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Nach dem 3:0 in Hannover: Lang lebe das Spiel gegen den Ball!

Ein Kommentar von Martin Henkel

Umzingelt: Hannovers Müller in Leipzigs Pressingzange. Foto: Imago

RB Leipzig hat seine drei Punkte aus der Vorwoche veredelt, und nach dem 4:0 gegen Düsseldorf auch gegen Hannover den nächsten Pflichtdreier errungen, wobei erzwungen das viel besser Wort abgibt, um die Partie bei den abstiegsbedrohten 96igern zu beschreiben.

Es war nämlich ein ziemliche Rackerei, den Widerstand der Niedersachsen zu brechen und brauchte dafür einen Strafstoß, robust verwandelt vom gebürtigen Umland-Hannoveraner Marcel Halstenberg, sowie zwei Mal die Stirn von Willi Orban nach jeweils zwei Ecken. Trainer Ralf Rangnick ist deshalb wie schon vor einer Woche auch am Freitagabend nicht in Euphorie verfallen. „Wir hatten vor dem ersten Tor nicht genug Tiefgang im Spiel nach vorn“, sagte der Leipziger Coach.

Erfolgreiche Rückkehr zu den Leitmotiven

Dafür aber hat die Abwehr prächtig funktioniert. Rangnick fand sie überragend, erinnerte sich deshalb auch an keine ernstzunehmende Torchance des Gegners, was ihm schon vor einer Woche schwergefallen ist, und deutete damit an, dass der wichtigste Teil seiner Arbeit zu wirken beginnt. Zwei Zu-Null-Spiele zum Start der zweiten Saisonhälfte und ein knappes 0:1 zum Auftakt gegen den Tabellenführer Borussia Dortmund sind auf jeden Fall Belege einer erfolgreichen Rückkehr zu den Ur-Prinzipien des Rangnickschen Fußballs, der in Leipzig ja Leitmotiv ist: das Spiel gegen den Ball.

Die Raumdeckung seines Kaders funktionierte auch in Hannover wie am Schnürchen. Zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr hatte der Kader 29 Gegentreffer auf dem Konto. Gerade sind es 18. Doch es ist ja nicht nur das Verhindern von Torchancen, worum es bei dem orchestrierten Verschieben von Abwehrketten geht. Die Balleroberung ist der eigentliche Sinn, so wie es in einem Fußballspiel in erster Linie darum geht, es zu gewinnen, als nicht zu verlieren. Inklusive Torabschluss natürlich, denn was ist ein eroberter Ball wert, wenn er nicht irgendwann auch im Tor des Gegners liegt.

Meilenschritt in Richtung Königsklasse

Sind die Referenzvereine bis zum Sommer solche Hertha, Hoffenheim, Wolfsburg oder Leverkusen, dann ist Leipzig seinen Konkurrenten einen Schritt in der Saisonentwicklung voraus. Hat RB aber Dortmund oder Gladbach im Fokus, vor allem was das Veredeln des Spiels gegen den Ball mit den Fertigkeiten bei eigenem Ballbesitz anbetrifft, dann täuschen die sieben Treffer der jüngsten zwei Partien ein wenig darüber hinweg, dass ein wichtiger Teil der Arbeit des Leipziger Übungsleiters noch nicht vollendet ist. Das erste Tor in Düsseldorf entsprang dem Fehler von Keeper Michael Rensing nach einer Ecke, erst damit war das Spiel für die Leipziger geöffnet. In Hannover war es ein Foulelfmeter, der den Tabellenvorletzten aus dem Unterstand trieb. 95iger und 96iger sind zudem so abstiegsgefährdet wie beide Vereine alt sind. Rangnick weiß deshalb, dass diese Teams kein Maßstab sind, um solide abschätzen zu können, wie es denn nun um die Chancen auf eine Rückkehr in die Champions League bestellt ist.

Aber er muss ja nicht lange warten. In einer Woche kommt die Eintracht aus Frankfurt nach Leipzig. Dann wartet das diesjährige Gesellenstück auf den Leipziger Kader, so wie die Punkte in Düsseldorf nur halb so viel wert gewesen wären ohne den Dreier am Freitag. Die Hessen sind nämlich der hartnäckigste Verfolger, sie zu besiegen wäre ein Meilenschritt in Richtung Königsklasse.
Bis dahin gilt deshalb, was Doppeltorschütze Willi Orban nach der Partie in Hannover zu Bedenken gab: „Es war auch ein bißchen Glück dabei.“ Glück freilich, das man sich erstmal erarbeiten muss, wie Rangnicks Vorgänger Ralph Hasenhüttl zu sagen pflegte. Lang lebe das Spiel gegen den Ball!