Sportwissenschaftler harald lange

Der "Spielverderber": Spaltet RB Leipzig die Bundesliga?

Von RBLive/hen Aktualisiert: 26.06.2022, 10:40
Dier Ablehnung von RB Leipzig ist breiter Konsens in der aktiven Fanszene
Dier Ablehnung von RB Leipzig ist breiter Konsens in der aktiven Fanszene (imago/jan huebner)

Spaltet RB Leipzig die Bundesliga? Diese Frage wirft der deutsche Fanforscher Harald Lange auf. Lange, 53, ist Professor für Sportwissenschaften an der Universität Würzburg und gilt als einer der führenden Sport- und Fanforscher Deutschlands.

Ablehnung erreicht Führungsebene

Aktuell hat er einen Text im Magazin "Watson" veröffentlicht. In diesem beantwortet er seine Frage mit der Beobachtung einer neuen Dimension der Ablehnung des sogenannten "Konstruktes" RB Leipzig: nämlich der Stigmatisierung und Ausgrenzung auf Vereinsebene.

Bislang war es lediglich in der aktiven Fanszene deutscher Bundesligaklubs Übereinkunft, den 2009 gegründete Fußballverein des österreichischen Getränkeunternehmens Red Bull als sogenanntes und vermeintliches "Marketing-Konstrukt" abzulehnen. Mittlerweile aber hat diese Ablehnung auch die Führungsebenen deutscher Profiklubs erreicht, die selbst nicht unverdächtig sind, ihre Werte und Ansichten zu kommerzialisieren bzw. kommerzialisieren zu müssen, um überhaupt am Profifußball teilnehmen zu können.

So verweigerte etwa der bis dato friedfertige SC Freiburg einen gemeinsamen Fanschal zum Pokalfinale, der eigentlich Usus ist. Der Drittligist VfL Osnabrück wiederum wünschte dem SC in einem "offenen Brief" viel Glück im Finale, weil RB eine neue Stufe der Kommerzialisierung darstelle, was - per se - nicht sein dürfe. Und schließlich der jüngste Fall "Teutonia Ottensen", dem die zwei Stadtteilnachbarn Hamburger SV und 1. FC St. Pauli die Nutzung ihres Stadions verweigern, nur weil der Gegner RB Leipzig heißt und Teutonia nicht auf seinem Kunstrasen spielen darf.

"Bedrückende Athmosphäre"

Der Hamburger Landespokalsieger Ottensen spielt deshalb seine Erstrunden-Partie in Dessau, knapp 350 Kilometer von der eigenen Spielstätte entfernt. Die eigentlich bizarre Verkehrung des Ottenser Heimspielrechtes markiert nach Lange den aktuell erreichten Höhepunkt der Ausgrenzungsversuche gegen RB Leipzig. Was Lange besonders auffällt (und sorgt) ist die Übernahme der Kritikbegriffe und argumentativen Strukturen durch Hauptverantwortliche von ebenfalls kommerziellen Klubs.

Diese Form der Ausgrenzung ist der von vermeintlichen "Spielverderbern", als die Lange RB in seinen Überlegungen bezeichnet, nicht unähnlich. Aus teils kaum noch sachlichen Gründen möchte man dem Leipziger Klub das Recht aufs Mitspielen eigentlich verweigern. Man traut sich nur noch nicht, es laut auszusprechen. Noch nicht.

´Mit einer Prognose, wohin dieser neue Trend führen kann, hält sich Lange zurück. Er stellt aber in den Raum, dass ein vergiftetetes Klima und "eine Spaltung" der Bundesliga und ihrer Fans durchaus mögliche Szenarien sind. Zusätzlich schreibt er: "Die Boykottentscheidungen einzelner Klubs schaffen eine bedrückende Atmosphäre. Selbst wenn es bislang nur um Merchandising oder die Stadionnutzung ging, so entsteht nach und nach eine überaus unglückliche Stigmatisierung."

Lange forderte breite Debatte

Ein Ausweg ist gerade nicht in Sicht. Eher eine Verschärfung der Zustände, denn RB Leipzig hat mit dem Gewinn des DFB-Pokals seine Versuche eingestellt, moderat mit der Ablehnung umzugehen. Aus der "Spielverderber-Rolle" heraus entwickelt der Pokalsieger gerade eine Art Miesepeter-Stolz, der viel mit Stinkefinger-Gesten auf Schulhöfen gemeinsam hat.

In der Kabine des Olympiastadions in Berlin, wo das Pokalfinale stattfand, kippte RB-Profi Kevin Kampl nach dem Sieg im Elfmeterschießen eine Dose Red Bull in den gewonnenen Pokal. Einen Tag später rief Vereinschef Oliver Mintzlaff aufgekratzt in die Menge von RB-Fans vor dem Alten Rathaus in der Leipziger Innenstadt, dass die Liga fluchen könne, wie sie wolle, man bekomme RB nicht mehr weg. Dass sich so etwas in einem Landstrich, der wie alle Gebiete der ehemaligen DDR von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsthematiken geprägt ist, besonders verfängt, liegt auf der Hand. 

Um diese toxische Gesamtlage zu entschärfen, empfiehlt Lange eine Debatte darüber, welche kommerziellen Regeln sich der professionelle Fußball in Deutschland geben sollte. Sowohl der DFB als auch die Ligaverband DFL sollten ein explizites Interesse daran haben, die aufgeheizte Debatte um das Existenz- und Teilhaberecht RB Leipzigs am deutschen Profifußball nicht ausarten zu lassen. Diese Fragen wünscht er sich als Leitmiotive: "Welchen Fußball wollen wir? Welchen Werten und Leitlinien soll er folgen? Wie genau schaut die Ethik des neuen Kommerzfußballs aus?"