Weil er nicht zu Lok wollte

Wie RB-Urgestein Perry Bräutigam konspirativ nach Jena entführt wurde

Von Ullrich Kroemer Aktualisiert: 17.04.2022, 15:00
Wende-Fußballer: Perry Bräutigam war dabei, als die DDR in Österreich die WM 1990 verpasste.
Wende-Fußballer: Perry Bräutigam war dabei, als die DDR in Österreich die WM 1990 verpasste. (imago/Sportfoto Rudel)

Perry Bräutigam gehört bei RB Leipzig zu den Männern der ersten Stunde. Der frühere Oberliga-, Bundesliga- und Auswahl-Torhüter war 2009 als Torwarttrainer Teil der Gründungsmannschaft von Rasenballsport. Was viele nicht wissen: Der ehemalige Klassekeeper hat auch eine Leipziger Vergangenheit. Über die berichten Frank Müller und Jürgen Schwarz in dem Buch „Die Delegierten”, in dem das Autorenduo über verdeckte Transfergeschäfte im DDR-Fußball beleuchtet. Da es offiziell keine Spielerwechsel und auch keinen Transfermarkt in der DDR gab, spielten sich die Delegierungen meist auf politischer Ebene ab. Das Buch zeigt in den meist kurzen und gut lesbaren Geschichten, welch kuriose Blüten das Tauziehen um die besten Spieler bisweilen trieb, als es nicht zig Millionen für einen Wechsel brauchte, sondern gute Beziehungen nach ganz oben – oder kreative Lösungen.

Im Alter von 13 Jahren war der junge Bräutigam, der aus Altenburg stammt, zum 1. FC Lok Leipzig delegiert worden. Zwei-, dreimal pro Woche sowie zu den Spielen pendelte das Talent die 50 Kilometer in die Messestadt und zurück. Doch Bräutigam fühlte sich nicht wohl bei der „Lok'sche”, wechselte nur ein Jahr später wieder zurück zu seinem Heimatklub BSG Motor Altenburg. Dort entwickelte er sich bestens, avancierte bereits als 17-Jähriger zum Stammkeeper und stieg in die zweitklassige DDR-Liga auf. 1982 entbrannte ein Ringen um das Toptalent.

Lok zürnte: Ein Jahr Sperre für Perry Bräutigam

Der 1. FC Lok Leipzig hatte Anspruch auf Bräutigam, weil Altenburg damals zum Bezirk Leipzig gehörte, und wollte ihn zurückholen. Doch auch Carl Zeiss Jena war auf den damals 19-Jährigen aufmerksam geworden. Eines Vormittags standen ohne Anmeldung zwei Herren mit einem Kind vor Bräutigams Haustür. Der Jenenser Funktionär Paul Dern, ein Universitätsprofessor, hatte seinen Enkel zur Tarnung mitgebracht. Holterdiepolter „entführten” sie den verblüfften Bräutigam nach Jena, wo in Derns Garten ein Treffen mit Trainer Hans Meyer arrangiert wurde. Bräutigam sagte begeistert zu, hatte jedoch den Zorn des 1. FC Lok ebenso wie die Ungnade von Motor Altenburg auf sich gezogen, wo er im Vereinsschaukasten als Verräter verunglimpft wurde. Die SED-Kreisleitung und der damalige Lokchef Peter Gießner bestellten Bräutigam und seinen Vater ein. „Sie drohten mir an, dass ich nie wieder Fußball spielen darf, wenn ich nach Jena gehe.”

Lok setzte tatsächlich eine einjährige Sperre beim Fußballverband der DDR wegen des unerlaubten Wechsels durch, Bräutigam durfte nur heimlich in Jena trainieren. Zudem fälschten Lok/die Partei mutmaßlich eine Einberufung zur NVA, die jedoch aufflog, als Bräutigam beim Wehrkreiskommando vorstellig wurde. „Es war wohl eine Fälschung, was die Offiziere dort erst prüfen mussten”, erinnert er sich.

Ungehobene Schätze aus einem untergegangenen Fußballsystem

Nach einem halben Jahr wurde die Sperre wohl durch die guten Beziehungen der Jenenser aufgehoben und Bräutigam begann seine lange und erfolgreiche Karriere bei Carl Zeiss. Wer weiß, vielleicht hat auch seine Erfahrung mit Lok eine Rolle dabei gespielt, dass sich Bräutigam dem neu gegründeten Klub RB Leipzig anschloss.

„Die Delegierten” wirft ohne Anspruch auf Vollständigkeit beispielhaft und anekdotisch einen Blick hinter die Kulissen eines untergegangenen Fußballsystems. Bisweilen hätten die Storys sogar mehr Potenzial für noch detailliertere Recherchen mit konkreten Belegen, gewiss auch in Stasi-Unterlagen, geboten. Doch auch so liefert das Taschenbuch viele ungehobene Schätze – auch für ein jüngeres Publikum.

Die Delegierten, Frank Müller und Jürgen Schwarz, Verlag Neues Leben, 208 Seiten, 18 Euro.
Die Delegierten, Frank Müller und Jürgen Schwarz, Verlag Neues Leben, 208 Seiten, 18 Euro.
(Eulenspiegel/Verlag Neues Leben)
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