RB Leipzig

Historiker Kowalczuk: „Ausgerechnet RB Leipzig zeigt, wie dem Osten noch zu helfen ist”

Von Ullrich Kroemer 27.03.2021, 18:00
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bei einer Lesung aus seinem Wende-Buch „Die Übernahme”.
Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bei einer Lesung aus seinem Wende-Buch „Die Übernahme”. imago images/Gerhard Leber

Der Berliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk hat sich für das Magazin der Süddeutschen Zeitung (Paywall) ausführlich mit den Ursachen der Probleme des Ostfußballs auseinandergesetzt. Tenor: Wie auch in anderen Gesellschaftsbereichen habe ab 1990 keine Wiedervereinigung stattgefunden, sondern eine „Übernahme bestehender Strukturen, die ohne jeden Innivationsanspruch dem im Westen bestehenden System angepasst wurden”. Kowalczuk analysiert: „Der Ostfußball musste über Nacht so werden, wie der Westfußball tickte, praktisch ohne jede Zeitverschoiebung. Er bekam keine Chance einer Übergangszeit. Und dieser hätte es bedurft, um strukturell etwas Neues aufbauen zu können.”

Reiner Calmund & Co., die damals um die besten Spieler aus der DDR feilschten, bezeichnet Kowalczuk als die „Wilderer aus dem Westen”, die „sich die schönsten Filetstücke rausschnitten und die Kadaver den Einheimischen überließen”.

Historiker Kowalczuk: „Kann sportromantische Anfeindungen gegen RB Leipzig nicht nachvollziehen”

Die Gründung von RB Leipzig 20 Jahre nach dem Mauerfall sei nun „der Beweis, dass man schon ungewöhnliche Wege beschreiten und Kapazität von außen ranholen muss, um im Osten ein Projekt von wirtschaftlicher Bedeutung aufzubauen”, sagt Kowalczuk. Zwar liege der Klub nur geografisch im Osten und sei „kein gewachsener Ostverein”. Dennoch sagt Kowalczuk: „Auf abstrakte Art hat damit ausgerechnet RB Leipzig gezeigt, wie dem Osten doch noch zu helfen ist.”

Den Protest der Ostklubs gegen Rasenballsport kann der 53-Jährige nicht verstehen. „Diese sportromantischen Anfeindungen, denen dieser Klub ausgesetzt ist, kann ich mit Blick auf die Konkurrenz nicht nachvollziehen. Bei anderen ist viel dreckiges Geld im Spiel, siehe Gazprom und Schalke”, argumentiert der Historiker.

Philosoph Gebauer: „Was Mateschitz macht, ist autokratisch”

Doch abseits des unbestrittenen wirtschaftlichen und sportlichen Erfolgs des Red-Bull-Klubs gibt es nicht nur aus den Ultra-Fanszenen, sondern auch aus dem wissenschaftlichen Betrieb Kritik am Modell RB Leipzigs. der Berliner Sportphilosoph Gunter Gebauer sagt in dem Buch RB Leipzig - Der moderne Fußball: „Bei RB Leipzig gibt es keine demokratischen Strukturen. Was Dietrich Mateschitz macht, ist autokratisch. RB Leipzig ist ein besitzergeführtes Unternehmen, das abhängig von einer einzigen Person ist, das sollte ein Sportverein eigentlich nicht sein. Auch in autokratischen Ländern kann Ökonomie sehr erfolgreich sein. Aber es ist undemokratisch und widerspricht unserer Gesinnung. Was das angeht, ist RB Leipzig überhaupt kein Vorbild, das ist eher beängstigend.” (RBlive/ukr)