Das große Weihnachtsinterview mit Yussuf Poulsen

"Wir haben geflüstert: Bitte, schaffe es!"

Exklusiv spricht der dienstälteste Spieler von RB Leipzig über sein bisher bewegendstes Jahr und die aktuelle Krise der Rasenballsportler

Von Martin Henkel und Ullrich Kroemer 23.12.2021, 20:03 • Aktualisiert: 25.12.2021, 11:39
Seit 2013 bei RB Leipzig: Stürmer Yussuf Poulsen
Seit 2013 bei RB Leipzig: Stürmer Yussuf Poulsen (Quelle: imago/motivio)

Yussuf Poulsen ist der dienstälteste Spieler in der Kabine von RB Leipzig. Ein Urgestein, an dem die aktuelle Krise nicht spurlos vorbeigeht, aber der sie mit den Augen eines Fußballprofis betrachtet, der seit 2013 für die Sachsen spielt und schon so einiges an Auf und Abs erlebt hat. RBlive hat mit dem Stürmer und dänischen Nationalspieler über ein Jahr gesprochen, welches der 27-Jährige so auch noch nicht erlebt hat: über Leipzigs erste große Krise und mögliche Gründe, über den Herzstillstand seines dänischen Kollegen Christian Eriksen und über Pläne für die Zukunft, die mit Fußball nicht so viel zu tun haben.

Herr Poulsen, zum Jahresabschluss gab es eine herbe Niederlage gegen Bielefeld. Versaut Ihnen das Ihr Weihnachtsfest?
Nein, bis dahin werde ich wieder gute Laune haben. Aber das war schon ein echter Dämpfer zum Ende der Hinrunde.

Man hätte meinen können, dass mit Ihren neuen Trainer Domenico Tedesco das Spieljahr versöhnlich ausklingt. Im ersten Spiel gab es ein 4:1 gegen Gladbach, im zweiten ein seltsames 1:1 in Augsburg, wo sie lange Zeit haushoch überlegen waren und anhand der Großchancen hätten gewinnen müssen. Dann setzt es daheim gegen den Tabellenvorletzten ein 0:2. Wie erklären Sie sich das Auf und Ab in dieser Hinrunde?
Das Auf und Ab aus der Hinrunde ist mit diesen drei Spielen nicht vergleichbar. Wir waren auch gegen Bielefeld dominant, hatten fast 80% Ballbesitz. Aber der Trainer hat schon Recht, im letzten Drittel ging nicht viel, wir hätten ewig weiterspielen können.

"Nichts war selbstverständlich"

Ein Ausrutscher?
Ausrutscher gab es im letzten halben Jahr zu viele. Wir brauchen endlich Konstanz.

Nicht nur zum Jahresende, davor unter Jesse Marsch, sondern auch in der ersten Hälfte 2021 unter Julian Nagelsmann stand das Thema Konstanz auf der Agenda ganz oben. Was sind die Gründe, die den RB-Kader so schwanken lassen.
Warum das so ist, ist eine gute Frage. Wir sind eine junge Mannschaft. Das sind wir jede Saison, weil Spieler gehen und neue kommen, weil das die Philosophie des Klubs ist. Wir haben also nicht so viele Spieler, die schon 100 Spiele gemacht haben. Man bekommt Stabilität aber nur durch Wiederholungen. Die stellt sich ein, indem man bestimmte Situationen immer wieder erlebt. Das macht den Unterschied zwischen einem 19-Jährigen und einem 27-Jährigen aus. Das ist einfach so.

Lässt sich Stabilität nicht antrainieren?
Das ist nicht dasselbe. Man kann einen Augenblick in einem Spiel im Training nicht nachstellen. Sicherheit, Stabilität oder das andere große Thema bei uns, Effizienz vor dem Tor, bekommt man nur durch dauerhaften Erfolg und dem Meistern bestimmter, vergleichbarer Situationen im Spiel. Deshalb war es so holprig bei uns: Weniges war selbstverständlich. Klar, wir hatten zu Saisonbeginn auch Spiele wie das 4:0 gegen Stuttgart oder das 6:0 gegen Hertha. Aber diese Dominanz in jedem Spiel, das Herausspielen von Chancen, das fehlte oft. Ich denke, wir gehen jetzt die richtigen Schritte.

Man kann sich an der Frage, was ein Topteam ausmacht, gut an den Bayern orientieren. Dort gewinnen die Spieler jede Woche wieder nicht nur ihrer Klasse wegen, sondern aufgrund ihres Selbstbewusstseins, jedes Spiel ihren Talenten nach gewinnen zu können. Warum klappt das in Leipzig nicht?
Ich denke, das hatten wir auch schon. Wir hatten Spielzeiten, in denen war dieses Gefühl da, wir können nicht verlieren, egal ob wir nur eine Torchance herausholen: Wir machen das Ding und gewinnen 1:0. Ich bin mir sicher, da kommen wir wieder hin. Den Kader haben wir dafür.

Die Bayern sind eine Art Endstation für viele Spieler. Die sind dann sieben, acht Jahre da. RB gilt bei manchen Profis eher als eine Art Durchgangsstation. Ein Problem?
Sicherlich unterscheidet uns das von den Bayern, ja. Viele gute Spieler, die wir auch haben, gehen eben nach ein paar Jahren zu den allergrößten Topklubs, nach München oder Chelsea oder Liverpool. Bevor wir das als Verein nicht erreichen, bekommen wir die Selbstverständlichkeit zwar ein, zwei Jahre hin, aber eben nicht dauerhaft.

Auch bei RB gibt es viele Spieler wie Sie, wie Emil Forsberg, Peter Gulacsi, Willi Orban, Kevin Kampl, die schon lange im Verein sind.
Richtig, aber schauen Sie sich mal unsere Startaufstellungen in dieser Hinrunde an: Da standen ein Josko Gvardiol, ein Mohamed Simakan, ein André Silva oder ein Dominik Szoboszlai auf dem Platz, die sind erst im Sommer gekommen bzw. fit geworden und teilweise gerade mal 19 oder 20 Jahre alt. Ich will damit nicht alles erklären, aber es ist nun mal ein Unterschied zu den Bayern.

Was Poulsen von der EM erinnert

Die Frage, was RB sein will – ob ein Sprungbrettklub oder eher ein Verein wie die Bayern – war auch im April ein Thema, als Julian Nagelsmann darum bat, man möge ihn nach München ziehen lassen. Welche Selbstbild wünschen Sie dem Verein, bei dem Sie seit 2013 angestellt sind?
Wen der Verein abgibt, das ist nicht meine Entscheidung. Ich bin hier im neunten Jahr, richtig, und ich hatte nie einen Trainer, der länger als zwei Jahre da war. Ich bin den ständigen Wechsel also gewohnt und denke, dass wir es als Team, als Klub trotzdem immer wieder geschafft haben, oben mitzumischen. Es kann nun mal nicht jeder wie die Bayern sein. Das ist so.

Unter Marsch lief es von Anfang an holprig. Wann haben Sie gemerkt, dass es zwischen Team und Coach nicht funktioniert?
Das ist schwierig zu beantworten. Es war nie das Gefühl da, es geht gar nicht. Eher: Jetzt kommt‘s, jetzt klappt’s. Wir hatten bis zum Ende die Hoffnung, dass der Knoten platzt. Und dann kam jedes Mal ein Rückschlag. So wie nach Brügge. Dort haben wir ein Riesenspiel gemacht, alles funktioniert, man denkt: Okay, wir sind jetzt da, wo uns der Trainer haben will. Und dann verlieren wir zu Hause gegen Bayer 1:3. So ging das die ganze Zeit.

Sie waren beim 5:0 in Brügge verletzt, aber dabei. Und haben gecoacht wie ein alter Hase. Hat es Ihnen Spaß gemacht?
Ja und nein.

Was hat Ihnen gefallen?
Ich mag Fußball (lacht) - und Coachen ist besser als gar nichts machen zu können, wenn man nicht mitspielen kann. Aber das ist nichts, was ich später mal machen will.

Nicht?
Es geht um den Aufwand. Ich will die Wochenenden auch mal genießen und nicht jede Woche irgendwo hinreisen, weg von der Familie sein. Ich nehme das als Profi mit, weil ich den Sport liebe. Aber das noch weitere zehn, 20 Jahre so handhaben? Nein!

Wo Sie das Thema ansprechen: Von außen betrachtet haben Sie im vergangenen Jahr Ihre womöglich nervenaufreibendste Saison erlebt mit drei Trainern, der aktuellen Hinserie zum Vergessen, mit mehreren Verletzungen, Corona, Geisterspielen, dem verlorenen Pokalfinale im Mai, der EM im Sommer, dem Zusammenbruch ihres dänischen Nationalmannschaftskapitäns Christian Eriksen im ersten Spiel und dem kontroversen Halbfinal-Aus gegen England. Wie haben Sie Ihr Jahr 2021 von innen erlebt und wahrgenommen?
Es war echt viel los, das stimmt. Emotional herausfordernd war die Niederlage gegen Dortmund im Pokal, und natürlich der Herzstillstand von Christian, zum Glück aber mit einem Happyend! Das Halbfinal-Aus gegen England war ebenso hart, und dann läuft es bei RB richtig gut für mich, und ich verletze mich an der Wade.

Wenn man das zusammenzieht, dann kommt dabei ein Katastrophenjahr heraus.
(lacht) Ein bisschen klingt das so, oder? Nein, Niederlagen gehören im Fußball dazu, das waren ja nicht meine ersten. Verletzungen, wenn es gerade richtig gut läuft, hatte ich auch schon ein paar. Und so sehr uns das mit Christian natürlich damals geschockt hat, bleibt trotzdem das Positive – weil er überlebt hat. An das Spiel gegen England muss ich hingegen nicht unbedingt erinnert werden.

Es stand 1:1, das Elfmeterschießen gegen den Favoriten war nah, und dann bekommen sie einen Strafstoß gegen sich, weil Englands Stürmer Raheem Sterling im Strafraum einfädelt und fällt. Aus der Traum vom Finale!
Ja, das ist es, was so schwer zu verdauen ist. Objektiv betrachtet war England besser und jeder macht mal Fehler, gerade im Sport. Aber bitte keine Fehlentscheidung in so einem Spiel! Die Chance auf ein EM-Finale kommt für einen Dänen wohl nur einmal in der Karriere.

Dänen springen Silvester vom Sofa - warum?

Sehen Sie sich manchmal noch im ersten EM-Spiel im Kreis um Christian Eriksen stehen, nicht wissend, ob Ihr Kapitän den Herzinfarkt überleben wird?
Eigentlich nicht. Aber vor zwei Wochen habe ich einen Rückblick auf unsere EM im dänischen TV gesehen. Da kam das Thema zurück. Das war hart anzuschauen, weil auch alle Emotionen von dem Tag zurückkamen. Als wir damals so um ihn standen, hatten wir alle die Befürchtung, dass wir ihm vielleicht gerade beim Sterben zuschauen. Ich weiß noch, wie jeder von uns geflüstert oder gedacht hat: Bitte, schaffe es! Gott sei Dank hat er es geschafft, deshalb können wir alle mehr oder weniger normal darüber reden, weil es im Grunde genommen eine gute Geschichte ist. Gut, weil die meisten Menschen in Christians Situation gestorben wären. Er hatte das Glück, dass es während des Spiels passiert ist und alles in der Nähe war, um ihn sofort zurückzuholen. Wäre es ihm im Wohnzimmer passiert, wäre er jetzt nicht mehr da.

Wie war das, als Sie in dem Rückblick auch die Sterling-Szene nochmal zu Gesicht bekamen?
Ich habe es ausgehalten. Schwerer war es im Sommer. Ich hatte das Spiel glücklicherweise ein bisschen vergessen, dann kam ich aus dem Urlaub zurück und drei Tage später hatten wir Schiedsrichterschulung in Leipzig. Dabei wurden Szenen aus der vergangenen Saison gezeigt, die wir mit richtig oder falsch bewerten mussten…

Lassen Sie uns raten…
… (lacht) Ja, die Szene war darunter. In der Schulung wurde sie als Beispiel für eine falsche Entscheidung gezeigt. Ich habe sie jetzt also zwei Mal gesehen, das reicht. Ich will sie nie wieder sehen.

Sie sind jetzt 27. Sie haben in zwei deutschen Pokalfinals gestanden, in einem Champions-League-Halbfinale, waren bei der WM 2018 dabei, gehörten mit Dänemark zu den vier besten Teams bei der EM 2021 und haben sich gerade eben mit nur einem Gegentreffer und voller Punktzahl für die WM in Katar kommenden Winter qualifiziert. Sind Sie soweit zufrieden mit Ihrer Karriere?
(lacht) Ja. Aber glücklicherweise nicht zu einhundert Prozent, sonst müsste wohl ich mit dem Fußball aufhören, denn ohne Ziele würde mir viel an Motivation fehlen. Ich habe noch einiges vor.

WM-Titel?
(lacht) Mal schauen. Aber es ist überhaupt cool, dabei zu sein. Alles ist noch mal eine Nummer größer als eine EM oder die Champions League, die ganze Welt schaut zu, obwohl ich sagen muss, an die Spiele im Sommer wird sie nicht herankommen.

Wieso nicht?
Na ja, für uns war das in Kopenhagen ja wie eine Heim-EM. Die Stimmung, das Feeling, alles war gewaltig und ich bin so glücklich, dass ich geboren wurde, wann ich geboren wurde. Viele Spieler erleben ein Heimturnier nie, ich durfte es.

Dänen springen an Silvester um Mitternacht vom Sofa. Sie bekanntermaßen auch. An was noch werden Sie in diesem Moment denken?
Jedenfalls an nichts an 2021.

Wie das?
Na ja, der Sprung vom Sofa ist der vom alten ins neue Jahr. Wir blicken also nicht zurück, sondern nach vorn.

Was sehen Sie, wenn Sie auf 2022 blicken?
Wir haben eine schwere Rückrunde vor uns. Aber ich gehe noch immer davon aus, dass wir es in die Champions League schaffen. Gott sei Dank ist der Abstand mit sechs Punkten nicht ganz so groß. Und dann schauen wir mal, was im DFB-Pokal und der Europa League noch möglich ist.

Entscheidenden Anteil daran wird auch ihr neuer Trainer haben. Wie ist Ihr erster Eindruck?
Sehr gut. Man hat gegen Gladbach und auch in Augsburg trotz des Unentschiedens gesehen, zu was wir fähig sind, wenn wir seine Ideen umsetzen.

Wie Nagelsmann legt auch Tedesco neben Pressingattacken Wert auf Spielkontrolle über Ballbesitz. War das unter Jesse Marsch, der eher einen puristischen RB-Ansatz von Räuberfußball vertrat, tatsächlich der Knackpunkt, an dem die Mannschaft ihm nicht mehr gefolgt ist?
Nicht folgen würde ich nicht sagen. Aber unser Kader hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Da sind die alten Spieler, die den alten RB-Fußball aus dem Schlaf beherrschen, und es gibt neue Spieler, die es eher gewohnt sind, dass wir den Ball auch in den eigenen Reihen haben, und zwar über längere Phasen. Das war vielleicht das Problem. Nicht weil Jesses‘ Ansatz schlecht ist, sondern weil wir keinen konstanten Erfolg hatten. Ohne Erfolg verlieren manche Spieler aber das Zutrauen in Systeme, und dann verliert man sie auch für Ideen. Ich behaupte immer noch, hätten wir nach acht Spielen 15, 16 Punkte gehabt, wäre Jesse immer noch Trainer und wir wären alle happy mit dem neuen Stil.

Das gleiche Risiko besteht dann aber auch für Tedesco und seinen Ansatz, der Ihnen aus den Nagelsmann-Jahren vertraut ist, wenn der Erfolg ausbleibt.
Das Risiko besteht bei jedem, wenn du keinen Erfolg hast.

Wenn Sie noch etwas weiter vorausschauen, wo sehen Sie sich in den kommenden Jahren spielen? Sie haben Vertrag bis 2024. Nach dessen Ende aber sind Sie 30, da wird es schwer, nochmal auf Topniveau zum Beispiel ins Ausland zu wechseln.
(lacht) Ich bin ja schon acht Jahre im Ausland.

Stimmt, Sie sind ja Däne.
Genau. Die klassische Auslandserfahrung, wie es immer so schön heißt, brauche ich also nicht mehr. Ich habe immer betont, wenn ich keine Herausforderung mehr spüre und sportlich wie menschlich nichts Neues mehr an einem Ort lerne, dann ist der Zeitpunkt gekommen, zu gehen. Das ist nicht der Fall, siehe unser vergangenes Jahr...Mein Weg mit Leipzig ist noch nicht zu Ende.