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Trainingslager-Fazit: Nagelsmann zeigt, was er drauf hat

Aus Seefeld berichteten Martin Henkel und Ullrich Kroemer
Alles im Blick: Julian Nagelsmann beobachtet das Standardtraining von der Kamera-Hebebühne gemeinsam mit Sportpsychologe Max Pelka und Videoanalyst Benjamin Glück (Foto: imago/picture point le).

Alles im Blick: Julian Nagelsmann beobachtet das Standardtraining von der Kamera-Hebebühne gemeinsam mit Sportpsychologe Max Pelka und Videoanalyst Benjamin Glück (Foto: imago/picture point le).

RB Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann hat zum Abschluss des Vorbereitungscamps ein mehr als positives Fazit gezogen. Nach dem 3:2 im Test gegen Galatasaray Istanbul sagte der 31-Jährige: „Das war ein sehr, sehr gutes Trainingslager.” Für Nagelsmann war es die zweite Woche an der Spitze des Kaders von RB – und der erste intensive Ausflug zusammen. Eine Einschätzung.

Trainingslager in Seefeld zum Dritten

Für Nagelsmann war das Trainingscamp auf der Seefelder Hochebene ein Debüt, für mehr als die Hälfte der Spieler hingegen ist es eine Rückkehr nach bereits zwei Aufenthalten in den vergangenen zwei Sommern gewesen. Der Trainingsrasen unterhalb der Olympiaschanze war erneut in perfektem Zustand, das noble Hotel im Seefelder Nachbarort Mösern bucht RB stets komplett und genügt höchsten Ansprüchen. Und in diesem Jahr spielte sogar das Wetter perfekt mit.

Aus Sorge um Lagerkoller und Überdruss verkürzte der neue Coach den Umfang – und wurde davon positiv überrascht: Vor der Abreise am Samstagvormittag sagte er: „Wir hatten sehr intensive Einheiten, haben dann den Spielern mal ein bisschen Luft gelassen und mit einem guten Testspielergebnis abgeschlossen. Es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man mit dem Gefühl heimfliegt, dass man auch noch ein, zwei Tage hätte bleiben können.”

Test-Fazit gegen Galatasaray-Istanbul

Die Partie gegen den türkischen Traditionsclub Galatasaray Istanbul war nach dem 1:4 gegen den FC Zürich Leipzigs zweiter Test unter dem neuen Coach. RB drehte das Spiel nach 0:1-Rückstand binnen drei Minuten und siegte mit sieben U19-Spielern in der letzten halben Stunde 3:2. Nagelsmann begrüßte vor allem den Comeback-Effekt. „Es war wichtig, dass wir nach einem 0:1 zurückgekommen sind.” Das sei auch gut für den Liga-Alltag. Eine Schwäche, die er in der ersten Hälfte ausmachte, war der zu ungenaue und unkreative letzte Ball vor dem Torabschluss. „Das Umswitchen zwischen aktivem Anlaufen und der nötigen Ruhe bei Ballbesitz ist die hohe Kunst, daran werden wir weiter arbeiten”, sagt Nagelsmann.

Wer hat überzeugt?

Im Test taten sich vor allem drei Spieler hervor. Zugang Christopher Nkunku deutete seine vielen Fähigkeiten an. Der Pariser ist wendig und schnell, technisch beschlagen, hat strategisches und taktisches Geschick. Den Freistoß von Marcel Halstenberg zum 1:1 holte er heraus, indem er unwiderstehlich in den Strafraum zog und nur durch Foul gestoppt wurde. Zudem wird Matheus Cunha immer wichtiger, der die Spielkontrolle als Regisseur übernahm und unter anderem eine schöne Vorlage auf Yussuf Poulsen zum 2:1 beisteuerte. Zudem will Nagelsmann nach dem Trainingslager einen U19-Spieler dauerhaft zu den Profis hochziehen.

Sorgenkinder

Mit Emil Forsberg (Achillessehnenprobleme), Tyler Adams (Leistenprobleme) und Marcel Sabitzer, der sich gegen Galatasaray eine Bänderdehnung und Kapselverletzung im Sprunggelenk zuzog (44.), sowie dem langzeitverletzten Zugang Hannes Wolf (Knöchelbruch, Syndesmoseriss) hat RBL vier Spieler mit teils langwierigen Verletzungen. „Ich habe die Befürchtung, dass wir ein paar Verletzungen in die Saison schleppen. Da werden wir sicher noch was machen müssen”, sagte Nagelsmann.

Was neu ist unter Nagelsmann?

Es ist nicht immer zwingend, dass sich viel ändert, wenn ein neuer Trainer eine funktionierende Mannschaft wie RB Leipzig übernimmt. Nach zwei Wochen aber ist klar: Nagelsmann macht vieles anders als seine Vorgänger Ralf Rangnick und Ralph Hasenhüttl. Er ist deutlich lauter, redet mehr während der Trainingseinheiten sowie am Spielfeldrand und ärgert sich selbst bei Trainingsspielen über missratene Torchancen.

Gleichzeitig lässt er die Einheiten von einem Kameraturm aus und mit Hilfe einer Drohne filmen, um das Training später unterteilt in Spielphasen seinen Spielern als Videoschnipsel, teils zum Selbststudium mit an die Hand zu geben. Sein zentrales Hilfsmittel aber ist eine eher altmodische Taktiktafel, um die er sein Personal während der Trainingseinheiten oft versammelt. Der Grund? „Ein Großteil der Menschen lernt am meisten über das Sehen”, sagte Nagelsmann. Und: „Es hilft den Spielern, die noch nicht so gut Deutsch können.”

Seine Spieler überfordert er bewusst, damit von zehn Informationen zumindest fünf hängenbleiben. „Die übrigen fünf wiederholen wir dann immer wieder, bis wir bei 60, 70, 80, 90, 100 Prozent sind”, sagt er. Die Zahl der Einheiten mit Ball hat er erhöht, Athletiktraining kommt zu zwei Einheiten am Tag noch hinzu.

Was Nagelsmann vorhat

Bei seinem Jobantritt vor zwei Wochen hatte der neue Coach verkündet, die RB-DNA beibehalten und nur etwas „on top” setzen zu wollen. Im Trainingslager führte er nun aus, was er damit meint: variableres Ballbesitzspiel. Das Spiel mit dem Ball betrachtet er jedoch als Vorbereiter und Verstärker der darauffolgenden Gegenpressing-Aktion. Ballbesitz als Gegenpressing-Verstärker sozusagen.

Um bei der Dreifachbelastung mit Meisterschaft, Pokal und Champions League den Verschleiß zu minimieren, will er auch Ballbesitzphasen einbauen, die dafür sorgen, dass RB im Spielzug oder der Spielphase darauf wieder zu 100 Prozent Gegenpressing spielen kann. Die Qualität des Ballbesitzes zählt für ihn, nicht die Quantität. „Warum ich den Ball haben will, hat drei Gründe: eine höhere Wahrscheinlichkeit für Torabschlüsse, das bessere Personal-Verhältnis fürs Gegenpressing und dem Gegner das Gefühl zu geben, er könne kontern, obwohl er nicht kontern kann”, sagt Nagelsmann.

Wie Nagelsmann wirkt

Der Mann, der an diesem Dienstag 32 Jahre alt wird, wirkt selbst hoch energetisch und hat genug Elan, um ihn auch auf andere zu übertragen. Nagelsmann ist schnell im Kopf, ungeduldig, wie er selbst sagt, redet viel und schnell und steht ständig Kaugummi kauend unter Dauerstrom. Hyperaktiv würde man das bei Kindern wohl nennen. Im Training packt er akribisch selbst mit an. Mit seinen teils neuen, wie bei einem Studium höchst strukturierten Methoden, seinem offenen, selbstbewusstem, jugendlichen Auftreten – intern ebenso wie in der Öffentlichkeit – und mit viel inhaltlicher Tiefe hat der juvenile Chefcoach noch einmal eine höhere Schlagzahl und frischen Wind bei RB Leipzig ein. Und das ist als Nachfolger von Ralf Rangnick kein einfaches Unterfangen.

Wie es bei RB Leipzig weitergeht

Am Sonntag haben die Turnierspieler Lukas Klostermann, Ibrahima Konaté und Dayot Upamecano (alle U21-EM) ihre Leistungstests absolviert, Marcelo Saracchi (Copa America) folgt an diesem Montag. Der Malier Amadou Haidara (Africa Cup) kehrt am 29. Juli zurück. Zudem sollen die Zugänge Ademola Lookman und Ethan Ampadu in dieser Woche zum Kader stoßen. Dann wäre das Team vielleicht abgesehen von einem weiteren Zugang wie Benjamin Henrichs nahezu komplett.

Ab Montag bis zum Saisonstart im DFB-Pokal beim VfL Osnabrück am 11. August (15.30 Uhr) will Nagelsmann an Spieleröffnung und Spiel im letzten Drittel feilen, nachdem die Schwerpunkte im Trainingslager Balleroberung, Umschaltverhalten und Automatismen im Kombinationsspiel garniert mit Standardtraining waren. „Wenn wir die Schritte, die wir jetzt mit der kleineren Gruppe gegangen sind, auch mit der großen gehen, bin ich zuversichtlich, dass es gut werden wird”, sagt Nagelsmann. (RBlive/mit dpa)