FinalSpektakel nach Rückstand und Roter Karte

RB wird nach Elfmeterschießen DFB-Pokalsieger

Von Ullrich Kroemer Aktualisiert: 21.05.2022, 23:01
35. Saisontreffer: Christopher Nkunku.
35. Saisontreffer: Christopher Nkunku. (imago/Matthias Koch)

Als der Elfmeter von Ermedin Demirovic von der Latte zurückprallte, gab es kein Halten mehr. Mit 5:3 (1:1, 0:1) nach Elfmeterschießen hat die Elf von Trainer Domenico Tedesco vor 74.322 Zuschauern gegen den SC Freiburg ihren ersten großen Titel gewonnen. RB hatte nach der Roten Karte gegen Marcel Halstenberg über eine Stunde zu zehnt gespielt und die Partie nach Rückstand in einem Pokaldrama gedreht.

RB mühte sich in den ersten zehn Minuten engagiert, ins Spiel zu finden. Linksverteidiger Marcel Halstenberg setzte aggressiv einem Ball an der rechten Außenlinie nach. Tedesco hatte sich für viel Pokalfinal-Erfahrung in der Aufstellung entschieden. Neben Halstenberg spielten auch die Routiniers Willi Orban, Lukas Klostermann und Emil Forsberg von Beginn an. Forsberg hatte dann auch die erste Chance des Spiels, als er seinen Gegenspieler links im Strafraum mit einer Körpertäuschung narrte und abzog. SCF-Keeper Mark Flekken konnte nur in die Mitte abprallen lassen. Doch Christopher Nkunkus Nachschuss wurde geblockt (14.).

RB Leipzig verschlief wieder mal die erste Hälfte

Danach überließen die Leipziger dem Finalneuling aus Freiburg das Spiel. RB war mut- und ideenlos im Aufbau, spielte nur lange Bälle, die nicht festgemacht wurden und gleich wieder bei den Breisgauern landeten, weil die Streich-Elf körperlich präsenter und leidenschaftlicher zu Werke ging. Viel zu große Lücken klafften zwischen den Mannschaftsteilen, es mangelte an Bewegung, den richtigen Positionierungen und Präzision im RB-Spiel.

Mohamed Simakan etwa brach mit dem Ball am Fuß den Aufbau gleich mehrfach ratlos ab, weil er keine Anspielstation im Mittelfeld fand. Konrad Laimer und Kevin Kampl, die eigentlich hätten die Umschaltzentrale sein sollen, trabten seltsam teilnahmslos über den Rasen. Wie zuletzt so häufig ging die Taktik, den Gegner zunächst kommen zu lassen, nach hinten los. RB verschlief die ersten 45 Minuten und spielte Freiburg in die Karten.

Umstrittenes Handspiel vor der Freiburger Führung

Der SC hingegen war nach den ersten zehn Minuten ganz bei sich. Vincenzo Grifo schickte Christian Günter auf die Reise, der nach innen flanken konnte, weil Klostermann sich verschätzt hatte. Roland Sallai sprang der Ball bei der Annahme zwar an die Hand, doch Schiedsrichter Sascha Stegemann ließ weiterlaufen – Maximilian Eggestein verwandelte aus 20 Metern präzise ins linke untere Eck zur Führung (20.). Der Referee blieb auch nach Überprüfung durch den Videoschiedsrichter dabei, dass der Treffer zählt – eine umstrittene Entscheidung, da der Ball direkt von Sallais Hand zum Torschützen sprang.

Nkunku hatte die große Chance, direkt zu antworten, als er wachsam einen verunglückte Kopfball-Rückgabe von Lucas Höler auf Keeper Flekken abfing, aber am Torhüter hängenblieb. Nico Schlotterbeck rettete kurz vor der Linie (24.). Doch die Szene war ein Strohfeuer. RB agierte paralysiert, der Rucksack der drohenden dritten Finalniederlage wog offenbar zu schwer. Die Leipziger versuchten, durch Ballbesitz Spielkontrolle zu erlangen. Doch es ergaben sich daraus kaum Raumgewinne. Die Freiburger brauchten angetrieben von der euphorischen und lautstarken Fankurve nur geduldig zu verschieben und auf Fehler zu warten.

Rote Karte gegen Marcel Halstenberg

Die Halbzeitansprache von Tedesco wird entsprechend feurig gewesen sein. Jedenfalls begann RB auch in der zweiten Hälfte deutlich drängender und sicherer als zuvor. Nkunku hatte eine gute Chance aus der Drehung (50.). Doch es passte aus Leipziger Sicht zu diesem Abend, dass sich der Favorit selbst dezimierte. Halstenberg riss Höler nach einem langen Ball der Freiburger an der Schulter um. Da Halstenberg letzter Leipziger war, zog Stegemann die Rote Karte (57.) – eine harte, da das Foul nicht brutal war, aber regelgerechte Entscheidung. Freiburg hatte nun das Momentum auf seiner Seite und drückte mit der immer lauter werdenden Fanunterstützung auf das zweite Tor. RB überstand das Powerplay, Grifo (59.) und Sallai (60.) trafen nur das Außennetz.

Mit dem Rücken zur Wand entdeckte RB zu zehnt nun plötzlich seinen Kampfgeist wieder. Nach einem zunächst geklärten Freistoß des eingewechselten Dominik Szoboszlai flankte Laimer in den Strafraum, wo Orban noch stand und mit dem Kopf auf Nkunku weiterleitete. Der Franzose war zur Stelle und drückte den Ball über die Linie – sein 35. Saisontor (76.). Die Ersatzspieler und Trainer Tedesco stürmten leidenschaftlich in die Kurve. Und auch die 27.000 mitgereisten Leipziger Fans kamen jetzt erstmals so richtig auf Touren. Das Spiel war nun packend, von beiden Teams leidenschaftlich und mit komplett offenem Visier geführt – ein Schlagabtausch, der der Größe dieses Spiels angemessen war.

Die in der ersten Hälfte noch so leblose Leipziger Elf war nicht mehr wiederzuerkennen. Benjamin Henrichs hatte den Siegtreffer auf dem Fuß, scheiterte aber aus dem Gewühl heraus an Flekken (82.). Und ein Schuss des eingewechselten Dani Olmo strich denkbar knapp am Pfosten vorbei, doch der Spanier soll dabei im Abseits gestanden haben (85.).

Stegemann verweigert RB Leipzig Elfmeter

Wie bereits in den beiden Ligaspielen in dieser Saison stand es  auch diesmal nach 90 Minuten 1:1. In der Verlängerung drückten nun die Freiburger auf den Sieg, doch die dezimierten Rasenballsportler hielten dagegen und konterten. Eine Hereingabe nach Sprint des ebenfalls ins Spiel gekommenen Nordi Mukiele verpasste Nkunku nur knapp. Die Leipziger Fans und Spieler trieben sich nun gegenseitig an. Gulacsi lenkte einen Schuss von Janik Haberer an den Pfosten (104.), was er euphorisch in Richtung Fankurve bejubelte. In der zweiten Hälfte der Verlängerung war es erneut Haberer, dessen Gewaltschuss die Latte touchierte (115.).

Als wäre die Partie nicht schon dramatisch genug, sorgte der Schiedsrichter für noch mehr Aufregung. Nach einem Foul von Nicolas Höfler an Dani Olmo, als dem Spanier klar das Standbein weggezogen wurde, verweigerte der Referee den Leipzigern einen Elfmeter (117.). Nach Ansicht der Videobilder entschied sich Stegemann gegen einen Strafstoß. Also musste das Elfmeterschießen entscheiden.

Nkunku verwandelte den ersten Strafstoß mit viel Wucht in Richtung der Leipziger Kurve sicher. Orban, Olmo und Benjamin Henrichs taten es ihm nach. Freiburgs Kapitän Christian Günter und der Ex-Leipziger Ermedin Demirovic vergaben, als die Leipziger euphorisch zu Keeper Peter Gulacsi stürmten und den Triumph bejubelten.

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