RB Leipzig

Politischer Retortenklub gegen RB Leipzig – Experte: „Basaksehir hat den Umbruch verpasst”

Von (RBlive/sid/dpa/ukr)
19.10.2020, 13:54
Der Präsident schaut nicht nur zur: der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan auf der Tribüne des Stadions von Basaksehir.
Der Präsident schaut nicht nur zur: der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan auf der Tribüne des Stadions von Basaksehir. imago/LaPresse

RB Leipzigs erster Champions-League-Gegner Basaksehir Istanbul gibt Rätsel auf. Mitte Juli sorgte der vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan protegierte Klub mit dem Gewinn des Meistertitels europaweit für Schlagzeilen. Ein Coup sehr erfahrener, älterer Herren, vergleichbar mit dem Griechenlands bei der Europameisterschaft 2004. Dann folgte der Absturz. Aktuell rangiert der Titelträger nach fünf Spielen im Tabellenkeller. Immerhin gelang am Wochenende beim 2:0 gegen Trabzonspor der erste Sieg. Dabei schossen Edin Visca und Irfan Can Kahveci, mit etwa zwölf und neun Millionen Euro die wertvollsten Spielers des Kaders, die ersten Saisontore für Basksehir überhaupt.

„Sie haben in der Corona-Zeit den Umbruch verpasst”, erklärt Türkei-Experte Fatih Demireli, Chefredakteur des Magazins Socrates. Der Kader ist überaltert. Abwehrchef Alexandru Epureanu (34), Top-Stürmer Visca (30) sowie die Alt-Stars Martin Skrtel (35) und Demba Ba (35) sind längst in die Jahre gekommen.

Erdogan kickte beim Eröffnungsspiel mit

Es überraschte wenig, dass Basaksehir im Sommer mit Arsenal-Profi Mesut Özil in Verbindung gebracht wurde. Der deutsche Ex-Nationalspieler hatte sich vor der WM 2018 mit Erdogan fotografieren lassen und damit für großen Wirbel gesorgt. Sportlich würde der inzwischen 32 Jahre alte Özil perfekt ins Beuteschema von Basaksehir passen. Der kleine Klub vom Bospurus setzt nämlich vorrangig auf Profis im Spätherbst ihrer Karriere. Die Startelf beim ersten Saisonsieg am Wochenende gegen Trabzonspor brachte es auf stolze 30,6 Jahre. Bei RB waren es in Augsburg 24 Jahre.

Mit Gegner Basaksehir bekommt das Spiel eine politische Dimension. Erdogan hält seine schützende Hand über den Klub, der in der heutigen Form erst seit 2014 existiert und sein erstes Spiel in der Königsklasse am Dienstag (21 Uhr/DAZN) in Deutschland bestreitet. Der Präsident spielte beim Eröffnungsspiel des neuen Stadions mit der Nummer 12, die seitdem nicht mehr vergeben wird. Im Eingangsbereich des Vereinsgeländes hängt ein Porträt des Machthabers und nach der Meisterschaft im Sommer wurde die Mannschaft nach Ankara in den Präsidentenpalast eingeladen.

Grünen-Politiker Özdemir: „Basaksehir ist ein Symbol, das die Macht der traditionellen Klubs brechen soll”

Bis 2014 war Basaksehir eine Betriebsmannschaft der Istanbuler Stadtverwaltung, ein politischer Retortenklub. Klubboss Göksel Gümüsdag ist mit einer Nichte von Erdogans Frau verheiratet und AKP-Mitglied. Das nötige Geld für den märchenhaften Aufstieg soll Basaksehir aus regierungsnahen Kreisen bezogen haben.

Denn die Verbindung zur Politik ist eng. Der Klub wird mit Geldern vom Istanbuler Flughafen, den Wasserwerken und einer Krankenhauskette alimentiert. „Es ist normal, dass die Mannschaft mit unserem Staatspräsidenten in Verbindung gebracht wird. Das macht uns glücklich”, sagte Gümüsdag.

Aus Deutschland gab es zuletzt von Cem Özdemir Kritik am Konstrukt des Klubs. „Basaksehir ist ein Retortenverein, er steht bildlich für den Umbau der Türkei zu einer gleichförmigen Gesellschaft, die um den Präsidenten Erdogan herum gebaut wird”, sagte der frühere Bundesvorsitzende der Grünen der Welt am Sonntag. „Da ist Basaksehir ein Symbol, das die Macht der traditionellen Klubs brechen soll.”