Kommentierende Analyse "Art und Weise der Werner-Trennung: ein Totalschaden!"
RB Leipzig hat sich nach nur einer Saison und Rang drei von Trainer Ole Werner getrennt. Sportlich debattierbar, beschädigt vor allem die Art und Weise der Trennung nicht den Trainer, sondern das Ansehen aller anderen daran Beteiligten.

Leipzig - RB Leipzig hat sich von Trainer Ole Werner getrennt. Doch es ist noch viel mehr passiert am gestrigen Mittwoch, als der Red-Bull-Klub seine Entscheidung veröffentlichte. Es ist ein Totalschaden entstanden, der in der Geschichte der Bundesliga seinesgleichen sucht.
Klopp ulkt im WM-TV
Dass Trainer trotz Erfolgs entlassen wurden, ist nicht neu. Neu ist die Art und Weise – und sie hinterlässt (fast) nur Verlierer.
Jürgen Klopp: Von allen Beteiligten nimmt das Ansehen von Red-Bull-Fußballchef Jürgen Klopp wohl den größten Schaden. Vom einstigen Liebling der Deutschen, dem Erfolgstrainer aus dem beschaulichen Mainz, der sich als „normal one“ bezeichnete und die Romantiker des Fußballs mit ritterlichem Draufgängertum bezirzte, ist nach diesen Vorgängen nicht mehr viel übrig. Klopp erscheint in dieser Angelegenheit deutlich kompromissloser, als es sein öffentliches Image lange vermuten ließ.
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Schlimmer noch: Er fand nicht einmal Worte für die offensichtlichen Spannungen, die rund um die Trennung diskutiert wurden. Ein Satz wie: „Es gab unterschiedliche Anschauungen oder Meinungsverschiedenheiten“ hätte gereicht. Stattdessen sprach der ehemalige Geradeheraus-Mensch davon, dass man die Saison analysiert habe und dabei die Frage aufkam, wie das wohl alles werden soll, wenn zu Liga und Pokal nun auch noch die Champions League hinzukäme – und sagte, man müsse „nach vorn schauen“. Dabei dürfte jeder, der die Diskussionen rund um Werner in den vergangenen Wochen verfolgt hatte, herausgehört und -gelesen haben, dass es bei der Trennung wohl um mehr gegangen ist, als um die Belastung durch einen zusätzlichen Wettbewerb.
Überschneidung der Ereignisse
Aus dem Inneren des Klubs war zuletzt immer wieder von unterschiedlichen Vorstellungen über Spielweise, Ausrichtung und Entwicklung der Mannschaft zu hören. En Streit, den Klopp einem Bericht zufolge, als „beleidigend“ empfunden haben soll. Klopp wollte im Grunde genommen Heavy Metal, Werner entschied sich im Verlauf der Saison für Hardrock.
Besonders auffällig war die Überschneidung der Ereignisse in den vergangenen Tagen: das Gesamtbild, das Klopp abgab. Während er sich durchs deutsche WM-TV ulkte und sogar den Bundestrainer brüskierte, wurde in Deutschland Werners Ansehen sukzessive demontiert und bereits ein potenzieller Nachfolger genannt, bevor der Noch-Coach überhaupt aus seinem Urlaub zurück war, um die Saison, wie zuvor von RB angekündigt, weiter zu analysieren.
Schäfer geschwächt?
Vor allem aber wird Klopp sich an seinen eigenen Worten messen und bewerten lassen müssen. Als er Januar 2015 als Head of Global Soccer vorgestellt wurde, sagte er folgende Sätze zu seinem Selbstverständnis als Berater: "Natürlich werde ich anders mit Trainern zusammenarbeiten, als das andere vielleicht tun. Einfach, weil ich selbst in dieser Situation gewesen bin. Ich hoffe, dass Trainer acht, neun Jahre bei uns bleiben, weil sie denken, dass sie hier gut begleitet werden.“
Und weiter: "Ich war nie der Typ, der losgegangen ist und Leuten gesagt hat, was sie machen sollen. Ich glaube, zum Führen gehört Zuhören. Das werde ich machen. Ich möchte meine Erfahrungen teilen. Ich möchte Leuten helfen, das Beste aus sich selbst rauszuholen."
Marcel Schäfer: Der ehemalige Spieler des VfL Wolfsburg ist eigentlich der Sportchef am Red-Bull-Standort Leipzig. Über ihm postiert sind nur Gesamtgeschäftsführerin Tatjana Haenni und der Aufsichtsrat des Klubs, dem Red-Bull-CEO Oliver Mintzlaff vorsteht. De jure ist das so, weil auch die 50+1-Regel einen Einfluss von Hauptsponsor Red Bull untersagt.
Haenni mittendrin
De facto entsteht allerdings der Eindruck, dass die entscheidenden Impulse für die Trennung nicht aus Leipzig gekommen sind. Darauf deuten zahlreiche Berichte und die Entwicklung der vergangenen Wochen hin. Gleiches gilt für die erwartete Verpflichtung von Martín Demichelis als Nachfolger.
So oder so: Der Eindruck einer geschwächten Leipziger Führung ist in der Welt und könnte weitere Trennungen nach sich ziehen.
Tatjana Haenni: Wer die neue Gesamtgeschäftsführerin in den vergangenen Monaten kennenlernte, bekam den Eindruck von einer Frau, die Wert auf Respekt, gegenseitige Wertschätzung und einen aufrechten Umgang legt. Nichts davon war im Spiel bei Werners Aus, das letztendlich nicht Klopp und Co. nach außen hin verantworten, sondern der Klub vor Ort. Also auch Haenni. Die Schweizerin ist noch kein halbes Jahr da – und im Ansehen schon schwer mitgenommen.
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Früher bei Puma und Berater
Oliver Mintzlaff: Vor wenigen Wochen, beim Heimspiel gegen Union Berlin, rannte der Red-Bull-CEO und mächtigste Funktionär auch bei RB im Stadion 90 Minuten auf dem Laufband, um für den Charity-Event „Wings for Life“ zu werben. Einmal vor Ort lobte er auch Werner für seinen „tollen Job“, wenn er denn die Champions League erreichen würde, was eine Woche später der Fall war.
Gerüchten zufolge soll Mintzlaff während der Saison zweimal eine Entlassung Werners verhindert haben. Nichts Entscheidendes bei RB, und auch nichts um RB herum, passiert, ohne seine Zustimmung oder Ablehnung. Nicht seit 2014, als der frühere Berater und Puma-Mitarbeiter zum Vorstandsvorsitzenden bei RB bestellt wurde. Später wurde er Geschäftsführer, mittlerweile führt er den Aufsichtsrat. In diesen zwölf Jahren gab es zehn Trainerwechsel.
Werner geht aufrecht
Ole Werner: Ist der Einzige, der aus der ganzen Nummer aufrecht herauskommt. Der 37-Jährige hat sich als kompetent erwiesen, als selbstbewusst - und geradlinig. Wer noch könnte das gerade von sich behaupten, der an dieser Trennung beteiligt gewesen ist?