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Von Ullrich Kroemer

Rotebrauseblogger im Interview „Die Fronten sind geklärt: Entweder pro oder gegen RB Leipzig”

„Für den modernen Fußball”: RB-Fans 2012 in Zwickau.

„Für den modernen Fußball”: RB-Fans 2012 in Zwickau.

In dem Buch „RB Leipzig – Der moderne Fußball” (Verlag Die Werkstatt), kommt Matthias Kießling – RB-Blogger im Ruhestand – zu den Veränderungen in der medialen Bewertung durch lokale und überregionale Medien sowie zur Entwicklung der PR-Strategie von Rasenballsport zu Wort. Auch die Gründe seines Abschieds aus der Blogosphäre sind Thema.

Buchautor Ullrich Kroemer ist als Journalist auch für RBlive/Mitteldeutsche Zeitung tätig. RBlive veröffentlicht hier exklusiv Auszüge seines Buches, der Mitte März umfassend erweitert und aktualisiert erschienenen Neuauflage des Vorgängers „Aufstieg ohne Grenzen”.

Matthias Kießling, Jahrgang 1973, beschloss während seiner Elternzeit zu Beginn des Jahres 2010, einen Blog über RB Leipzig zu starten. Rotebrauseblogger.de war der erste und bis zum abrupten Ende im Sommer 2019 relevanteste Blog über Rasenballsport. Der Rotebrauseblogger begleitete den Klub als Fan zwar durchaus wohlwollend, setzte sich jedoch angenehm unaufgeregt auch diskursiv mit der Klubentwicklung auseinander. Neun Jahre lang verfolgte und kommentierte der studierte Kommunikationswissenschaftler in seiner Presseschau alle relevanten Veröffentlichungen in den Medien über RBL. Seit Anfang 2020 absolviert er eine Umschulung zum Lokführer. 

Matthias, wie hat sich die journalistische Berichterstattung über RB in den vergangenen Jahren generell verändert?
Matthias Kießling: Die Zeit der medialen Ablehnung von RB Leipzig ist vorbei. Die Texte, die erklären sollten, was hier grundsätzlich passiert und warum das aus Sicht der Journalisten verkehrt ist, sind alle geschrieben worden.

Woran machen Sie das fest?
In Berichten der Welt beispielsweise war man in den Anfangsjahren froh, wenn man einen positiven Satz über den Klub fand. Heute schreibt nicht nur die Welt solche polemischen Texte nicht mehr. Vielleicht, weil die Redakteure näher dran am Thema sind, enger mit der Medienabteilung verbunden oder einen besseren Draht zur Vereinsspitze haben.

Gab es Ihrem Eindruck nach redaktionell gesteuerte Kampagnen gegen oder für RB, oder waren das individuelle Bewertungen der Redakteure?
Meiner Meinung nach sind das individuelle Redakteursmeinungen. Klar gibt es bei 11 Freunde einen redaktionellen Konsens der Ablehnung von RB, der aber auch persönlich begründet ist, weil Meinungsmacher Philipp Köster als Chefredakteur verantwortlich ist. Nichts gegen kritischen Journalismus, aber bei 11 Freunde entsteht der Eindruck, dass alles vermeintlich Kritische bei jedem Text aufs Neue in einen Topf geworfen und teils falsch verrührt wird. Wenn sich das Blatt mehr auf Fakten konzentrieren würde, als auf das effektheischerische Drumherum, wäre das wertvoller. Kampagnenjournalismus gegen RB nehme ich aber nicht wahr. Im Gegenteil: Ich habe den Eindruck, dass beispielsweise Springer-Medien wie die Sport-Bild inzwischen sehr bemüht sind, einen positiven Blick auf RB zu haben.

„RB Leipzig – Der moderne Fußball” ist ein Mix aus Vereinschronik und thematischem Sachbuch über die Rolle von RB Leipzig als Prototyp des modernen Fußballklubs. Zu Wort kommen Trainer, Spieler, Funktionäre ebenso wie Fans und Kritiker.

„RB Leipzig – Der moderne Fußball” ist ein Mix aus Vereinschronik und thematischem Sachbuch über die Rolle von RB Leipzig als Prototyp des modernen Fußballklubs. Zu Wort kommen Trainer, Spieler, Funktionäre ebenso wie Fans und Kritiker.

Hängt dieser Trend mit der Pressestrategie von RB zusammen oder hat sich das Stimmungsbild generell gewandelt?
Die Pressearbeit spielt eine große Rolle. Der Aufwand ist enorm, den RB da betreibt. Die Öffentlichkeitsarbeiter des Vereins pflegen mittlerweile ein sehr enges Verhältnis zu den Journalisten. RB weiß schon genau, wie der Klub die Bedürfnisse der Berichterstatter befriedigt. Aber zu dieser Nähe gehört beispielsweise auch, Journalisten hinterher zu telefonieren, wenn dem Klub etwas nicht passt. Aber natürlich hat das auch etwas mit Gewöhnung und der Entwicklung über die Jahre zu tun. Ähnlich wie damals in Hoffenheim ist die Berichterstattung über die sportlichen Erfolge stärker in den Mittelpunkt gerückt. Daher wird RB immer öfter wie andere Vereine auch behandelt.

„Offenerer und konfrontativer, sehr selbstbewusst-aggressiver Kommunikationsstil”

Wie hat sich die PR-Politik von RB verändert?
Die Idee von Kommunikationspolitik hat sich bei RB über die Jahre stark gewandelt. Der erste Pressesprecher Hans-Georg Felder etwa konnte anfangs mit Blogs oder sozialen Netzwerken gar nichts anfangen. Bei Sharif Shoukry war die Maßgabe dann, dass über Lizenzierung, Fanproteste oder andere Vereine grundsätzlich nicht geredet wird, da das nicht das Thema von RB sei. Nun sucht Florian Scholz seit Sommer 2015 einen offeneren und konfrontativeren, sehr selbstbewusst-aggressiven Kommunikationsstil und holt die Medien stärker mit ins Boot, indem diese immer wieder mit den aktuellen strategischen Kommunikationshäppchen gefüttert werden. Wenn im dritten Interview mit einem RB-Spieler oder -Offiziellen in Folge etwas von neuen Studien steht, die das positive Interesse von RB belegen, dann weiß man, dass da die Öffentlichkeitsarbeit von RB ihren Job gemacht hat.

Finden Sie die überregionale Berichterstattung mittlerweile generell angemessen?
Ich finde sie im Rahmen dessen angemessen, was bei RB normal ist. Es schwang vor allem in den Anfangsjahren bei Veröffentlichungen über den Verein immer eine zweite Ebene mit; es ging immer auch um das Verteidigen oder die Ablehnung von RB Leipzig. In beinahe jedem Artikel gab es eine Bekenntnisebene des Journalisten, wie er zu dem Verein steht. Das unterschied die Berichterstattung über RB grundlegend von der über andere Vereine. In den vergangenen Jahren hat sich das gewandelt. Zu 90 Prozent nehme ich das inzwischen als normale Sportberichterstattung wahr.

Und die übrigen zehn Prozent?
Diese Bekenntnisebene kommt in überregionalen Medien aktuell nur dann noch zum Vorschein, wenn es um Themen wie etwa Lizenzierung oder Integrität des Wettbewerbs geht. Als etwa nur sieben Leipziger Fans zum Europa-League-Qualifikationsspiel nach Rumänien mitfuhren oder nur 20.000 zu einem Heimspiel kommen, kann man sich relativ sicher sein, dass zum Beispiel bei derwesten.de ein Text mit dem Titel ,So lacht das Netz über RB Leipzig’ erscheint. Da spielen zum einen persönliche Attitüden von Journalisten eine größere Rolle als in der überregionalen Berichterstattung. Und zum anderen sind diese Portale stärker klick- und social-media-getrieben, was mit Texten über RB immer dann funktioniert, wenn ein Klischee bedient wird und Emotionen angesprochen werden. Dann springen zuverlässig diejenigen an, die gegen RB agitieren, ebenso wie jene, die RB verteidigen. Es gibt bei der Wahrnehmung von Rasenballsport wenig Grautöne, die Fronten sind geklärt: Entweder ich bin pro oder gegen RB. Das wird von den Medien bedient.

„Hiesige und internationale Berichterstattung über RB Leipzig ist unüberblickbar geworden”

Blogger im Ruhestand: Matthias Kießling.

Blogger im Ruhestand: Matthias Kießling.

Wie hat sich generell die Berichterstattung über RB Leipzig nach drei Jahren Bundesliga sortiert?
Das erste Jahr in der Bundesliga war Goldgräberstimmung. Das war das perfekte Thema – auch für jedes internationale Medium. Daran kam keiner vorbei. Die BBC etwa berichtete in diversen Formaten über dieses wundersame Rasenballsport. Aktuell hat sich das insofern normalisiert, als dass es auch international mehr um konkrete Themen wie Transfers oder Spieler von RB geht. So ist nicht nur die hiesige, sondern auch die internationale Berichterstattung über RB unüberblickbar geworden. Du brauchst als Fan jemanden, der diese Unübersichtlichkeit ordnet. Das kann keine Tageszeitung leisten. Insofern finde ich den Newsblog RBlive, bei dem ich bis Ende 2019 mitgearbeit habe, vom Konzept her passend, weil er gut zum Zeitgeist passt. Themen lassen sich dort gut auf eine These oder Aussage herunterbrechen, die sich auf Anhieb erfassen lassen und zu denen sich die Leser positionieren können. Das bedient modernes Kommunikationsinteresse. Das Publikum begreift diese Seite als ihr Fan-Zuhause.

Was waren eigentlich Ihre Beweggründe, den Rotebrauseblog ins Leben zu rufen?
Ich war in Elternzeit, hatte freie Kapazitäten, habe mich für RB interessiert, kann ein bisschen schreiben, und dann habe ich einfach mal angefangen. Es gab keine Ursprungsidee im Sinne von: Ich muss den Sportjournalismus und die freie Meinungsäußerung retten. Es war anfangs ein Hobby, da habe ich teilweise Texte geschrieben, die vier Zeilen lang waren. Später bekam ich mit dieser Zeichenzahl keine Einleitung mehr hin (lacht). Die Idee verfestigte sich dann mit den Jahren, selbst Hintergründen nachzugehen und Recherche zu betreiben. Ich habe mich als Diskursanalytiker verstanden, der auf Metaebene oberhalb des Journalismus beobachtete, was geschrieben wird und wie das zusammenhängt. Ich habe keinen klassischen Journalismus betrieben, sondern eher eine Metaanalyse dessen, was bei RB passiert. Es ging mir darum, Dinge einzuordnen, bei Bedarf in einen historischen und inhaltlichen Zusammenhang zu stellen, bisweilen habe ich Thesen auch mit statistischem Zugang überprüft.

„Bestimmte Berichterstattung wie Fanthemen nervte mich immer mehr an”

Sie haben nach neun Jahren vorerst Ihren Blog beendet und sich Ende 2019 ganz aus der Berichterstattung über RB verabschiedet. Warum?
Ich habe gemerkt, dass mich bestimmte Berichterstattung wie die über Fanthemen immer mehr annervte und ich diese fußballkulturellen Geschichten eher links liegen gelassen habe, weil mich die Aufregung darüber nervt. Dieses zugespitzte Schwarz-Weiß-Denken, diese Polarisierung macht mir keinen Spaß. Deswegen habe ich mich zuletzt immer mehr auf Statistiken konzentriert.

Symptomatisch für die Bloggerszene bei RBL?
Alle Versuche, Blogs zu starten, sind gescheitert. Es gibt im Moment kaum relevante Kommunikationskanäle aus Fansicht. Im Forum rb-fans.de erscheinen zwar regelmäßig Texte, aber es finden kaum noch Diskussionen auf gutem Niveau statt. Meine These ist, dass inzwischen mehr in den Fanclubs stattfindet, wo soziale Strukturen gewachsen sind. Und bei Facebook bepöbeln sich die Leute natürlich auch zum Thema RB Leipzig. Diskussion würde ich das nicht nennen, da werden sich Schlagzeilen um die Ohren gehauen. Aber generell ist das Blog-Sterben kein Leipziger Phänomen, sondern ein bundesweites.

In der vollständigen Version des Interviews im Buch äußert sich Matthias Kießling unter anderem dezidiert über die Rolle des Lokalmediums Leipziger Volkszeitung bei der Berichterstattung über RB Leipzig.

Informationen zum Buch RB Leipzig – Der moderne Fußball:
Seiten: 224
Format: 17,0 × 24,0 cm
Hardcover
ISBN 9783730704233
Erscheinung: 1. Auflage, März 2020
Preis: 22 €
Verlag Die Werkstatt