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Von Ullrich Kroemer

Kabinen-Seelsorger Tschauner „Bei mir können die Kollegen ehrlich sein”

„Alle Kollegen wissen, dass sie bei mir ehrlich sein können, weil ich das auch zu ihnen bin”: Philipp Tschauner.

„Alle Kollegen wissen, dass sie bei mir ehrlich sein können, weil ich das auch zu ihnen bin”: Philipp Tschauner.

Um über Teamgefüge, Kabinenhierarchie und Mentalität bei RB Leipzig zu sprechen, bietet das Spiel gegen Eintracht Frankfurt (Sa., 18.30 Uhr) einen guten Anlass. In der vergangenen Saison verlor RB binnen elf Tagen zweimal in Frankfurt. Zwei Niederlagen mussten die Leipziger bislang noch gegen keinen anderen Gegner unter Trainer Julian Nagelsmann einstecken.

Nach dem 0:2 im Ligaspiel hatte sich Trainer Julian Nagelsmann bei seiner Gipfelkreuz-Rede in Rage geredet, als er mehr Leistungs- und Leidensbereitschaft auch im Training einforderte. Eine Sache der Mentalität und Einstellung. Für die Entwicklung diesbezüglich ist auch Philipp Tschauner zuständig. Von Beruf ist der 35-Jährige eigentlich Torhüter, doch bei RB Leipzig ist der Routinier auch Ansprechpartner innerhalb des Teams für seine Kollegen. Ein Kabinen-Seelsorger sozusagen, der nicht nur Bälle fängt, sondern die Gabe und das Standing hat, das Teamgefüge zu stärken und zu beeinflussen. Mit der MZ/RBlive spricht Tschauner über emotionalere Kabinenstimmung, Grüppchenbildung, heranreifende Anführer und die alten Leitwölfe zu Beginn seiner Karriere.

Philipp Tschauner, Sie sind 2019 bei RB angetreten, um als erfahrener Spieler ein Ruhepol für die Mannschaft zu sein. Wie gut funktioniert das nach anderthalb Jahren?
Philipp Tschauner: Ich hoffe, die Verantwortlichen haben mich auch aufgrund meiner fußballerischen Fähigkeiten verpflichtet. Aber klar, es war natürlich der Plan, dass ich mit meiner Erfahrung helfen kann. Ich finde, das hat sich sehr gut entwickelt. Durch die lange Corona-Pause, in der man fast nie die komplette Mannschaft beisammen hatte, und die eng getaktete Rest-Rückrunde, war es natürlich schwierig, auf das Teamgefüge einzuwirken. Aber gerade in der Phase habe ich die Spieler in einer Situation erlebt, die für alle neu war. Da konnte ich für die Kollegen da sein.

Wie genau?
Ich habe versucht, ihnen eine gewisse Lockerheit zu vermitteln und zu verstehen gegeben, dass Ungeduld nichts bringt, dass man auch Erschöpfungsphasen durch den engen Spielplan akzeptieren und das Beste aus der aktuellen Situation machen muss. Ich glaube, es hilft gerade den jungen Spielern, wenn ihnen das einer sagt, der ein bisschen Lebenserfahrung hat. Ich habe schon viele Erfolge – wenn auch nicht auf diesem Niveau wie hier bei RB – und auch Misserfolge erlebt, aber die Struktur einer Mannschaft ist eigentlich immer ähnlich.

Nämlich?
Man hat zum Beispiel die verrückten Typen in der Mannschaft, die lustigen, die immer einen Spruch auf den Lippen haben und die etwas ruhigeren.

Ich habe keine Probleme damit, auch mal tiefgründigere Gespräche zu führen.
Philipp Tschauner

Wie spüren Sie, wann ein Teamkollege Gesprächsbedarf hat?
Ich lege selbst viel Wert auf Körpersprache und beobachte das auch bei meinen Kollegen, welche Ausstrahlung sie auf und neben dem Platz haben. Dazu betrachte ich die individuellen Situationen – ob sich einer vielleicht schwertut, der gerade neu dabei ist oder ein Etablierter Probleme hat. Ich habe zu allen Spielern ein sehr, sehr gutes Verhältnis. Wenn ich sehe, dass einer nachdenklich wirkt, hadert, unzufrieden ist oder auch mal meint, dass es zu gut läuft und die Ernsthaftigkeit vermissen lässt, dann spreche ich ihn einfach an. Alle Kollegen wissen, dass sie bei mir ehrlich sein können, weil ich das auch zu ihnen bin und ihnen unter vier Augen klar meine Meinung sage. Ich habe keine Probleme damit, auch mal tiefgründigere Gespräche zu führen.

Wie vermeiden Sie, dass es die Spieler auch mal nervt, wenn Philipp Tschauner zum Gespräch bittet?
Wenn ich merke, dass ein Spieler eh schon mit dem Trainer, Co-Trainer, Sportdirektor und anderen aus dem Staff gesprochen hat, lasse ich ihn in Ruhe und rede mit ihm über ganz andere Dinge, damit er auf andere Gedanken kommt. Mein Input ist dann wichtig, wenn er nicht in dem Moment kommt, in dem jeder damit rechnet. Dieses Gespür muss man haben. Es tut den jungen Spielern sicher gut, auch mal mit einem 35-Jährigen einen Scherz zu machen. Die Jungs spüren: Da kommt etwas zurück.

Kommen Spieler auch zu Ihnen?
Klar, Spieler sprechen mich häufig an, wie ich in gewissen Situationen reagiert habe und was ich an ihrer Stelle tun würde. Das zeigt mir, dass sie mich als Typ und Persönlichkeit schätzen.

Philipp Tschauner über Teamchemie bei RB Leipzig: „Es darf nie zu lieb sein”

Welchen Einfluss hat eine Wohlfühl-Atmosphäre in der Kabine eigentlich auf die Leistung einer Mannschaft?
Das ist sehr ausschlaggebend. Wenn man ein Topverhältnis untereinander hat, kann man gewisse Leistungsdefizite ausbügeln. Wir hatten damals mit Hannover 96 in der Bundesliga sicher nicht die besten Einzelspieler, waren aber ein brutales Team, und haben so souverän den Klassenerhalt geschafft. Die Chemie in der Truppe muss stimmen. Es darf aber nie zu lieb sein, man muss auch Unangenehmes ansprechen können und sich Kritik stellen.

Wie tickt denn dieses junge Spitzenteam RB Leipzig?
Die Mischung ist wirklich gut. Viele Spieler wie Yussuf Poulsen, Emil Forsberg, Peter Gulacsi oder Marcel Sabitzer sind schon sehr lange da und haben wichtige Führungsrollen in dieser Mannschaft übernommen, auch wenn sie teilweise selbst erst Mitte, Ende 20 sind. Der Erfolg aktuell zeigt auch, dass die Struktur des Teams stimmt.

Bssere Mentalität bei RB Leipzig: Kabinenstimmung ist „emotionaler, lauter”

Als Julian Nagelsmann begann, war er überrascht davon, wie leise die Mannschaft auf dem Platz ist. Wie hat sich das auch in der Kabine entwickelt?
Da hat sich definitiv etwas getan. Wir sind immer noch keine Lautsprecher-Mannschaft, aber wir haben genügend Spieler, die in die Rolle hineinwachsen, Anführer auf dem Platz zu sein. Vor zwei, drei Jahren hätten sie im Spiel vielleicht noch gar nichts gesagt. Mittlerweile wird es nicht nur eingefordert, sondern sie machen es von sich aus. Das sehe und höre ich auch im Training. Der Ehrgeiz, unbedingt erfolgreich sein zu wollen, hat sich entwickelt. Die Mentalität, jedes Spiel gewinnen zu wollen, die Julian Nagelsmann und der Klub immer einfordern, hat sich auf viele Spieler übertragen. Die erwarten das inzwischen auch selbst von ihren Kollegen.

Julian Nagelsmann ist ein sehr impulsiver Typ, der in der Kabine auch laut werden kann, um das Team wachzurütteln oder mitzureißen. Was kommt da von der Mannschaft zurück?
Das hat sich stetig verbessert, seitdem ich da bin. Stimmung und Atmosphäre sind mittlerweile vor, während und nach Spielen anders als zuvor – emotionaler, lauter. Die Kapitäne und der Mannschaftsrat gehen in engen Situationen immer vornweg. Auch ein Ibrahima Konaté zum Beispiel, der die französische Connection zusammenhält. Auch ich wirke immer gerne auf die Mannschaft ein. Da spielt es keine Rolle, ob man spielt oder nicht. Wir sind füreinander da, um uns gegenseitig anzuheizen und die Ziele vorzugeben. Aber man muss der Typ dafür sein: Manche Spieler brauchen auch in der Halbzeit ihren Tunnel, um die Konzentration hochzuhalten.

„Grüppchenbildung gibt es nicht”

Wie steht es um die Grüppchenbildung etwa der alteingesessenen, spanisch- oder französischsprachigen Spieler?
Dass man eher mit jemandem quatscht, der deine Muttersprache beherrscht, wenn man selbst noch nicht so gut Deutsch kann, ist völlig normal. Das ist in jedem Beruf so. Aber Tatsache ist, dass wir alle gut miteinander können, eine ,Grüppchenbildung’ gibt es nicht. Da kommt dann manchmal ein englisch-deutsch-französischer Remix heraus, über den wir auch mal herzlich lachen. Aber Nationalität und Sprache sind nebensächlich bei uns, weil wir uns wirklich gut verstehen. Beruflich und privat.

Ist die Vorstellung noch zeitgemäß, dass man als Mannschaft auch Freizeit miteinander verbringt?
So oft, wie wir in diesen Monaten Zeit miteinander verbringen, schadet es nicht, dass man zu Hause auch mal seine Ruhe hat. Wir sind immens eingespannt, Spielen alle drei Tage und befinden uns ja auch aufgrund der Pandemie in einer Art Blase. Wir teilen, wie die gesamte Bevölkerung, gerade wenig Privates. Mannschaftsabende oder gemeinsam Fußballschauen müssen hintenanstehen.

Wie ist Ihr Draht zum Trainer, mit dem Sie bei 1860 II noch gemeinsam gekickt haben?
Wir kennen uns seit jungen Jahren. Julian wollte mich schon mal nach Hoffenheim holen, als er da Cheftrainer wurde. Das habe ich damals ausgeschlagen, jetzt hat es bei RB geklappt. Wir verstehen uns, haben eine gute private Ebene, auch weil ich nur ein wenig älter bin als Julian.

„Torwartspiel bei RB Leipzig war echte Umstellung für mich”

Was zeichnet das Leipziger Torwartteam aus?
Unser Torwarttrainer Freddy Gößling hat mit RBL ein richtig gutes Torhüterkonzept entwickelt, das viel dazu beiträgt, dass das Torwarttraining hier so professionell läuft. Das Torwarttraining und das Torwartspiel in Leipzig waren für mich nochmal eine echte Umstellung. Vieles war komplett neu für mich, aber ich habe mich gut eingefunden. In den letzten Monaten ging es darum, Josep Martinez möglichst schnell zu integrieren. Er weiß jetzt, wie wir ticken, wie das Training abläuft. Durch die die Corona-Pause war es nicht einfach für ihn, die Situation nagt an einem jungen Spieler.

Peter Gulacsi spielt inzwischen fast ausschließlich flach heraus. Was sind weitere Neuerungen unter Julian Nagelsmann gewesen?
Wir spielen zum Beispiel meist mit einer sehr hohen Abwehrkette, pressen hoch, und da muss man als Torhüter bereit sein, zur Not auch mal 30 oder 35 Meter vor dem Tor zu klären, wenn der Gegner sich mit einem tiefen Ball befreien will. Dieses risikoreiche, mutige Herausschieben aus dem Sechzehner war neu, das muss man in sein Spiel aufnehmen.

„Ich bin nicht der Blindeste im Tor”

Wie halten Sie Ihre eigene Motivation hoch? Sie haben normalerweise keine Chance auf Einsätze.
Das ist gar kein Problem. An meiner Motivation wird sich bis zum Karriereende nichts ändern. Ich gebe immer Vollgas und weiß, wofür ich geholt wurde, also auch für die erwähnte Rolle in der Kabine. Aber bis zum Spiel gegen Hertha war ich in dieser Saison achtmal in Folge im Kader. Das ist ein Saisonstart, wie ich ihn mir erträumt habe. Ich war eng an der Mannschaft dran, konnte nicht nur im Training Einfluss nehmen, sondern auch während der Spieltage. Da genieße ich jeden Moment und versuche, so viel wie möglich einzuwirken. Außerdem bin ich auch nicht der Blindeste im Tor, das wird gern mal unterschätzt. Wenn mal irgendwas passiert, muss ich da sein. Aber ich fühle ich topfit, nicht wie 35 (lacht).

Was waren bislang die Stimmungs-Höhe- und Tiefpunkte Ihrer Zeit bei RB?
Höhepunkte waren die zwei Spiele gegen Tottenham, mit Fans, der ganzen Atmosphäre und Stimmung. Der Sieg gegen Atlético war sicher der größte Erfolg und auch sehr atmosphärisch, aber vom ganzen Drumherum waren die beiden Spiele gegen Tottenham noch ein Stück emotionaler.

Inwiefern?
Da herrschte unfassbare Stimmung innerhalb der Mannschaft. Der Tiefpunkt mit der negativsten Stimmung war Mitte der Corona-Phase während des Lockdowns im Frühjahr. Da hat man gesehen, dass die Köpfe leer sind, es gab keine richtige Motivation, keiner wusste, wie es weitergeht. Das war nervenzehrend.

Tschauner: „Spricht nichts dagegen, noch ein Jahr bei RB Leipzig dranzuhängen”

Sie können von 16 Jahren als Profi profitieren. Wie haben sich Mannschaftsgefüge und Kabinenatmosphäre seit Ihren Anfängen verändert?
Die Strukturen der Mannschaften haben sich verändert, weil heute überall sehr viele junge Spieler auf hohem Niveau spielen können. Als ich mit 18 Profi wurde, war ich der einzige in dem Alter. Einer war vielleicht noch 21 und dann ging es bei 26, 27 Jahren weiter. Es wird heute sehr viel mehr Wert auf aufstrebende Talente gelegt, die mit 18 natürlich noch nicht die Persönlichkeit haben können wie mit 32.

Wie lief das 2004 ab, als Sie beim 1. FC Nürnberg begannen?
Beim ,Club’ gab es Spieler wie Tomasz Hajto, der war ein Alphatier, hat mit keinem gesprochen und ausschließlich sein Ding gemacht. Wenn ihm was nicht gepasst hat, hat er das auch mal Mitspieler im Training spüren lassen, die waren dann für vier Wochen raus. Als junger Kerl habe ich zu Leitwölfen wie Marek Mintal oder Raphael Schäfer aufgeschaut. Ich war froh, wenn die überhaupt mal mit mir gesprochen haben. Ein solches Gefüge gibt es heute nicht mehr, das waren andere Zeiten. Heute gibt es flachere Hierarchien, aber es muss trotzdem ein paar Anführer geben.

Steht Ihr Plan noch, nach der aktiven Karriere Trainer zu werden?
Nach der Karriere möchte ich gern als Torwarttrainer einsteigen. Ich beschäftige mich gerade etwas intensiver mit dem Plan und erkenne, was da alles dranhängt. Das ist nochmal ein enormer Mehraufwand im Vergleich zum Spielerjob. Als Spieler ist einem manchmal gar nicht so bewusst, was neben Spiel und Training noch alles an Aufgaben wartet. Aktuell läuft mein Vertrag noch bis 2021, aber ich fühle mich fit und in dieser Truppe macht es einfach Spaß. Von mir aus würde also nichts dagegensprechen, noch ein Jahr im Tor dranzuhängen. Mal schauen, was die Zukunft bringt.

(RBlive/ukr)