anpfiff weg auf Zeit spielte. Davor standen weitere drei Spieler. Zehn von elf Augsburgern waren also mit nichts anderem beschäftigt, als zu verhindern, dass ein Tor fällt.

Na und? Es ist Abstiegskampf, hieß es auf Augsburger Seite nach dieser unwürdigen Nullnummer. Rani Khedira hat so argumentiert. Der war früher mal Profi in Leipzig, am Samstag ist er der Chef im Augsburger Unterstand gewesen. Aus seiner Sicht, kurz über der Grasnarbe, war natürlich jedes Mittel recht. Er kämpft in erster Linie um seine Zukunft als Fußballer – und wer will schon in der 2. Liga spielen?!

Auch sein Trainer darf dieses Argument für sich in Anspruch nehmen. Immerhin, nach der Partie gab Manuel Baum zu: „Defensiver kann man eigentlich nicht spielen.“ Doch bei all der verführerischen Logik, die der Not des bayerischen Klubs entspringt, dem die Relegation droht mit allem, was dazu gehört – Werbegelder brechen weg, TV-Gelder schrumpfen, Arbeitsstellen sind in Gefahr: Ist das alles, worum es im Fußball geht? Mittlerweile? Dass jeder gedacht-gefährdete Cent eine Vorstellung im Oberhaus des deutschen Fußballs rechtfertigt wie die dieses 111 Jahre alten Vereins am Samstag?

Ja, ist es. Und nein: Ist es nicht! Fußball ist nicht nur eine Sache von Rani Khedira oder Manuel Baum, nicht von Abstieg und Arbeitsplätzen in Geschäftsstellen. Er ist es auch von Betrachtern, Fans und Zuschauern! Wer mit den Werten der Altvorderen sein Geld macht, Traditionsturniere veranstaltet, mit Trikots aus seiner Vergangenheit aufläuft, der sollte mehr Arsch in der Turnhose haben! Er sollte etwas anderes wollen, als vor der Logik des möglichen Scheiterns kapitulieren.

Menotti: „Söldnertum des Punktgewinns”

Die nämlich bringt die Angst in die Welt. Das Hasenfüßige. Den Pragmatismus, der dem Leben die Schönheit raubt, den Mut und das Abenteuer, wenn man ihn ALLEIN gewähren lässt. Nichts davon taugt zur Nachahmung. Als Vorbild. Aussicht. Cesar Luis Menotti hat auf diesen Zusammenhang hingewiesen, als er nach den Erfahrungen mit dem defensiven Fußball der späten Achtzigerjahre meinte, um den Menschen etwas wirklich Bedeutsames für ihr Leben geben zu können, müsse der Fußball mehr sein, als ein „Söldnertum des Punktgewinns“. Menotti ist wie Valdano Argentinier, er war bei der WM 1978 sein Trainer.

Eine Ewigkeit scheint das her. Aber hey! Hier ist ein deutscher Evergreen: der brandenburger Schriftsteller Theodor Fontane. Kein Fußballer zwar, aber ein Connaisseur. „Zwischen Hochmut und Demut steht ein Drittes, dem das Leben gehört. Und das ist der Mut.“