Porträt Atalanta Bergamo

Gemütlichkeit im Fahrstuhl: Wie sich die "Göttin" aus dem Mittelmaß erhob

Erfolg ist vergänglich. So auch Misserfolg. Die Geschichte von Atalanta Bergamo erzählt mittlerweile beide Seiten eines wundersamen Aufstiegs.

Von Martin Henkel 06.04.2022, 10:11
"La Dea" kann es noch: Die Spieler von Atalanta bejubeln den Sieg gegen Leverkusen
"La Dea" kann es noch: Die Spieler von Atalanta bejubeln den Sieg gegen Leverkusen (imago/gonzalez photo)

Atalanta Bergamo beschäftigt ein Rassismusvorfall, was in unmittelbaren Zusammenhang mit der Europa-League-Reise des Serie-A-Klubs nach Leipzig gebracht wurde. Dort erwartet die Gäste aus der Lombardei der deutsche Tabellenvierte RB (18.45 Uhr/RTL+). Es stand die Frage im Raum: Lenkt das ab?

Koulibaly geschmäht

In der Regel sind Fußballer weitgehend immun gegen Vorfälle wie den rassistischen Zwischenrufen von Atalanta-Fans vergangenes Wochenende beim Heimspiel gegen die SSC Neapel. Die Partie ging mit 1:3 Treffern verloren, woran der Senegalese Kalidou Koulibaly großen Anteil hatte. Ihm galten die Schmähungen.

Nicht, dass Profikicker per se desinteressiert wären, aber ihre tägliche Arbeit wird von solchen Ereignissen in der Regel nicht beeinflusst. Viel eher traf der Verdacht zu, dass die Niederlage eventuell Einfluss haben könnte auf das Spiel gegen den deutschen Vertreter morgen Abend. Dem zweiten übrigens für Bergamo in der Europa League. In der Runde zuvor hieß der Gegner Bayer Leverkusen. Atalanta gewann beide Begegnungen jeweils 3:2 und 1:0.

Das Team von Gian Piero Gasperini kann Topteams wie den Tabellendritten der Bundesliga also immer noch schlagen. Doch nach vier Jahren des teils märchenhaften Erfolgs kehrt bei den „Bergamasken“ gerade der Fußballalltag ein, und der bedeutet: sich oben zu halten, ist verdammt harte Arbeit.

Drei Jahre Champions League

Erfolg hat eben keine allzu lange Halbwertzeit. Drei Jahre in Folge spielte „La Dea“, die Göttin, wie der Klub genannt wird, in der Champions League. Und das, nachdem es sich Atalanta seit der Vereinsgründung 1907 eigentlich im Fahrstuhl zwischen Seria und Serie B bzw. im Niemandsland der ersten Liga gemütlich gemacht hatte. Rang fünf 1948 war die beste Platzierung bis zur Saison 2016/2017.

In der tauchte Gasperini auftauchte. Der heute 64-Jährige ist der Vater des Erfolgs. Er verpasste einem Noname-Team aus italienischen Jungtalenten, Spielermarktschnäppchen und Spätzündern ein Spielsystem, das dem in Leipzig nicht unähnlich ist: Überfallfußball auf dem Fundament einer stabilen Defensive, ständigem Nerven und Pressen der Gegner sowie Musketiermentalität. Im ersten Jahr wurden der Coach und sein Gefolge Vierte, im zweiten Siebte, danach folgten drei dritte Plätze in Serie.

Sinnbildlich für den Aufstieg des Klubs steht der deutsche Nationalspieler Robin Gosens, der auch die Schwierigkeiten des Erfolgs verkörpert, mit dem der aktuell Tabellensiebte zu kämpfen hat: dem Abgang seiner Schlüsselspieler. Gosens kam 2017 für eine Million Euro aus dem niederländischen Almelo, entwickelt sich zum Topspieler und wechselte in diesem Winter auf Leihbasis zu Meister Inter Mailand. Sein Marktwert beträgt mittlerweile das 35-fache seiner Ablöse von vor fünf Jahren.

Tedesco mahnt

Atalanta erlebt deshalb gerade die erste kleinere Krise der jüngsten Jahre. Nichts Dramatisches, bis zu einem Europa-League-Rang beträgt der Rückstand bei einem Spiel weniger einen Punkt. Doch Champions-League-Rang vier ist bereits acht Zähler entfernt.

RB-Coach Domenico Tedesco warnte trotzdem vor Übermut, Unterschätzung und Leichtsinn. „Das ist ein richtig schwerer Gegner, eine Mannschaft, die sehr, sehr körperlich ist, sehr fit wirkt, in allen Statistiken was Laufdaten betrifft auf Platz eins in Italien steht“, analysierte der 36-Jährige den Klub aus seinem Geburtsland: „Das ist eine sehr harte Nuss für uns.”