interview mit mohamed simakan"Ein gutes Leben ist nicht selbstverständlich"

Franzose war in Leipzig auf Anhieb Stammkraft in der Innenverteidigung. Im Gespräch mit RBlive und der MZ spricht der 21 Jahre alte Sommerzugang aus Straßburg über frenetische Torjubel, Eins-zu-Eins-Duelle in der Abwehr, Frohsinn und scheinbare Karrieredellen.

Von Martin Henkel Aktualisiert: 16.03.2022, 14:45
Mohamed Simakan: "Mein erster Treffer im RB-Trikot ist schon was Besonderes"
Mohamed Simakan: "Mein erster Treffer im RB-Trikot ist schon was Besonderes" (imago/picture point le)

Wer will, kann es bei RB Leipzig relativ zügig zum Stammspieler schaffen. Das Tempo, mit dem sich Mohamed Simakan aber in die Abwehrkette der Sachsen gespielt hat, sucht (bis auf Angeliño) seinesgleichen. Vorigen Sommer für 15 Millionen Euro aus Straßburg gekommen, stand der 21-Jährige bis dato in 32 Pflichtspielen auf dem Platz.

Vorigen Sonntag beim 6:1 gegen Greuther Fürth ist zu den Einsätzen nun auch noch sein erstes Tor für RB gekommen. RBlive-Reporter Martin Henkel sprach mit dem Franzosen über frenetische Torjubel, Eins-zu-Eins-Duelle in der Abwehr, Frohsinn und scheinbare Karrieredellen.

Monsieur Simakan, in Ihrer Vita findet sich ein Fußballklub namens SC Air Bel? Wenn man es ausspricht, klingt es ein wenig wie RBL.
(lacht) Simmt. Es liegen aber Welten dazwischen. Air Bel ist ein Amateurklub aus einem Vorort von Marseille, meiner Heimatstadt. Ich war dort von 15 bis 17 Spieler.

Zuvor waren Sie Nachwuchskader bei Olympique Marseille, einer Legende des französischen Fußballs. Zu einem Amateurklub zu wechseln, klingt nach einer Karrieredelle.
Ich hatte mich mit 14 schwer am Knie verletzt. Die Ausbilder bei Olympique bekamen Zweifel, ob ich es in den Profibereich schaffen würde. Also bin ich zu Air Bel. Die haben eine klasse Nachwuchsarbeit.

"Ich habe alles, was ich brauche"

Wie kommt’s?
Das weiß ich nicht. Im Männerbereich sind sie zwar Amateure, mit der U-17 sind wir aber damals in die erste Liga aufgestiegen..

Sie sind kurze Zeit später nach Straßburg und von dort in den deutschen Fußball gewechselt. Auf einer Zufriedenheitsskala von eins bis zehn, wo ordnen Sie ihr Wohlbefinden seitdem ein.
Zehn!

Ohne Abstriche?
(lacht) Ohne Abstriche.

Für einen jungen Franzosen von der Côte d‘Azur im fernen Leipzig ist das bemerkenswert.
Ich habe alles, was ich brauche. Ich spiele bei einem tollen Verein, alle Mitarbeiter sind top, egal ob die Putzfrau, der Koch, der Greenkeeper, die Trainer, der Stab und meine Mitspieler. Alles ist super professionell und genauso, wie man es als Spieler braucht. Ich habe außerdem viel Spielzeit, wir sind erfolgreich. Alles, was ich mir von einem Verein gewünscht habe, finde ich hier.

Dann gibt es auch keine Defizite im Privatleben? Wohnung, Freunde, Sprache, Essen?
Die Wohnung ist super, ich habe sie von Ibrahima Konaté übernommen. Ab und an kommen Christo (Nkunku, Anm Red.), Nordi (Mukiele, Anm. Red.), Benny (Henrichs, Anm. Red.) oder Doudou (Haidara, Anm. Red.) vorbei. Wenn sie da sind, freue ich mich. Wenn sie nicht da sind, ist es auch okay. Ich komme gut allein zurecht.

Wenn man Sie beim Training oder im Spiel beobachtet, dann fällt vor allem eine große Fröhlichkeit und Leidenschaft auf. Woher haben Sie das?
Ein gutes Leben ist nicht selbstverständlich. Wenn man es hat, sollte man es genießen. Das tue ich.

Vergangenen Sonntag haben Sie Ihr erstes Tor in der Liga erzielt. Wie hat es sich angefühlt?
Großartig. Mein erster Treffer im RB-Trikot ist schon was Besonderes. Bei so einem Freistoß von Emil (Forsberg, Anm. Red) war das aber auch nur noch Formsache. (lacht)

Gejubelt haben Sie aber trotzdem, als hätten Sie ein Wunder vollbracht. Überhaupt feiern Sie für zwei, wenn Tore fallen. Selbst wenn Sie nicht der Schütze sind. Woher kommt das?
Ich war Fußballfan, bevor ich selber Spieler bzw. später Profi wurde. Ich weiß noch, wie glücklich ich bei jedem Tor war. Es war, als würde das ganze Stadion in einem Rausch versinken. Jetzt habe ich die Seiten gewechselt. Wenn wir ein Tor erzielen, dann stelle ich mir vor, wie sich die Fans darüber freuen. Diese Freude will ich zurückgeben.

Simakan war wichtig, dass "was wächst"

So etwas kann man nicht nur wollen. Man hat es auch in sich, oder?
Ja, natürlich. Ich habe grundsätzlich viel Freude in mir, und wenn ich die Möglichkeit habe, dann gebe ich sie weiter.

Sie waren in Ihrer Jugend mal Stürmer. Es heißt, sie hatten 130 Tore auf dem Konto, demnach mussten Sie auch mindestens 130 Mal jubeln.
(lacht) Das stimmt.

Wie wurde aus Ihnen ein Innenverteidiger?
Ich habe schon immer gern verteidigt. Irgendwann fiel einer unserer Abwehrspieler aus. Wir hatten keinen Ersatz, also fragte mich der Trainer, ob ich aushelfen kann. Also bin ich als Abwehrspieler aufs Feld, habe trotzdem ein Tor gemacht, später sagte der Coach zu mir: ‚Mo, bleib da hinten, das ist gut für dich.‘

Was am Verteidigen mögen Sie besonders?
Die direkten Duelle. Ich könnte 90 Minuten nur eins gegen eins spielen. Dort der Stürmer, hier ich – ich kann ich zeigen, was ich draufhabe und wie stark ich bin. Danach schüttelt man sich die Hände.

Sie waren von Beginn an weitgehend in der Startelf gesetzt. Waren Sie überrascht, wie schnell das ging?
Ich würde mich nicht unbedingt als Stammspieler bezeichnen. Aber überrascht war ich nicht. Man bekommt im Leben nichts geschenkt, man muss sich alles mit harter Arbeit verdienen. Damit bin ich aufgewachsen. Ich habe immer daran gearbeitet, meinen Zielen näherzukommen. Der Wechsel zu RB war das Ergebnis davon, kein Zufall, kein Geschenk. Ich weiß, ich muss weiter an mir arbeiten, und Leipzig ist der richtige Ort dafür. Man hat mir vor einem Jahr Vertrauen geschenkt, das werde ich zurückgeben.

Die Monate zu Beginn waren turbulent. Haben Sie mal gedacht, Sie sind beim falschen Klub gelandet?
Nicht eine Sekunde. Für mich war nicht entscheidend, dass alles auf Anhieb funktioniert. Der Trainer war neu, viele Spieler waren neu, das musste sich erst finden. Mir war wichtig, dass etwas wächst. Das kann man ja jetzt sehen.

Mögen Sie den deutschen Fußball?
Ja. Die Bundesliga ist eine top Liga. Sie ist sehr intensiv, die Spiele gehen von Strafraum zu Strafraum. Man muss viel mehr laufen als in Frankreich, man muss taktisch mehr mitmachen und mitdenken. Das gefällt mir.

Als Sie nach Leipzig kamen, trugen Sie rote Highlights in Ihren Haaren und begründeten dies damit, dass Sie das den Klubfarben Ihres neuen Vereins zu Ehren täten. Jetzt sind diese Highlights blau. Was lässt sich daraus ableiten?
(lacht) Ja, ich wollte mit den roten Strähnen dem Klub und den Fans meine Verbundenheit zu zeigen. Daran hat sich nichts geändert, doch Haare brauchen immer mal eine Veränderung. Ich habe noch einige Farbeideen. Lassen sie sich überraschen.