Seite neu laden

Jesse Marsch im Interview: „Menschen wachsen, wenn das Leben unbequem ist“

Interview von Martin Henkel
Leipzigs Co-Trainer Jesse Marsch. Foto: imago/K.Hessland

Leipzigs Co-Trainer Jesse Marsch. Foto: imago/K.Hessland

Jesse Marsch ist vielleicht der ungewöhnlichste Co-Trainer der Bundesliga, denn eigentlich ist der US-Amerikaner Chefcoach. Er hat drei Jahre lang die Red Bulls New York trainiert, bevor er sich vorigen Sommer dem Team von RB Leipzigs Trainer Ralf Rangnick anschloss. Auf Deutsch zieht der 45-Jährige im Gespräch mit der Mitteldeutschen Zeitung Bilanz, verrät, was ihm von New York fehlt und Abendspiele in der Champions League bedeuten. Und ob er reif ist für den Job als Cheftrainer eines europäischen Klubs.

Herr Marsch, knapp ein dreiviertel Jahr ist es her, dass Sie aus der Weltstadt New York ins beschauliche Leipzig gewechselt sind. Wie fühlt es sich an?
Jesse Marsch: Fantastisch. Unser Leben in New Jersey war sehr kompliziert. Ich saß drei Stunden am Tag im Auto, es war sozusagen mein Büro. Mein Rücken war kaputt. Vieles war nicht so einfach, alles musste aufgrund der Distanzen organisiert werden. Jetzt brauche ich acht Minuten bis zur Arbeit.

Tyler weiß alles

Kein Heimweh nach Hudson River, Manhatten und Times Square?
Unser Leben ist jetzt einfach und unkompliziert. Sehr angenehm. Es war an der Zeit für uns, diese Lebensweise zu haben. Ganz ehrlich, es ist besser als vorher.

Wie groß war der Respekt vor diesem Schritt?
Bei mir eher klein. Am meisten Sorgen hatte ich um unsere große Tochter. Sie ist 17 und hatte viele Freunde in New York. Aber ihr ist es interessanterweise am leichtesten gefallen.

Dass Ihnen rein gar nichts fehlt, ist schwer zu glauben.
Gut, Essen ist ein Thema. Mexikanisches Essen, das wir lieben. Aber auch dafür haben wir eine Lösung gefunden. Es gibt ein Restaurant mit sehr gutem Guacamole und exzellenten Tacos.

Wie haben sie es gefunden?
Tyler Adams hat überall seine kleinen amerikanischen Verbindungen. Er kann dir sagen, wie man den Führerschein umgeschrieben bekommt, wo man das oder das bekommt bzw. findet und essen kann.

Sie haben Ihren Landsmann in New York trainiert, seit Winter ist er Spieler bei RB. Schneller hat sich vermutlich noch kein Zugang eingelebt. Wie kommt das?
Tyler ist ein Sportler, der All-in geht, wie wir sagen würden. Er gibt auf allen Ebenen alles für den Sport. Ein absoluter Topprofi. Er kann mit jedem, ist nie übellaunig, und extrem reif für sein Alter. Ich denke immer, er ist wie ein 30-Jähriger im Körper eines 20-Jährigen. Er kann ein ganz Großer werden.

Jesse Marsch im Gespräch mit MZ-Reporter Martin Henkel. Foto: M. Henkel

Wie ist das bei Ihnen?
(lacht) Bei mir war es komplizierter. Nein, im Ernst. Es war emotional, die Red Bulls New York zu verlassen, um hierher zu kommen. Und definitiv der richtige Schritt. Vor allem schon für das, was ich fußballerisch gelernt habe. Genauso wichtig aber auch für das, was mir das auf kultureller und menschlicher Ebene gebracht hat: Die Sprache zu lernen, andere Menschen zu verstehen, ihre Umgangsweisen, Eigenarten bzw. Eigenschaften.

Sie waren drei Jahre in Folge im Dezember immer zur Hospitation in Sachsen. Und plötzlich hieß es: RB Leipzig jeden Tag. Wie ist das zu Beginn für Sie gewesen?
Das war nicht einfach. Ich habe etwas gebraucht, um über die Kultur- und Sprachbarrieren zu kommen, um die Menschen hier so gut zu verstehen, dass wir einander vertrauen können. Im Fußball und der Beziehung von Spielern und Trainern etwas sehr Fundamentales.

Der X-Faktor: „Sich umeinander kümmern!“

Sie sind als Cheftrainer in ein Umfeld gekommen, wo Sie über Nacht Assistenztrainer mit einem Sprachhandicap waren. Haben Sie sich jemals minderwertig gefühlt?
Nein. Ein zentraler Aspekt meiner Philosophie ist es, sich selbst herauszufordern. So oft es geht. Menschen wachsen immer dann am besten, wenn das Leben unbequem ist. Deshalb war die Situation eigentlich perfekt für mich. Deswegen bin ich ja hier. Ja, es geht auch um Ambitionen, die ich als Trainer habe. Mehr aber ist es ein Test, ob die Dinge, an die ich als Coach glaube, auf dem höchsten Level funktionieren.

Und, tun sie es?
Ich denke, ja. Ich glaube, was ich bei RB bislang gelernt habe, ist, dass meine Philosophie passt. In Europa zählt vor allem Leistung. In den USA ist es der Teamgeist. Das ist der X-Faktor: Wie Spieler sich umeinander kümmern? Wir wachsen in dem Bewusstsein auf, dass man ohne die Kollegen und Teamkameraden das Maximum nicht erreichen kann. Ich kann diesen Aspekt einbringen und sehe, dass es funktioniert. Wenn man sich vertraut und mag, dann sind Krisen viel leichter zu händeln.

Was hat Ihnen von Beginn an sofort gefallen?
Die Spiele. Das Niveau des Fußballs hier. Das Engagement der Menschen, die mit diesem Fußball zu tun haben. Das alles läuft auf so einem hohen Level ab, unglaublich!

Welche Stadien haben Sie beeindruckt?
Dortmund, auf jeden Fall. Schalke auch. Die Energie, die diese Arenen erzeugen, ist gewaltig.

Waren Sie in beiden Arenen eher Trainer oder staunender Besucher?
(lacht). Ich bin in erster Linie Trainer. Und so ganz neu ist das nicht für mich. Ich mache das ja schon seit acht Jahren und davor war ich lange selbst Profi. Ich sitze also nicht auf der Bank und bin wegen des Drumherums begeistert oder eingeschüchtert. Ich sitze da als Coach. Und wenn das Spiel beginnt, ist es Arbeit. Das ist nicht anders als in den USA.

Wie muss man sich das vorstellen, Sie neben Ralf Rangnick, auf der anderen Seite Robert Klauß und oben auf der Tribüne Lars Kornetka: als eine Art Debattierklub?
(lacht) Wenn Sie so wollen, ja. Wir verbinden uns wie bei einem Bewusstseinsstrom und haken uns gedanklich in das Spiel und die Gedanken der anderen ein. Und dann sprechen wir die ganze Zeit darüber: Was wir sehen, was wir denken, was wir korrigieren würden. Aus all dem fällt Ralf Rangnick dann seine Entscheidungen.

Jesse Marsch: „Ich habe keine Eile“

Welches Spiel hat Ihnen in dieser Konstellation am meisten Spaß gemacht?
Vielleicht weniger Spaß, dafür aber die größte Herausforderung war das Europa-League-Heimspiel gegen Salzburg. Das war die bislang speziellste Partie für uns. Es war, als würden wir gegen unser Spiegelbild spielen. Wir haben beim 2:3 nicht gut ausgesehen. Aber es war wichtig für uns. Die Partie hat uns vorgeführt, was uns damals fundamental fehlte: Disziplin im Spiel gegen den Ball.

RB hat mit 20 Gegentreffern mittlerweile die stabilste Abwehr der Liga. Eine Folge dieser Partie?
Ja, danach haben wir den Fokus auf unser Pressing und das Abwehrverhalten der Mannschaft gelegt.

Die Mannschaft schießt momentan nur wenige Tore, drei in den vergangenen vier Spielen. Ist das der Preis für diese Fokusverschiebung?
Nein, nicht unbedingt. Viele Gegner stehen mittlerweile sehr tief gegen uns. Unsere Stürmer waren zudem in den vergangenen Wochen mal krank oder verletzt. Und solche Dellen gibt es immer in einer Saison. Aber die Basis stimmt und Chancen haben wir auch. Hätten wir die nicht, würde ich mir Sorgen machen. Aber wir kommen immer vors Tor, egal wie tief der Gegner sich postiert. Die Tore werden wieder fallen.

Wo arbeiten Sie kommende Saison? Es ist gut möglich, dass in Salzburg ein Posten frei wird, wenn Marco Rose den Bruderklub wie erwartet verlassen sollte.
Ich habe noch ein weiteres Jahr Vertrag hier in Leipzig. Ich bin hier glücklich und denke, dass die Leute gut finden, was ich hier mache. Das sind die Fakten.

Fühlen Sie sich bereit für den Job des Cheftrainers eines europäischen Teams?
Ja. Die Idee, nach Europa zu kommen, war, als Cheftrainer zu arbeiten. Ich habe die Sprache ganz gut gelernt und meine Fachkenntnisse erweitert. Die Schlüsselfrage aber ist für mich: Ist die Situation richtig? Sind da Menschen, die denken wie du und deine Vorstellungen teilen? Nur dann kann in meinen Augen jeder aufblühen. Ich habe keine große Eile.

Mit RBs neuem Trainer ab kommender Saison, Julian Nagelsmann, zusammen zu arbeiten, könnte Ihnen noch ein paar weitere Kenntnisse verschaffen.
Absolut. Jeder Trainer hat seine eigene Handschrift. Der Wechsel von Ralf zu Julian wird interessant – für uns alle. Er wird eine wunderbare Wirkung auf die Mannschaft und den Verein haben, da bin ich mir sicher.

Können Sie sich momentan vorstellen, in die USA zurückzukehren. Sagen wir, wenn das Angebot eines Klubs stimmen würde?
Nein. Es war immer mein Jugendtraum, die Champions League am Abend zu sehen und nicht wie in den Staaten tagsüber. Wenn ich jetzt nach Hause komme, es ist dunkel draußen und ich höre die Champions League Hymne, bin ich glücklich.

Die Chancen, dass Sie mit RB kommende Saison die Champions League hautnah erleben, sind nicht klein. Noch ein Argument, um ein weiteres Jahr zu bleiben?
Ja. Mit Sicherheit. Aber reden wir nicht so viel drüber, es ist noch ein weiter Weg. Wir müssen von Spiel zu Spiel denken.