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Marcel Reif im Interview: „RB Leipzig ist keine Mogelpackung”

Interview: Ullrich Kroemer
Der Mann mit dem Einstecktuch: Marcel Reif (Foto: Sport1/Rupp).

Der Mann mit dem Einstecktuch ist zurück am Mikro: Marcel Reif (Foto: Sport1/Rupp).

Er trägt nicht nur die schönsten Einstecktücher im Jackett, sondern kommentiert Fußballspiele so eloquent und wie kein anderer. Nachdem er 2016 bei Pay-TV-Sender Sky ausgestiegen war, gibt Marcel Reif an diesem Samstag zum DFB-Pokalfinale zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern München sein Comeback auf großer Bühne. Mitteldeutsche Zeitung/RBlive hat mit dem 69-Jährigen über die Rückkehr ans Mikro, die Bewertung von Pokalfinalist RB Leipzig und schräge Wetten gesprochen.

Herr Reif, zum Pokalfinale geben Sie nach drei Jahren Pause Ihr Comeback bei ServusTV. Wer oder was hat Sie dazu bewogen?
Marcel Reif: Es ist ja kein großes Comeback. Ich habe jüngst schon ein paar Spiele in der K.o.-Phase der Champions League für meinen Schweizer Pay-TV-Sender Teleclub kommentiert. Man hat mich gefragt, und ich habe gedacht, dass mir das wieder Spaß machen könnte. Ich habe gemerkt, dass ich tatsächlich wieder Freude am Kommentieren hatte. Da ich niemandem Rechenschaft schuldig bin, mache ich das, was mir Spaß macht. Das ist die Verabredung: Wenn ich gemerkt hätte, dass ich das nicht mehr brauche, hätte ich nicht zugesagt.

Reizt Sie dieses Pokalfinale zwischen Leipzig und München besonders?
Natürlich, das ist das DFB-Pokalfinale. Für irgendein Gruppenspiel auf halber Strecke eines Wettbewerbs hätte ich das nicht gemacht. Aber ein solches Endspiel plus die Paarung, wie sie sich ergeben hat – darauf freue ich mich richtig.

Woher rührt eigentlich die gestiegene Bedeutung des Pokalfinales und die Renaissance dieses Wettbewerbs? Underdog-Finalisten wie Union Berlin, MSV Duisburg oder Alemannia Aachen gibt es schon seit einigen Jahren nicht mehr.
Weil die finanzielle Schere immer weiter auseinander gegangen ist. Und sie wird immer, immer weiter auseinander gehen. Am Ende wirst du die Großen immer da oben finden. Aber wenn die neue Pokalsaison startet – und deswegen braucht es den Pokalwettbewerb unbedingt –, kommen die ganz Kleinen endlich mal in Berührung mit den Großen. Das belässt noch ein bisschen Romantik im Fußball. Und zudem eignet sich Berlin ganz hervorragend als Finalstandort. Das Olympiastadion ist genau der richtige Platz für ein solch großes Spiel. Dass der DFB daraus ein deutsches Wembley gemacht hat, war eine prima Idee. Die Atmosphäre wird wieder gigantisch sein. Jeder, auch die, die es gut kennen, freuen sich, zu diesem Spiel zu fahren. 

Wie muss man sich Ihre Rückkehr ans Mikrofon vorstellen: Brauchen Sie ein paar Trockenübungen, etwas Aufbautraining, um wieder in den Rhythmus zu kommen?
Es gibt ein paar Dinge im Leben, die verlernt man nicht, Radfahren und Fußballspiele kommentieren zum Beispiel. Ich war ja nicht raus aus dem Metier. Ich sitze jeden Sonntag im Doppelpass, bin nach wie vor nah dran.

Marcel Reif: „Ich habe mein Leben lang unabhängig berichtet”

Servus-TV gehört ebenso wie RB Leipzig zum Red-Bull-Konzern. Die Kritiker von RB Leipzig werden ein Geschmäck’le wittern. Haben Sie sich zusichern lassen, dass Sie unabhängig kommentieren dürfen?
Wenn es keine Selbstverständlichkeit wäre, hätte ich es sofort gelassen. Schon beim geringsten Zungenschlag wäre ich hellhörig geworden. Das muss ich mir in meinem Alter nicht mehr antun. Ich habe mein Leben lang unabhängig berichtet und werde das auch weiter tun. Das sind beim Sender alles erwachsene Menschen, die wollen ein attraktives DFB-Pokalfinale übertragen und werden sich freuen, wenn RB gewinnt. Aber wenn das eintritt, wird es sicher nicht an wohlwollenden Kommentaren von mir liegen.

Welche Geschichte erzählt diese Paarung aus Ihrer Sicht?
Die stets aufs Neue spannende des jungen Herausforderers, der den Arrivierten schlagen will. Beide Kontrahenten haben sich ihren Status verdient, jeder auf seine Art. Ich konnte diese ganzen Hasstiraden gegen RB nie nachvollziehen, weil ich weiß, auf welch nachhaltige Art das aus Salzburg von Herrn Mateschitz gedacht, geplant und umgesetzt worden ist. Immer wenn ich mal in Leipzig bin, sehe und spüre ich, wie das wächst und welche Bedeutung dieser Klub mittlerweile für eine Stadt wie Leipzig hat.

„Form schlägt Klasse”

Und rein sportlich?
Da spielt der Meister gegen den Dritten. Entschuldigung, da habe ich schon Schlimmeres gehört. Natürlich haben die Bayern den individuell besseren Kader. Aber es gibt den Spruch: Form schlägt Klasse. Und Leipzig hat zusätzlich zu Form und einem klaren Plan ja auch noch Klasse. Von zehn Spielen würde Bayern sechs Mal gegen Leipzig gewinnen. Doch das ist ja das Schöne an diesem Spiel: Es gibt kein Taktieren, keine Ausreden. Es zählen nur diese 90 Minuten plus vielleicht Verlängerung. Und in denen kann alles passieren.

Was erwarten Sie taktisch?
Leipzig kann nicht anders. Sie spielen den Fußball, den sie können. Das ist im Schwerpunkt Umschaltfußball, der auf den Ballbesitzfußball der Bayern trifft. Auch das macht es so interessant, dass zwei verschiedene Schulen aufeinandertreffen. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Leipzig kann und will inzwischen sehr wohl etwas mit dem Ball anfangen. Das Spiel hat sich verändert.

Sie sind kein Freund des wilden Umschaltfußballs …
Ich bin immer noch ein Fan des Ballbesitzfußballs. Aber nicht so, wie ihn die Bayern eine Zeit lang gespielt haben. Wenn die Münchner kein Tempo in Ihr Spiel kriegen, ist das langweilig. Und wenn Leipzig nur Gegenpressing spielt und den Ball wieder hergibt, damit sie ihn wieder erobern können, ist mir das zu atemlos. Aber beide Schulen werden sich angleichen. Du musst beides können.

Ralf Rangnick hat das wache Gegenpressing der Bayern im Ligaspiel gelobt.
Natürlich, auch Niko Kovac macht sich Gedanken, wie sie Leipzig wehtun können. Und Rangnick ist eh ein erwiesener Taktiker. Die Frage ist, wie viel gibt man her, was verändert man, ohne seine eigene Philosophie zu verraten. Das wird spannend.

„Ralf Rangnick ist empathischer geworden”

Sie haben am Sonntag mit Rangnick im Doppelpass zusammengesessen. Wie haben Sie ihn erlebt?
Ich schätze ihn sehr, weil ich ihn für eine der großen Kompetenzen im deutschen Fußball halte. Er macht sich immer wieder Gedanken, wie er das Spiel, seine Spieler und seinen Klub weiterentwickeln kann. Aber er macht das nicht nur über Kompetenz und Fachwissen: Ich habe das Gefühl, dass er empathischer geworden ist. Dass er durch seine Trainerzeit noch näher an die Mannschaft und die Spieler gerückt ist, sich denen auch selbst mehr geöffnet hat.

Und seine forsche Meisteransage im Namen Julian Nagelsmanns?
Fragen Sie mal Julian Nagelsmann, was der sich vorgenommen hat. Der will auch Titel gewinnen. Wenn sich RB Leipzig nicht Ziele setzt, wer dann?

Kann RB in den kommenden Jahren die Bayern gefährden?
Heranrücken ja, ob sie München erreichen, halte ich für unwahrscheinlich.

Was finden Sie an RB Leipzig interessant?
Dass sie eine Philosophie haben und die nachhaltig und glaubwürdig umsetzen. Das ist keine Mogelpackung. Das, was Red Bull in Leipzig versprochen hat, hat der Konzern gehalten. Dass der Klub Dritter in der Bundesliga ist, in einem Pokalfinale steht und nächstes Jahr wieder Champions League spielt, ist alles nicht gestohlen, sondern mit dem Einsatz des nötigen Geldes, vor allem aber viel Fachwissen erarbeitet worden. Ich bin ein Sympathisant dessen.

„RB Leipzig ist ein etabliertes Mitglied der Bundesliga”

Das sehen viele RB-kritische Fußballfans anders.
Aber die reflexhaften RB-Beleidigungen und der Hass bauen sich zunehmend ab. Wenn RB heute irgendwo ins Stadion kommt, ergießen sich nur noch versprengte Idioten in Hasstiraden. Das hat sich vielerorts beruhigt. RB Leipzig ist mittlerweile ein etabliertes Mitglied der Bundesliga.

Im Ruhrgebiet ist Rasenballsport nach wie vor kein beliebter Verein.
Die Traditionsvereine haben ja das Recht zu sagen: ,Wir mussten viele Jahrzehnte daran arbeiten, in der Bundesliga oder im Europapokal mitzuspielen. Und ihr konntet Euch das sehr schnell leisten.’ Aber so ist freie Marktwirtschaft. Wenn das sauber verdientes Geld ist, kann man es vernünftig einsetzen. Wenn das mit Sachverstand und der ehrlichen Absicht geschieht, nachhaltig einen Verein aufzubauen, habe ich keine Probleme damit. Der Zirkus zieht nicht morgen weiter, sondern das ist jetzt der Verein, der in dieser Stadt und dieser Region verankert ist.

„Ich wette nur noch um ein anständiges Pils”

 Sind Sie eigentlich heute noch froh, dass RB Leipzig 2017 nicht Deutscher Meister geworden ist? Sie hatten in dem Fall gewettet, nackt auf dem Leipziger Marktplatz eine Runde zu drehen.
(lacht) Diese Wette vergessen wir bitte ganz schnell. Sie galt im übrigen auch nur für 2017. Das wird auch nicht ansehnlicher, fürchte ich.

Sie möchten keine neue Wette platzieren? Sie hätten jetzt die Möglichkeit.
Nein, bloß nicht noch einmal. Ich wette höchstens noch um ein anständiges Pils.

Marcel Reif kommentiert das DFB Pokalfinale am Samstagabend bei Servus TV und analysiert die Partie an diesem Sonntag, 26. Mai, als Experte im Sport1-Doppelpass (live ab 11 Uhr).