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Von Ullrich Kroemer

„Die Scham, vor Tausenden weggeführt zu werden” Betroffener berichtet über Stadionverweis von Gruppe aus Japan

Die Botschaft, die die Choreografie der RB-Fans aussendete wurde durch den Verweis der japanischen Gruppe konterkariert.

Die Botschaft, die die Choreografie der RB-Fans aussendete wurde durch den Verweis der japanischen Gruppe konterkariert.

Der Sportmotorik-Experte Dr. Christian Hartmann (67) ist an der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig unter anderem seit 20 Jahren für einen Austausch mit japanischen Sportwissenschaftler_innen zuständig. Neben vielen Therorieveranstaltungen gehören auch Hospitationen etwa bei Spielen von RB Leipzig dazu. Dabei war es am Sonntag bei der Partie gegen Bayer Leverkusen zum Eklat gekommen, weil eine japanische Reisegruppe aus der unbegründeten Angst heraus, sie könnten den Coronavirus verbreiten, gar nicht erst ins Stadion gelangte beziehungsweise die Arena etwa 20 Minuten nach Spielbeginn verlassen musste.

Auf Anfrage von Mitteldeutscher Zeitung/RBlive.de berichtet Hartmann über die genauen Umstände des Rauswurfs, den Rassismus-Verdacht und die Reaktion der japanischen Gruppe.

„Ich fragte ihn, ob das sein Ernst sei”: Dr. Christian Hartmann von der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

„Ich fragte ihn, ob das sein Ernst sei”: Dr. Christian Hartmann von der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Herr Dr. Hartmann, was geschah am Sonntag beim Spiel gegen Leverkusen konkret?
Christian Hartmann: Ich hatte Karten für 37 Gäste aus Japan und sechs Kollegen besorgt und war mit meinen Kollegen schon ein wenig früher im Stadion. Die Japaner trudelten nach und nach ein. 20 von ihnen hatten Platz genommen und ich wunderte mich, wo die übrigen blieben. Eine Studentin aus Jena, die ebenfalls an dem Kurs teilnimmt, berichtete mir dann, dass die übrigen 17 Kursteilnehmer am Einlass standen und nicht reingelassen wurden. Ich konnte mir das nicht erklären, weil es ja keine offiziellen Sanktionen wegen des Coronavirus‘ gab, sonst hätte man ja das Spiel absagen müssen. Da kam auch schon der groß gewachsene Mensch vom Sicherheitsdienst und bat mich mitzukommen. Er war der Einsatzleiter der Security des Blocks, in dem wir saßen, und eröffnete mir, dass die Gruppe das Stadion verlassen müsse. Ich fragte ihn, wie er denn auf die Idee komme.

Und?
Er sagte: Sie wissen schon. Wir sind angehalten, wegen der Infektionsgefahr mit dem Coronavirus zu kontrollieren. Ich fragte ihn, wie er das anstellen wolle. Dann hätte man ja jeden kontrollieren müssen, ob er aus einer Corona-Krisenregion komme. Er antwortete nur, dass er die Anweisung habe, dass die Gruppe nicht an dem Spiel teilnehmen darf. Von wem genau, wollte er mir nicht sagen, das sei von der übergeordneten Leitung so festgelegt. Er habe sich noch einmal vergewissert und müsse mir das nicht weiter erklären.

Weshalb wurden 20 Fans aus der Gruppe ins Stadion reingelassen und 17 nicht?
Das habe ich ihn auch gefragt. Der Sicherheitsmitarbeiter sagte mir, dass die 20 auch schon abgewiesen worden, aber über einen anderen Eingang ins Stadion gelangt waren.

Der Sicherheits-Mitarbeiter fragte, ob ich ihm Rassismus unterstellen wolle.
Dr. Christian Hartmann

Wie haben Sie auf die Anweisung reagiert?
Ich fragte ihn, ob das sein Ernst sei. Doch der Security-Mitarbeiter berief sich nur darauf, dass er lediglich Anweisungen umsetze. Da habe ich ihm gesagt: Wenn etwa ein Bus mit Italienern vorgefahren wäre, hätten Sie die wahrscheinlich nicht als aus einer Krisenregion stammend identifiziert. Er fragte dann, ob ich ihm Rassismus unterstellen wolle. Ich verneinte das, aber er müsse sich bewusst sein, welche Kreise es ziehen kann, wenn er die Anweisung durchzieht. Da bedeutete er mir, dass ich das Stadion ebenso verlassen müsse. Er forderte mich auf, dass ich dafür zu sorgen hätte, dass die Gruppe ohne großes Aufsehen das Stadion verlässt. Weil ein Student den Vorfall postete, kam es ja dann in Windeseile tatsächlich zu dem Aufschrei, den ich befürchtet hatte.

Auf welcher Grundlage handelte der Sicherheitsdienst? Japan gehört nicht zur gefährdeten Region.
Es ist mir nicht bekannt, ob Ausweise oder Ticket- beziehungsweise Platznummern kontrolliert wurden. Herr Mintzlaff (Geschäftsführer bei RB Leipzig, Anm.d.Red.) betonte bei seiner Entschuldigung, dass die Ordner die Handlungsempfehlung des Robert-Koch-Institutes möglicherweise etwas zu ernst genommen hätten und ein Fehler unterlaufen sei.

„Geschockt aufgrund des Vorfalls”: Teil der Gruppe wollte vorzeitig abreisen

Wie haben die Japaner reagiert?
Sie sind zunächst ganz ruhig aufgestanden, ihnen war ja klar, worum es geht, und haben das Stadion ohne Murren verlassen. Am nächsten Morgen hielt dann ein Teil der Gruppe, 15 Studentinnen der MUKOGAWA-Frauen-Universität, eine Krisensitzung mit ihrem betreuenden Professor ab. Sie seien geschockt aufgrund des Vorfalls, hieß es, und haben darüber abgestimmt, ob sie sofort oder früher abreisen oder bis zum Schluss bleiben. Sie haben sich dann zunächst dafür entschieden, der Theorie-Veranstaltungen wegen noch bis zum Donnerstag zu bleiben und dann vier Tage früher abzureisen. Inzwischen haben sie das revidiert und bleiben doch die komplette Zeit.

Haben die Betroffenen den Stadionverweis als diskriminierend wahrgenommen?
Nein, sie haben akzeptiert, dass das aus Angst vor dem Coronavirus geschah. Sie haben zu keiner Zeit angedeutet, dass sie sich rassistisch behandelt fühlten. Aber diese Scham, dass sie vor Tausenden von Fans mitten im Spiel aufstehen mussten und weggeführt wurden, empfanden sie als sehr bedrückend.

War der Coronavirus bei der Reise zuvor ein Thema gewesen?
Ich habe mich beim Gesundheitsamt informiert, das mir antwortete, dass die Veranstaltung wie geplant stattfinden könne, da Japan keine Krisenregion sei. Inzwischen müssen Japaner bei der Einreise wohl ein Gesundheitszeugnis vorweisen, aber das war vergangene Woche noch nicht der Fall. Weil ich mich absichern wollte, habe ich sicherheitshalber von allen Teilnehmern eine Übersicht anfertigen lassen, in der sie angeben mussten, aus welcher Region sie stammen, in welcher Region sie zudem in den vergangenen 14 Tagen vor der Einreise nach Deutschland gewesen sind und ob sie Symptome einer Krankheit bemerkt haben. Mehr konnte ich nicht tun.

Haben die RB-Manager bei dem Entschuldigungs-Treffen am Montagabend Konsequenzen angekündigt?
Nein. Und ich will auch nicht, dass der Sicherheitsdienst am Ende als Alleinverantwortlicher für die entstandene Situation dargestellt wird. Es ging dem Klub eher darum auszudrücken, dass im Umgang mit dem Virus alle verunsichert sind, es allen Verantwortlichen unendlich leidtut und dass sie alles tun wollen, um den Schaden wieder gut zu machen. Da die Reisegruppe beim nächsten Heimspiel nicht mehr in Deutschland ist, hat uns RB einen Bus besorgt und wir fahren nun am Samstag nach Wolfsburg zum Auswärtsspiel. Auch am Dienstag waren RB-Vertreter noch einmal eine Stunde lang im Seminar und haben sich vor allen Teilnehmern entschuldigt und jedem Kursteilnehmer ein RB-T-Shirt überreicht.

Für den Austausch mit den japanischen Sportwissenschaftler_innen gibt es eine Kooperationsvereinbarung der Universität Leipzig/der Sportwissenschaftlichen Fakultät mit der Kooperationsgesellschaft für Leipziger Sportwissenschaft (KoLeSpo) sowie mit der japanischen MUKOGAWA-Frauen-Universität. Unter anderem Professoren, Trainer, Sporttherapeuten und Studenten bilden sich in den Fächern Sportmotorik/Trainingswissenschaft, die einst in Leipzig begründet und zum Teil Weltruhm erlangt haben, fort.
(RBlive/ukr)

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