Benjamin Henrichs im Interview

„Was ist hier los? Gefühlt sind wir kurz vor dem Abstieg”

Von Ullrich Kroemer Aktualisiert: 27.08.2022, 11:40
„Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen": Benjamin Henrichs hat Erfahrungen mit Fehlstarts.
„Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen": Benjamin Henrichs hat Erfahrungen mit Fehlstarts. (imago/motivio)

Direkt nach dem Training unter freiem Himmel spricht es sich besser: Nationalspieler Benjamin Henrichs forscht im Gespräch mit MZ-/RBlive-Reporter Ullrich Kroemer vor dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg (Sa., 15.30 Uhr) nach den Gründen für den schlechten Saisonstart von RB Leipzig, kritisiert die aufgeregte Stimmung zum Saisonstart, beschreibt seinen Zwiespalt vor der WM in Katar und wie er Alltags-Rassismus erlebt.

Benjamin, Sie dürfen in der Champions League gegen Real Madrid antreten. Was war Ihre erste Reaktion und worauf freuen Sie sich gegen den Titelverteidiger besonders?
Benjamin Henrichs: Ich habe mich natürlich riesig gefreut, denn endlich darf ich zum ersten Mal gegen Real Madrid spielen. Das sind die Highlights von denen man als Kind schon geträumt hat, sich mit den Besten messen zu können.

Wenn man sich die anderen Gegner Schachtjor Donezk und Celtic Glasgow anschaut, ist es durchaus ein Vorteil, dass RB erstmals in Topf zwei gesetzt war.
Wir hatten zuvor zwei Jahre sehr schwere Gruppen, haben uns aber 2020 auch gegen Paris St. Germain und Manchester United durchgesetzt, im vergangenen Jahr haben wir gegen Manchester City gewonnen. Es kommt also eher auf unsere Leistung und Qualität an als auf große Namen. Andersherum wird es für uns auch nicht einfach, gegen Schachtjor Donezk und Celtic Glasgow zu spielen. Alle haben die Qualität für die Champions League und sich zu Recht für die Gruppenphase qualifiziert.

Zur Bundesliga: Die Vorzeichen vor der Saison waren sehr gut. Wo liegen aus Ihrer Sicht die Hauptursachen, dass Sie schwach gestartet sind?
Vieles hängt am ersten Spiel in Stuttgart, in dem wir 28 Torschüsse hatten, aber nur ein Mal getroffen haben. Wenn wir dort ein Tor mehr geschossen hätten, wären wir sehr wahrscheinlich nicht in der jetzigen Situation. Gegen Wolfsburg wollen wir nun zeigen, dass wir es besser können.

Henrichs über die Situation bei RB Leipzig: „Werden auch dieses Mal beweisen, dass wir umso stärker zurückkommen können”

Wie enttäuscht sind Sie selbst über diesen Start? Vor der Saison hieß es, dass das Team auch in der Hinrunde konstanter punkten will, um möglichst lange mit dem FC Bayern Schritt zu halten. Nun beträgt der Abstand bereits sieben Punkte.
Natürlich, wir haben uns das alle anders vorgestellt. Enttäuscht sind wir, weil es unnötig ist, dass wir zweimal Remis gespielt und verloren haben. Aber wir wissen auch, dass wir daraus Motivation und neue Stärke ziehen können. Das kann keine Mannschaft besser beschreiben als wir, wenn man mal sieht, wo wir mit Domenico Tedesco begonnen haben und wie die Saison endete. Wir werden auch dieses Mal beweisen, dass wir nach schwächeren Phasen umso stärker zurückkommen können.

Kevin Kampl sagte jüngst, dass das Team Matchpläne des Trainers nicht komplett eingehalten habe. Sind Sie da bei ihm?
Wenn der Trainer uns mit einer Idee ins Spiel schickt und wir nur drei-, vier Mal etwas anderes machen, können genau das die Situationen sein, in denen der Gegner kontert und wir 0:2 hinten liegen. Also sollten wir uns durchgängig an den Plan halten. Es war für mich gegen Union völlig unnötig, wie wir die Gegentore kassiert haben.

Für welchen Spielstil steht RB gerade? Domenico Tedesco hätte gegen Union am liebsten 80 Prozent Ballbesitz gesehen. Ist das der richtige Weg gegen tiefstehende Teams?
Das ist auf jeden Fall ein Weg, den man gehen kann. Wenn ich beim Spiel gegen Union nur an die Szenen denke, in denen Timo Werner den Elfmeter nicht bekommt oder ich ihn schicke und er den Pfosten trifft, sind das genau die Situationen, die aus diesem Ballbesitz entstehen können. Wir haben die Qualität für Kombinationsfußball mit viel Ballbesitz. Aber wir können viele Stile spielen, mal pressen wir voll, mal agieren wir ein bisschen abwartender.

Gibt es noch den RB-Stil?
Ja, es gibt noch das typische RB-Spiel. Wir haben beim Auftakt gegen Stuttgart in vorderster Linie gepresst, sind voll draufgegangen. Gegen Union hingegen wollten wir so viel Ballbesitz wie möglich haben und geduldig spielen. Das ist dann durch vermeidbare Fehler nicht aufgegangen.

Was braucht RB Leipzig? „Mix aus Geduld, Effizienz vor dem Tor und der Ruhe am Ball”

Muss das Team Geduld noch lernen?
Teils, teils. Es ist ein Mix aus Geduld, Effizienz vor dem Tor und der Ruhe am Ball, wie wir das Spiel im Mittelfeld gegen einen kompakten, pressenden Gegner aufbauen.

Ist es ein Faktor, dass mit David Raum und Timo Werner zwei Spieler erst spät dazugekommen sind und die Vorbereitung verpasst haben?
Es ist immer ein Unterschied, ob Spieler aus dem Ausland kommen, die sich erst an die neue Kultur und Sprache gewöhnen müssen oder ob das wie in diesem Falle deutsche Nationalspieler sind, die die Liga kennen. Beide haben richtig große Qualität. Durch Timo haben wir noch mehr Geschwindigkeit für Tiefenläufe bekommen und David Raum kann die Flanken auf den Punkt reinbringen. Die Integration der beiden wird kein Prozess sein, der lange dauern wird.

Sie haben in Monaco und mit RB schon Fehlstarts in die Saison erlebt. Worauf kommt es jetzt an, um möglichst schnell die Kurve zu kriegen?
Wir dürfen uns nicht verrückt machen lassen. Wir haben jetzt den vierten Spieltag. Aber wenn du die Reaktion in den Medien siehst, dass plötzlich der Trainer nicht mehr der richtige und die Mannschaft zu schlecht sein soll, dann frage ich mich: Was ist hier los? Gefühlt sind wir kurz vor dem Abstieg, wenn man hört und liest, was geschrieben und gesagt wird. Klar, die Ergebnisse waren nicht da und wir laufen derzeit unseren eigenen Ansprüchen hinterher, aber wir haben nicht schlecht gespielt. Das Rezept jetzt ist ganz einfach: Weiter geduldig und hart arbeiten, dann wird der Erfolg auch kommen.

Er versucht uns aufzufangen, ist für uns da, verkrampft nicht.

Benjamin Henrichs über Domenico Tedesco

Wie erleben Sie Domenico Tedesco in der neuen Situation, in der es mal nicht so läuft?
Er versucht uns aufzufangen, ist für uns da. Vor der ersten Einheit dieser Woche hat er gesagt, dass wir mit einem Lächeln auf den Platz gehen und uns von der Situation nicht verrückt machen lassen sollen. Er verkrampft nicht, lässt sich nicht von außen beeinflussen. Das macht es uns Spielern einfacher. Dementsprechend hatten wir auch eine gute Trainingswoche mit viel Spaß.

Was zeichnet den Coach aus Ihrer Sicht aus?
Domenico ist ein Trainer, der sehr detailliert ist, der mit allen Spielern auch viel individuell arbeitet – im Videostudium ebenso wie auf dem Platz. Er achtet auf die kleinen Dinge, das können auch mal Einwürfe sein. Das hilft uns ganz konkret weiter. Und auch auf der Motivationsebene stellt er uns vor den Spielen top ein. Wir wollen uns zerreißen, wenn wir auf den Platz kommen.

Sein Vorgänger Jesse Marsch sagte mal, dass er nicht genau wisse, was Ihre Qualitäten seien. Konnten Sie die inzwischen bei RB zeigen?
Was sagen Sie?

„Inzwischen weiß auch Jesse Marsch, was meine Qualitäten sind”

Sie sind in der Rückrunde ein wichtiger Faktor im Team geworden – auf verschiedenen Positionen.
Ich habe unter Jesse leider keine wirkliche Chance bekommen. Wenn man dann nicht spielt und öffentlich infrage gestellt wird, sinkt das eigene Image in der Öffentlichkeit. Ich wusste aber, wenn ich trotzdem weiter Gas gebe, bin ich bereit, wenn sich die Situation ändert. Drei Monate nach Domenicos Amtsübernahme war ich wieder bei der Nationalmannschaft dabei. Ich denke, inzwischen weiß auch Jesse Marsch, was meine Qualitäten sind (lacht).

Nämlich?
Auf der Sechs bin ich defensiv sehr stabil, gewinne Zweikämpfe und verteile den Ball gut. Rechts bin ich ein spielerischer Typ. Im Vergleich mit David Raum bin ich nicht der Typ, der hoch und runter läuft und eine Flanke nach der anderen reinschlägt, sondern ich gehe eher ins Dribbling, versuche, einen Doppelpass zu spielen oder einen freien Mitspieler zu finden. Es ist wichtig, dass wir auf dem Flügel verschiedene Spielertypen haben, weil wir sonst zu leicht berechenbar wären.

Werden Sie die ganze Saison über zwischen Sechs und rechter Flanke pendeln?
Das weiß ich nicht genau. Der Trainer weiß, dass ich auch auf der Sechs spielen kann und die Rolle sehr gern übernehme. Aber wir sind dort sehr dicht besetzt, auf Außen weniger. Ich weiß, woher ich komme, wie die Situation vor einem Jahr war. Ich werde mich niemals darüber beschweren, dass ich vielleicht nicht auf meiner absoluten Lieblingsposition spiele, sondern bin froh, dass ich im Team bin – und meine Qualitäten zeigen kann (lacht).

Was haben Sie sich persönlich vorgenommen: Wie wollen Sie Akzente setzen?
Ich habe in der vergangenen Saison meine Torgefährlichkeit entdeckt, das fand ich nicht schlecht. Wenn die Quote da nochmal steigt, wäre das top. Aber in erster Linie ist die Herausforderung für mich, dass ich den defensiven Part genauso erfülle wie den offensiven.

Das nächste Länderspiel gegen Ungarn findet in Leipzig statt. Haben Sie schon Signale des Bundestrainers erhalten, dass Sie dabei sind?
Der letzte Kontakt war mit Co-Trainer Danny Röhl im Trainingslager in der Steiermark. Wenn ich dabei sein sollte, werde ich es früh genug erfahren. Bis dahin bringe ich meine Leistung.

Auf welcher Position sehen Sie die Bundestrainer?
Eher rechts, ich habe bei der Nationalmannschaft aber auch schon auf der linken Seite trainiert. Es ist nicht von Nachteil, dass der Bundestrainer weiß, dass ich auch auf der Sechs spielen kann und sehr variabel bin.

Henrichs über die WM in Katar: „Das ist mein Zwiespalt als Spieler”

Ist es ein Vorteil, dass es inzwischen gleich fünf deutsche Nationalspieler bei RB gibt? Bei der WM könnte RB hinter Bayern den zweitstärksten Block bilden.
Klar, ein solcher Block bringt immer Vorteile. Es spricht einerseits für den Verein, dass sich Spieler wie Timo Werner und David Raum entscheiden, zu uns zu kommen. Andererseits spräche es für uns, wenn wir als Block nach Katar fahren würden und unsere internationale Qualität beweisen könnten.

Sie sind ein gesellschaftlich engagierter Typ. Rund um die WM gibt es hinsichtlich Arbeitsbedingungen und Menschenrechten viel Kritik. Machen Sie sich darüber Gedanken?
Auf jeden Fall. Wir haben mit der Nationalmannschaft diverse Vorträge von Experten gehört, um zu wissen, was in Katar vor Ort passiert. Wir sind da sehr gut im Bilde. Aber es gibt eben immer auch diesen Traum, bei einer WM dabei zu sein. Als Deutschland 2006 Dritter wurde, habe ich das als kleiner Junge verfolgt und geweint, als die Mannschaft im Halbfinale an Italien scheiterte. Jetzt habe ich selbst die Chance, eine WM zu spielen. Das ist mein Zwiespalt als Spieler.

Wie gehen Sie damit um?
Wir als Spieler haben keinen Einfluss auf die Spielort-Entscheidung der FIFA. Es ist wichtig, das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit im Fokus zu behalten. Wir haben Vertrauen, dass der DFB und die Politik die Themen ernst nehmen und sich die Dinge hoffentlich bald bessern.

Sie haben sich auch für die Black-lives-matter-Bewegung eingesetzt. Sind Sie was das Thema Rassismus angeht weiter engagiert?
Ich gebe für Black-lives-matter weiter meine Stimme. Alltags-Rassismus ist weiter täglich ein Thema für mich. Ein Beispiel ist, dass ich häufig auf Englisch angesprochen werde, dann auf Deutsch antworte, die Person aber dennoch weiter Englisch mit mir spricht. Dass ich schwarz bin, heißt ja nicht automatisch, dass ich kein Deutsch kann. Das sind Kleinigkeiten, die mich aber stören, weil ich in Bocholt geboren wurde und hier in Deutschland aufgewachsen bin.

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