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Kommentierende Analyse Raum dünnhäutig: Ist der Kapitän Teil von RB Leipzigs Ergebniskrise?

David Raum läuft viel, bereitet Chancen vor und kämpft für sein Team. Doch seine aktuelle Bilanz zeigt auch Schwächen – und als Kapitän reagiert er auf Kritik zunehmend gereizt.

Aktualisiert: 23.09.2026, 19:19
Ist aktuell im Verteidigungsmodus gegen kritische Fragen zur Widerstandsfähigkeit von RB: Leipzigs Kapitän David Raum
Ist aktuell im Verteidigungsmodus gegen kritische Fragen zur Widerstandsfähigkeit von RB: Leipzigs Kapitän David Raum Foto: Imago/DeFodi Images

Leipzig - Bald ist David Raum an der Reihe. Der 28 Jahre alte Linksverteidiger von RB Leipzig gehört zum Kader 2 von Bundestrainer Jürgen Klopp. Demnächst wird er beim Neuen an der Spitze des DFB-Teams vorspielen. Gut für Raum: Man kennt sich bereits. Klopp war bis diesen Sommer Fußballchef von Red Bull und damit einer der Bosse im Orbit von Raums Arbeitgeber Rasenballsport.

Grasfressen, reinhauen, beschützen

Ein gutes Gefühl ist für David Raum elementar, legt man seine vergangenen drei Jahre am Cottaweg zugrunde, in denen sich der Linksfuß vom Talent zum Stammspieler, zum Führungsspieler und schließlich mit Beginn der vergangenen Spielzeit zum Kapitän entwickelt hat. Immer begleitet von David Raum, dem Mentalitätsspieler, der stets bereit ist, für seine Kameraden und seinen Trainer alles zu geben: Grasfressen, reinhauen, reinwerfen. Und: beschützen.

In dieser Rolle ist Raum gerade hauptsächlich unterwegs. Denn es gibt offenbar vieles, vor das er sich aufzbauen berufen fühlt. Vor Trainer Martin Demichelis etwa und vor die Kabinen-Kollegen natürlich. Drei Siege stehen zu Buche, und dem gegenüber drei Niederlagen, die beim ehrgeizigen Red-Bull-Klub reflexartig die Frage aufkommen lassen, ob sich der sportliche Kontostand unter den Erwartungen bewegt.

Vor allem, weil alle drei Pleiten auswärts zustande kamen: Bei Werder Bremen (1:3), bei Champions-League-Neuling Como 1907 (1:4) und in Leverkusen, wo RB am vergangenen Sonntag ebenfalls 0:2 verlor.

Weiterlesen: Die RB-Stimmen nach der Bayer-Pleite

Nur einen Steinwurf von Wille entfernt

Jeweils wirkte der im Sommer mal wieder neu gebaute Kader nicht nur mit den jeweiligen Entwicklungen der Spiele überfordert, sondern auch mit Themen wie Körpersprache, Spannung und Widerstandsfähigkeit. Sprich mit Aspekten, die nur einen kleinen Steinwurf entfernt sind von Einsatz, Wille, Mentalität.

Darauf zuletzt mehrfach angesprochen, reagierte der Kapitän, dessen Vertrag in einem guten Jahr ausläuft, schnippisch und gereizt. Zuletzt in Leverkusen, als er die kritischen Wahrnehmungen des DAZN-Reporters mit einem „Aha …!“ abkanzelte. Oder davor, nach dem 5:0 gegen den zu diesem Zeitpunkt Tabellenletzten HSV: Raum wurde gefragt, welche Themen der Sieg erst einmal abgeräumt habe und welche weiter bestünden, Einsatz eventuell oder Mentalität – zwei Punkte, die Minuten zuvor Raums RB-Kollege Christopher Nkunku selbst als mögliche Erklärungen für das Auf und Ab des Saisonstarts aufgeworfen hatte. Raum kniff die Augen zusammen und versuchte, den Fragesteller mit einem „Welche Mentalität?!“ in den Senkel zu stellen.

Die Botschaft nach innen dürfte sich möglicherweise verfangen. Fußballerkabinen können Trutzburgen sein, wenn es draußen ungemütlich wird. Nach außen wirken seine Auftritte gerade eher wie Wagenburg-Trotz, künstliche Freund-Feind-Unterscheidungen und sind in der Wirkung weniger kraftvoll, als vermutlich erhofft. Sondern eher wie ein Indiz aufgerauter Nerven.

Viel Aufwand, wenig Ertrag

Das deckt sich mit dem Eindruck, den Raum auch als Fußballer seit Beginn dieser Saison hinterlässt. Offensiv ist er noch präsenter als zuvor – und gleichzeitig bislang ineffektiver. Viel Aufwand also, wenig Ertrag.

Bei Torvorbereitungen ist die Ausbeute nach sechs Spielen in Pokal, Liga und Europapokal gleich null. Unsichtbar ist Raum deshalb allerdings nicht. Im Gegenteil: 17 Torchancen hat er in den vier Ligaduellen vorbereitet, also 4,25 pro 90 Minuten. Das ist aktuell Ligabestwert.

In der vergangenen Saison waren es 3,4 pro 90 Minuten. Auch damals Platz eins in der Bundesliga. Raum liefert also noch – und zwar quantitativ sogar mehr als in der Vorsaison. FotMob errechnet ihm aktuell 1,7 Expected Assists, den höchsten Wert im RB-Kader.

Nusa bereitet den einen Standardtreffer vor

Nur: Herausgekommen ist daraus noch keine einzige Torvorlage. 2025/26 standen nach 30 Ligaspielen sieben Assists bei 12,4 Expected Assists. Pro 90 Minuten hat sich die Qualität seiner Vorlagen damit kaum verändert.

Hinzu kommt ein wichtiger Faktor: Ein erheblicher Teil dieser Kreativität geht auf Standards zurück – auf Ecken und Freistöße. So schlug Raum in den ersten vier Ligapartien 26 der 27 Leipziger Ecken. Schon im Vorjahr war er mit 141 Eckbällen Bundesliga-Spitzenreiter.

Dass er ruhende Bälle gut kann, ist kein Geheimnis. Es verzerrt aber den Eindruck, Raum würde aus dem laufenden Spiel im selben Maße Gefahr produzieren. Zumal RB aus seinen bisherigen Ecken keinen Treffer erzielt hat. Der einzige Leipziger Treffer im Anschluss an einen Standard fiel gegen den HSV nach einem von Antonio Nusa getretenen Freistoß.

Raum tackelte dreimal in 360 Minuten

Die offiziellen Bundesliga-Daten weisen zudem nach vier Spielen 43,3 Kilometer, 263 intensive Läufe und 74 Sprints aus. Dass der Kriegerspieler Raum deshalb allergisch auf Fragen nach Einsatz und Wille reagiert, ist nur allzu verständlich. Bei ihm selbst stellen sie sich ja nicht.

Das Problem liegt eher darin, was bei all diesem Aufwand herauskommt. Und was in den Räumen hinter ihm passiert – dort also, wo ein Außenverteidiger eigentlich absichern soll.

FootyMetrics zählt bislang lediglich drei Tacklings in 360 Ligaminuten. Das sind 0,75 pro 90 Minuten. Im Vorjahr waren es 50 in 2556 Minuten, also 1,76 pro 90. Auch bei den direkten Duellen fällt der Wert ab: 98 Prozent der vergleichbaren Bundesliga-Verteidiger gewinnen pro 90 Minuten mehr Zweikämpfe als Raum.

Gegen Bayer verweiste linke Flanke

Hinzu kommen in vier Ligaspielen fünf abgefangene Bälle, neun Klärungen und vier Situationen, in denen er ausgedribbelt wurde. Dazu 19 Ballrückeroberungen.

Das passt zum Bild der Niederlagen, in denen Raums Seite mehrfach zur Problemzone wurde. Gegen Como etwa entstanden zwei Treffer über seinen Korridor. Beim 0:2 in Leverkusen wurde die Kehrseite seines Vorwärtsdrangs ebenfalls sichtbar: Raum sprintete mit in den Angriff, Nusas Pass ins Zentrum wurde abgefangen. Bayer spielte sofort auf die verwaiste linke Leipziger Flanke. Raum kam nicht mehr rechtzeitig hinter den Ball. Also musste Innenverteidiger Maxime Estève nach außen rücken und ins Eins-gegen-eins gegen den schnellen Ibrahim Maza. Sekunden später hatte Miguel den Knockout-Treffer erzielt.

So ergibt sich nach sechs Pflichtspielen das Bild vom Teamleader, der laufstark ist, präsent und passsicher. Und der Abschlüsse vorbereitet – einen erheblichen Teil davon allerdings über Standards. Fehlender Einsatz ist bei ihm selbst also kaum das Thema. Ertrag aber schon.

Stark oder dünnhäutig

Aus dieser Situation heraus und in seiner Rolle als Kapitän wäre etwas weniger Wagenburg und etwas mehr Gelassenheit gegenüber Fragen nach den Problemen des Teams vermutlich die souveränere Form von Führung.

Raum muss Kritik ja nicht mögen. Als Kapitän muss er sie aber aushalten. Denn wer Führung mit Schutz verwechselt und kritische Fragen wie Angriffe behandelt, wirkt nicht stark, sondern dünnhäutig.