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RB Leipzigs Tyler Adams im Exklusiv-Interview: „Ich frage meine Mutter immer öfter nach Rezepten"

Von Martin Henkel 04.04.2020, 08:01
RB Leipzigs US-Profi Tyler Adams
RB Leipzigs US-Profi Tyler Adams Imago/VI Images

Er ist einer der vielen Profis bei RB Leipzig, die in der Corona-Krise zwischen den Stühlen sitzen: hier der Arbeitsplatz, dort die Heimat. Tyler Adams ist US-Amerikaner, er stammt aus dem Bundesstaat New York, dessen Hauptstadt besonders schwer von der Virus-Pandemie betroffen ist. RBlive und Mitteldeutsche Zeitung haben mit dem 21 Jahre alten Mittelfeldspieler am Telefon darüber gesprochen, wie er damit umgeht, seine Familie gerade nicht sehen zu können, was er den lieben langen Tag treibt und in welcher Gefahr seine vier Wände sind.

Tyler, wie geht es Ihnen gerade?
Ohne Fußball fühlt es sich schon sehr merkwürdig an. Ich bin in einem fremden Land, um Fußball zu spielen. Das ist eine einzigartige Situation, gerade heißt es, von Tag zu Tag zu denken. Das Wichtigste ist, dass es den Menschen gutgeht, denn Fußball zu spielen ist ein Luxus.

Heimisch an der Pfanne

Sie sind seit einem Jahr in Leipzig. Hat es schon zu einem Haus mit Garten gereicht? Das soll aktuell Wunder wirken, wenn man eigentlich nicht rausdarf.
(lacht) Ich wohne mit meiner Freundin in einer Wohnung. Zum Glück leben wir neben einem Park, ich kann meinen Ball mitnehmen, ein bisschen rumkicken und joggen. Das Wetter ist zudem gut, das hilft gerade sehr.

Wie sieht Ihre tägliche Routine aus?
Ich stehe auf, frühstücke, mach meine Übungen, studiere, gehe mit meiner Freundin spazieren und abends kochen wir.

Was studieren Sie?
Psychologie an einem College in den USA.

Viele Kollegen entwickeln gerade Talente an der Pfanne, wie sieht es mit Ihren aus?
(lacht) Es ist eigenartig, nicht einfach irgendwohin Essen gehen zu können. Ich rufe jetzt vermehrt meine Mutter an, um sie nach Rezepten zu fragen.

Gibt es etwas, was Sie mittlerweile gut beherrschen?
Ja, wir hatten schon ein paar gute Abende. Neulich haben wir Tacos gemacht, die sind ausgezeichnet gelungen. Selbstgemachte Pizzen waren auch schon dabei.

Wie sieht der Kontakt zu Kollegen aus?
Wir haben Kontakt über den Verein, bei dem wir unsere Trainings besprechen.

Und persönlich?
Sie meinen Videogames oder Playstation? Ja, den gibt es auch. Gerade wenn es abends langweilig wird, spiele ich mit den Jungs vom Team oder Freunden in den USA. Ansonsten kommunizieren wir natürlich über WhatsApp oder telefonieren.

Tyler Adams und seine Mutter
Tyler Adams und seine Mutter
Tyler Adams/privat

Wie oft sprechen Sie mit dem Trainer?
Zuletzt nicht so viel, wir hatten frei und der Plan war, dass wir uns eher mit Menschen verbinden, die uns familiär oder emotional nahestehen.

Wie stark nehmen Sie die Entwicklungen in Ihrer Heimat wahr, speziell im Bundestaat New York, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind?
Ich stamme aus einem kleinen Ort, Wappingers Falls, nördlich von New York. Gott sei Dank haben wir dort nicht sehr viele Corona-Fälle. Aber die Situation in New York ist sehr hart. Die Stadt ist so dicht bevölkert, dass sich das Virus enorm schnell ausbreiten konnte. Ich telefoniere täglich mit meiner Familie, mein Bruder ist von der Uni zurück. Alle bleiben zu Hause, es geht ihnen gut.

Was bedeutet das für Sie, gerade nicht einfach nach Hause fliegen können - und das vermutlich für eine längere Zeit?
Es ist sehr seltsam für mich. Aber ich verstehe, dass Reisen gerade keine sehr gute Idee ist. Und wenn ich nicht nach Hause kann, dann ist es halt aktuell so. Damit muss und kann ich leben. Es gibt wichtigere Dinge gerade als mich. Zum Beispiel, dass alle sich an die Einschränkungen und Empfehlungen zur Kontaktvermeidung halten, hat gerade oberste Priorität.

Wie wirkt die Welt gerade auf Sie?
Generell ist es für die meisten Menschen schwer, wirklich zu verstehen, was gerade passiert. Niemand von uns hat so eine Situation schon jemals erlebt. Viele Menschen reden deshalb gerade über sehr viele Dinge. Jeder versucht, ein Arzt zu sein. Ich denke, wir sollten das den Profis überlassen. Für mich bedeutet das, mich auf die Dinge zu fokussieren, die ich unmittelbar beeinflussen kann. Ich halte mich exakt an die Regeln, und hoffe, das tun andere auch. Manchmal sehe ich Menschen draußen und denke, die machen Sachen, die gerade vielleicht gar nicht nötig wären, anstatt zu Hause zu bleiben und Leben zu retten.

Gibt es irgendwas Positives, das die Krise hervorbringen kann?
Ich sehe wenig Gutes, das die Krise an sich hervorbringt. Aber wenn man das größere Bild betrachtet, dann kann ich persönlich viel besser wertschätzen, was es bedeutet, dass ich jeden Tag Fußball spielen kann.

Wie nehmen Sie die Stimmung im Team untereinander wahr, hat sich etwas verändert?
Nein, eigentlich nicht. Wir hatten davor schon sehr viele Teammomente in der Liga und in der Champions League. Die Situation gibt uns eher gerade die Möglichkeit, uns etwas zu erholen von den vergangenen Monaten. Viele von uns haben sehr viele Spiele in den Knochen, bei manchen war das schon am Limit. Nach meiner langen Verletzung war das bei mir zudem ein dauerndes Auf und Ab zwischen spielen, wieder Zwangspausen und wieder spielen. Ich kann mich gerade körperlich in Bestform bringen, das ist das Gute an der aktuellen Situation.

Stand jetzt wird die Bundesliga im Mai die Saison fortsetzen. Zu früh oder zu spät in Ihren Augen?
Weder noch. Die Experten werden entscheiden, ob der Krisenhöhepunkt dann erreicht wurde oder nicht. Das wird den Zeitpunkt festsetzen, wann wir wieder spielen können. Es geht ja auch um unsere Gesundheit und die der Menschen, die unmittelbar mit Profifußball zu tun haben. Für mich ist das okay. Wie gesagt, Menschenleben sind wichtiger als Fußball.

Wie lange halten Sie es noch aus, nicht spielen zu können?
(lacht) Ich bin schon am Limit. Ich laufe in der Wohnung herum und spiele Bälle gegen die Wände. Bald wird es Löcher geben.

„Ich spende Geld in den USA”

Sie haben am Donnerstag wieder mit dem Training begonnen. Wie wichtig ist das für Sie?
Es ist anders als sonst, klar. Wir trainieren so, dass wir keinen Kontakt zueinander haben. Aber es ist ein schönes Gefühl, auf dem Rasen zu sein, einen Ball am Fuß zu haben, zu passen und das nicht nur mit sich allein.

Selbst wenn im Mai wieder gespielt wird, werden die Partien ohne Fans und Zuschauer stattfinden. Haben Sie Erfahrung mit so etwas?
Nicht wirklich. In der Jugend vielleicht, wenn meine jubelnde Mutter die Einzige am Spielfeldrand war (lacht). Es wird komisch werden, ohne Zweifel. Aber immer noch besser als keine Spiele und immerhin gibt es die Spiele ja im TV.

Die Spieler haben sich entschieden, auf einen Teil Ihres Gehalts zu verzichten. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Es war uns klar, dass wir das für das Wohl des ganzen Klubs machen und damit war klar, dass wir es machen wollen. So viele Menschen kümmern sich um uns, um die Akademie, um das Stadion. Niemand von denen soll wegen der Krise seinen Job verlieren. Das ist wichtig.

Spieler wie Lukas Klostermann spenden Geld auch für andere Zwecke. Wie ist das bei Ihnen?
Ich habe Geld für einige NGO’s in Amerika gespendet, die sich um die Verpflegung besonders hilfsbedürftiger Menschen kümmern. Die USA sind ein sehr großes Land, es wird eine Menge Menschen geben, die unter der Krise leiden werden. Aber auch hier in der Region möchte ich was tun. Wie das genau aussehen wird, weiß ich noch nicht genau. Aber der Verein macht ja mit seiner #WirAlle Kampagne da schon sehr gute Arbeit.

Sie haben mit RB das Viertelfinale der Champions League erreicht, deren Ausgang mehr als ungewiss ist. Vielleicht wird sie nicht zu Ende gespielt. Wie würde sich das für Sie anfühlen?
Es würde uns als Team emotional schon treffen. Es wäre hart. Aber nochmal: Wenn das andere Menschen in Gefahr bringt, dann geht es eben nicht, weiterzuspielen. Das finde ich in Ordnung und ich kann damit leben. (RBlive/mhe)

Das Gespäch führte Martin Henkel.