Die große Analyse Erfolgreich – aber nicht RB genug? Die Zahlen hinter den Werner-Zweifeln
65 Punkte, 20 Siege, Champions-League-Qualifikation: Die Bilanz von Ole Werner spricht eigentlich für eine Weiterbeschäftigung. Warum es bei RB trotzdem Zweifel geben soll – und welche Zahlen die Diskussion erklären.

Leipzig – 65 Punkte, 20 Siege, Rang drei, Champions-League-Quali: Die Bilanz von Trainer Ole Werners erster Saison bei RB Leipzig kann sich sehen lassen. Nach dem Absturz auf Rang sieben führte der 38-Jährige den Klub direkt zurück in die Königsklasse.
Umso überraschender sind die Zweifel, die es laut Sky und Sport Bild innerhalb des Global Soccer Teams um Jürgen Klopp an einer gemeinsamen Zukunft geben soll. Denn die Ergebnisse liefern dafür zunächst kaum Argumente. Wie passt das zusammen?
RBlive ist dieser Frage gemeinsam mit den Datenspezialisten von virtualfootball nachgegangen. Die Analyse offenbart einen bemerkenswerten Widerspruch: Werner erreichte die sportlichen Ziele – und entfernte sich gleichzeitig in einem zentralen Punkt von jenem Fußball, der RB Leipzig groß gemacht hat.
1. RB zurück in der Ligaspitze
65 Punkte. Platz drei.
Einordnung
Nach den 51 Punkten der Vorsaison legte RB um 14 Zähler zu und gewann sieben Spiele mehr als ein Jahr zuvor. Historisch betrachtet bewegt sich Werner damit exakt in jenem Bereich, in dem RB seine erfolgreichsten Bundesliga-Jahre spielte:
- Hasenhüttl: 67 Punkte
- Rangnick: 66 Punkte
- Nagelsmann: 65 und 66 Punkte
- Rose: 65 und 66 Punkte
- Werner: 65 Punkte
Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung des Trainers selbst. Seit seinem Bundesliga-Aufstieg mit Werder Bremen stieg sein Punkteschnitt von Saison zu Saison an. In Leipzig erreichte er den besten Bundesligawert seiner bisherigen Trainerlaufbahn.
- 1,06 Punkte pro Spiel (Bremen)
- 1,24 Punkte pro Spiel (Bremen)
- 1,50 Punkte pro Spiel (Bremen)
- 1,91 Punkte pro Spiel (RB Leipzig)
Mit einem Sieg am bedeutungslosen letzten Spieltag gegen Freiburg (1:4) hätte er sogar die punktbeste Saison der Vereinsgeschichte gespielt. Gleichzeitig holte RB 20 Bundesligasiege. Mehr waren einem Leipziger Trainer bislang nie gelungen. Lediglich Hasenhüttl und Rose erreichten diesen Wert.
Fazit
Die Ergebnisse liefern zunächst kaum Argumente gegen Werner. Nach der schlechtesten Platzierung der Vereinsgeschichte führte er RB unmittelbar zurück in die Champions League und erreichte punktetechnisch das Niveau von Rangnick, Nagelsmann und Rose. Die spannende Frage lautet deshalb nicht, ob Werner geliefert hat. Sondern, warum seine Arbeit trotz dieser Bilanz überhaupt diskutiert wird.
2. Wie Werner RB verändert hat
4-3-3 statt 4-2-2-2.
Einordnung
Werner stellte die Statik des Teams grundlegend um und verlagerte einen Großteil der Offensivkraft auf die Außenbahnen. Antonio Nusa kam auf 8,5 Dribblingversuche pro 90 Minuten – Ligabestwert. Yan Diomandé folgte mit 6,4 Dribblings auf Rang fünf. Beide erreichten dabei eine Erfolgsquote von 66 Prozent. Zum Vergleich: Bayerns Michael Olise kam auf 60 Prozent.
Eine zentrale Rolle spielte zudem David Raum. Der Nationalspieler kreierte 96 Chancen – mehr als jeder andere Bundesligaspieler. Auch bei den Großchancen (22) wurde er nur von Olise übertroffen. Die Zahlen zeigen: Dribblings über die Flügel und Zuspiele in den Strafraum gehörten zu den wichtigsten Offensivwaffen der Leipziger.
Auffällig ist zudem, dass RB trotz geordneterem Ballbesitzspiel seinem direkten Stil treu blieb. Das Werner-Personal benötigte lediglich 34 eigene Pässe bis zum Abschluss. Nur Union Berlin kam auf einen noch niedrigeren Wert. Bayern, Dortmund und Leverkusen lagen dagegen zwischen 39 und 42 Pässen. Zudem spielte RB mit 71,3 progressiven Pässen pro Partie die viertmeisten vertikalen Zuspiele der Bundesliga.
Fazit
Werner hat RB offensiv verändert. Seine Mannschaft war mutiger, dynamischer und deutlich schwerer zu verteidigen als in der Vorsaison. Vor allem über die Außenbahnen entwickelte Leipzig wieder jene Durchschlagskraft, die dem Team in der Vorsaison häufig gefehlt hatte.
3. Wieso nur so wenige Tore?
1,9 Expected Goals pro Spiel: Platz zwei der Bundesliga.
Einordnung
Die Zahlen zeigen: RB gehörte unter Werner zu den gefährlichsten Offensivteams der Liga. Mit 1,9 Expected Goals pro Spiel erreichten die Leipziger den zweitbesten Wert hinter Bayern München. Auch bei den Abschlüssen lag RB mit 13,5 Versuchen pro Partie auf Rang zwei. Zum Vergleich: In der Vorsaison waren es lediglich 1,4 xG und 10,6 Abschlüsse.
Das Problem lag also nicht darin, Chancen zu kreieren. Das Problem war ihre Verwertung. RB erzielte lediglich 0,96 Tore pro erwartetem Treffer und blieb damit leicht unterdurchschnittlich. Zum Vergleich: Der VfB Stuttgart kam auf einen Wert von 1,24. Besonders deutlich wird das am Beispiel von Romulo, der aus knapp 16 Expected Goals lediglich neun Treffer erzielte.
Fazit
Die Offensive war stärker, als die 66 Saisontore vermuten lassen. Die Zahlen sprechen deshalb eher für Werner als gegen ihn. Leipzig erspielte sich Chancen auf Spitzenniveau, belohnte sich dafür aber zu selten. Hätte RB seine Möglichkeiten so effizient genutzt wie Stuttgart, wäre die Mannschaft auf deutlich mehr als 80 Saisontore gekommen.
4. Pressingintensität: Hier beginnt die Werner-Debatte
12,7 PPDA.
PPDA steht für „Passes per Defensive Action“ und beschreibt, wie viele Pässe ein Gegner spielen darf, bevor eine Mannschaft aktiv Druck ausübt. Je niedriger der Wert, desto aggressiver das Pressing. Mit 12,7 erreichte RB unter Werner den höchsten PPDA-Wert seiner Bundesliga-Geschichte. Zum Vergleich: In der zweiten Saison unter Julian Nagelsmann lag der Wert noch bei knapp neun.
Einordnung
Unter Rangnick, Hasenhüttl oder Nagelsmann gehörte aggressives Pressing zur Identität des Klubs. Unter Werner ließ RB dem Gegner deutlich mehr Zeit am Ball als frühere Leipziger Mannschaften.
Dabei funktionierte die Defensive keineswegs grundsätzlich schlecht. Die Leipziger gewannen 64 Prozent ihrer Defensivzweikämpfe und gehörten auch beim Verteidigen von Schnittstellenpässen zu den besseren Teams der Liga.
Ein Problem bekamen sie dennoch nie in den Griff: die Konterabsicherung. Über Gegenstöße kamen Kontrahenten immer wieder zu Abschlüssen. Neun Gegentore kassierte RB auf diese Weise – und das, obwohl die Mannschaft insgesamt deutlich zurückhaltender anlief als viele Vorgängerteams.
Auch die Entwicklung innerhalb der Saison liefert Kritikern Argumente. Die Hinrunde beendete Leipzig mit 33 Punkten auf Rang vier, die Rückrunde mit 32 Punkten auf Rang drei. Gerade nach dem Wegfall der Europapokal-Belastung und einer zusätzlichen Vorbereitungsphase im Winter hatten viele Beobachter einen größeren Entwicklungsschritt erwartet.
Fazit
Hier könnte der eigentliche Grund für die Zweifel an Werner liegen. Der Trainer entwickelte das Offensivspiel sichtbar weiter und führte RB zurück zu mehr Tempo, Direktheit und Durchschlagskraft. Gleichzeitig entfernte sich sein Team beim Pressing stärker von der klassischen Red-Bull-Schule als jede Leipziger Bundesliga-Mannschaft zuvor.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Werner erfolgreich war. Diese Frage beantworten die Zahlen eindeutig mit Ja. Sie lautet vielmehr: Ob sich ein weniger aggressives RB langfristig mit den Vorstellungen von Jürgen Klopp und dem Global Soccer Team vereinbaren lässt.