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Kommentar: Transformation zum Spitzenteam braucht Geduld

Von Ullrich Kroemer
Gegen zwei Weltklasse-Stürmer muss auch Ibrahima Konaté passen (Foto: imago).

Gegen zwei Weltklasse-Stürmer muss auch Ibrahima Konaté passen (Foto: imago).

Bevor sich Niko Kovac in die Feierlichkeiten der Pokalnacht stürzte, warnte der Bayern-Trainer: „Mit RB Leipzig müssen wir in Zukunft rechnen.” Das war nicht als gefälliges Kompliment des Siegers für den gerade Unterlegenen gedacht, sondern Kovac meinte es ernst. Trotz der 0:3 (0:1)-Niederlage im DFB-Pokal-Endspiel forderten die Leipziger den späteren Pokalsieger jeweils zu Beginn der Spielhälften maximal. So war dieses erste große Finalspiel auch ein Versprechen auf weitere dieser großen Abende, an deren Ende im besten Falle Titel vergeben und rauschende Feste gefeiert werden.

Noch ist RB Leipzig nicht so weit, metallene Trophäen in die Höhe recken zu können. Das hat auch die Bundesligasaison gezeigt. Gegen unterlegene Teams oder Konkurrenten auf Augenhöhe wie Bayer Leverkusen, die TSG Hoffenheim oder Borussia Mönchengladbach erzwang, erarbeitete und erspielte sich die Rangnick-Elf nervenstark Siege. Ein Wandel zu mehr Siegermentalität, der vor allem durch eine perfekt abgestimmte Defensivleistung in allen Mannschaftsteilen, den wiederentdeckten Gegenpressing-Spirit sowie im besten Falle gut choreografiertes Umschalten und effektive Chancenverwertung gelang.

Die besten Bilder des DFB-Pokalfinales.

Nur ein Punkt und drei Tore für RB Leipzig gegen die Topteams

Auch gegen die Topteams schlug sich RB spielerisch in Phasen durchaus beachtlich. Doch am Ende reichte es weder gegen Bayern München, noch Borussia Dortmund oder Schwesterklub Salzburg zu einem Sieg. In den sieben Partien gegen diese Teams holte RB nur ein einziges Unentschieden, das 0:0 gegen München. Sonst setzte es ausschließlich Niederlagen, bei einem Torverhältnis von 3:13 Treffern. In diesen großen Spielen war das Team unter Ralph Hasenhüttl teilweise schon weiter gewesen.

In dieser Saison fehlte gegen die absolute Spitze immer eine Prise Präzision, individuelle Klasse, Cleverness, Erfahrung, Durchschlagskraft, Dominanz, Fortune. Killerinstinkt, wie die Profis sagen. Zudem ist es auch ein strukturelles Problem der Leipziger Spielanlage, dass das Konzept des ständigen Pressens Stressens des Gegners gegen spielerische Ausnahmeteams schwieriger ist, da die weniger anfällig für Fehler sind. So entwickeln die Topgegner meist mit fortwährender Spieldauer ein Übergewicht, was früher oder später zu Gegentoren führt, wenn RB nicht selbst früh in Führung gehen kann. Das alte Problem des Rangnick-Fußballs.

Vorbild FC Liverpool?

Heißt also: Natürlich kann RB auch aktuell bereits aus der Underdog-Position heraus gegen diese Spitzenmannschaften gewinnen – das hat das Pokalfinale angedeutet. Doch dafür muss die Chancenverwertung erstklassig sein.

Um den Spitzenmannschaften in der kommenden Saison mehr entgegensetzen zu können, braucht RB Leipzig mehr Kreativität und Klasse im Spielaufbau. Bei den Auslösehandlungen, sagen die Profis. Es geht nicht darum, die sogenannte spielerische DNA aufzugeben, sondern darum, mehr Ballbesitzphasen einzubauen, um mehr Spielkontrolle zu erlangen. So wie das etwa der FC Liverpool getan hat. Nicht umsonst bezeichnete Rangnick „Reds”-Trainer Jürgen Klopp jüngst als derzeit „weltbesten Trainer“.

Titelreife aus eigener Stärke

Dass RB Leipzig diese Transformation zu einem Topteam nicht etwa durch Zukäufe von Starspielern schaffen will, sondern durch den Startrainer Julian Nagelsmann, ist zwar konsequent verfolgte Klubstrategie. Rangnick und Klubboss Mintzlaff setzen weiter auf die Devise, Toptalente, die zehn, maximal 20 Millionen Euro kosten dürfen, zu Topstars zu machen und somit aus der Stärke des Spielsystems heraus gepaart mit stetig steigender individueller Klasse und Erfahrung aus erneuten „Königsklassen”-Teilnahmen Titelreife zu erlangen.

Doch ob das kurz- und mittelfristig auch genügt, um große Gegner zu schlagen und Titel zu holen, liegt an der Entwicklungsfähigkeit der Etablierten im Kader, die unter Nagelsmann auch durch die Bundesliga- und Europapokal-Erfahrung der vergangenen drei Jahre einen weiteren Leistungssprung machen sollen. Im Gegensatz zum rasanten Aufstieg der vergangenen zehn Jahre seit der Gründung braucht es dafür kurz vor dem Gipfel mehr Geduld. Siege gegen die besten Mannschaften Europas gelingen nicht im Handstreich.

Leipziger Strategie kann mittelfristig aufgehen

Doch mittelfristig kann die Leipziger Strategie den Klub näher an die besten 16 heranführen. Wie bei Yussuf Poulsen und anderen in dieser Saison können deutliche Steigerungen auch in der kommenden Spielzeit gelingen, da fast alle Spieler noch Potenzial nach oben haben. Einige, wie Winter-Zugang Amadou Haidara, haben schließlich noch nicht einmal andeuten können, wozu sie imstande sind. Andere wie Tyler Adams könnten sich endgültig als Leistungsträger etablieren. Und die Arrivierten wie Marcel Sabitzer und Emil Forsberg brauchen Druck durch weitere Zugänge, die konkurrenzfähiger sind als etwa Bruma. Organisches Wachstum nennen sie das bei RB Leipzig. Niko Kovac ist also zurecht gewarnt. Gut möglich, dass sich beide Klubs im kommenden Jahr in Berlin wiedertreffen.