Kommentar RB sucht den nächsten Hurra-Trainer: Passt der Kader aber auch dazu?
RB Leipzig hat den Trainertyp gefunden, den der Klub offenbar gesucht hat. Die spannendere Frage lautet jedoch: Passt die Mannschaft überhaupt zu der Intensität und Mentalität, für die Martín Demichelis steht?

Leipzig - Wer weiß. Vielleicht hat man sich bei RB Leipzig tatsächlich wieder mehr Männlichkeit gewünscht, was zumindest bei der gestrigen Pressekonferenz schon mal ein wenig aufgegangen ist. Sonnenbraun präsentierte sich Martín Demichelis als neuer Trainer, durchtrainiert, die Haare verwegen frisiert.
Ein Argentinier durch und durch, deren Mentalität als Fußballer man gerade mal wieder bei der WM bestaunen kann. Zu viel Pathos fähige Männer, die im selben Augenblick mit dem Pinsel hantieren können und mit der Axt. Das ganze Paket an Manieren also, die den dreifachen Weltmeister im Fußball so erfolgreich machen.
Zu wenig mannhaft?
RB-Gesamt-Chefin Tatjana Haenni war vom Neuen deshalb offenbar sofort angetan. „Eine andere Persönlichkeit“ habe man nun auf dem Cheftrainerposten. Mit anders meinte sie: Anders als Vorgänger Ole Werner, der ihr – und weiteren Personen im RB-Kosmos – wohl zu brav, zu blass, vielleicht ja zu wenig mannhaft gewesen ist.
Wie anders sollte man den Wechsel zum eher unbekannten Trainer Demichelis verstehen, der bei seinem ersten öffentlichen Auftritt vor allem von Energie, Identität, Intensität, der Mannschaft, Hingabe, harter Arbeit und Aufopferung sprach. Alles Begriffe von der Liste berühmter X-Faktoren, die Taktik und Strategie erst zum Leben erwecken – und falls ausgiebig vorhanden zu außergewöhnlichem Erfolg führen können.
Eine Wette wie beim Lotto
Genau den sucht RB Leipzig bekanntlich seit geraumer Weile. Jede Saison aufs Neue, ein ewiges „hungry for more“. Auch deshalb verschleißt der Klub Trainer wie kaum ein zweiter in der Bundesliga. Jetzt also Demichelis, der Kriegertrainer, der Argentinier, der u.a. mit Kampfgeist und Aura das Team durch drei Wettbewerbe führen soll.
Es ist eine Wette wie beim Lotto. Niemand kann sagen, ob das Experiment mit dem in Europa weitgehend unerfahrenen Ex-Coach von Bayern II, River Plate (Argentinien), CF Monterrey (Mexiko), RCD Mallorca (Spanien) aufgeht. Es liegt nämlich nicht nur am Trainer, ob er den taurinbefeuerten Fußball aufs Feld bekommt, den man sich beim Energy-Drink-Giganten Red Bull so sehnlichst wünscht. Es liegt auch am Team.
Werner und Rang drei: ein Stoßseufzer
Dieses Team schürt allerdings Zweifel daran, zu eben jenem Männerfußball fähig zu sein, wie er den Machern und dem Trainer vorschwebt. Der Kader ist bekannt dafür, so talentiert zu sein, wie er jung ist, brav, ruhig, etwas in sich gekehrt und wankelmütig. Und zwar über jeden XXL-Umbruch hinweg, was womöglich auch mit dem am Cottaweg heimischen Geist des Klubs zu tun hat. Und eventuell mit der Transferstrategie, bei Spielern jenseits der 26 abzuwinken. Es lag jedenfalls nicht nur an Ole Werner, dass sich Rang drei aus der Vorsaison nicht wirklich wie ein feiner Erfolg anfühlte. Sondern eher wie ein Stoßseufzer.
Diese Bürde nimmt Demichelis mit in seine erste Topliga-Saison. Er kann nur hoffen, dass ihn der Spirit von Saalfelden nicht heimsucht wie ehedem Jesse Marsch. Der US-Amerikaner, aktuell kanadischer Nationaltrainer, war ebenfalls eingestellt worden mit der Vorgabe, die vermeintlich reine RB-Lehre umzusetzen: auf sie mit Gebrüll, Messer zwischen den Zähnen, ein Hurra auf den Lippen.
Der Geist von Jesse Marsch
Viel sprach der sympathische Coach damals in Österreich während des Trainingslagers von der „Gruppe“, vom Teamgeist, oder der Hingabe an den Fußball. Am selben Ort wird nun auch Demichelis seinen Kader auf die neue Saison vorbereiten.
Der Marsch-Fußball war damals ein Feuerwerk – aber in beide Richtungen des Spielfeldes. Nach vier Monaten wurde er entlassen und durch einen Trainer ersetzt, der wie Ole Werner eher von ruhiger Art war. Und so auch spielen ließ. Sein Name: Domenico Tedesco, Pokalsieger mit RB und Europa-League-Halbfinalist.
Wie sagte Demichelis gestern auf der PK? „Das Leben ist manchmal ganz schön verrückt.“ Wer wollte dem Mann widersprechen.