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Von Ullrich Kroemer

Videoanalyse in Gersthofen So verhalf Thomas Tuchel Julian Nagelsmann zur Trainerkarriere 

Zweites Aufeinandertreffen in der Bundesliga: Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel im Dezember 2016.

Zweites Aufeinandertreffen in der Bundesliga: Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel im Dezember 2016.

Dass Thomas Tuchel die Karriere seines frĂŒheren Spielers Julian Nagelsmann maßgeblich mit geprĂ€gt hat, ist bekannt. Doch wie konkret der aktuelle Trainer von Paris St. Germain dem heutigen Chefcoach von RB Leipzig den Weg in den Trainerberuf geebnet und wie maßgeblich er Nagelsmann gefördert hat, beschreibt die kĂŒrzlich erschienene Biografie ĂŒber Tuchel (Werkstatt-Verlag).

Die Autoren Daniel Meuren und Tobias SchĂ€chter haben dazu ausfĂŒhrlich mit Nagelsmann gesprochen. Der erinnert sich an seinen allerersten Job fĂŒr Tuchel. Als 20-JĂ€hriger musste Nagelsmann fĂŒr seinen damaligen Trainer bei Augsburg II die Gegner in der Landesliga beobachten. Seinen ersten Einsatz hatte er in Gersthofen nödlich von Augsburg. „Das war witzig, am Anfang bin ich mit meiner heutigen Frau zu den Spielen der Gegner gefahren. Sie hat mit der Handkamera gefilmt, und ich habe parallel dazu Notizen gemacht. Zettel, Stift und Handkamera – mehr gab es nicht“, erinnert sich Nagelsmann. „Das hatte nichts mit heutiger Videoanalyse zu tun.“

Nagelsmann: „Thomas Tuchel sagte zu mir, ich solle doch Trainer werden”

Zwei Tage lang bereitete sich Nagelsmann darauf vor, Tuchel seine Analyse zu prĂ€sentieren. „Beim ersten Mal habe ich zu Thomas gesagt, ich weiß jetzt nicht, ob es das ist, was du dir erhofft hast. Es war ja auch sehr ausfĂŒhrlich. Das war echt spannend fĂŒr mich, weil ich mir bis dahin ĂŒberhaupt keine Gedanken gemacht habe, wie ein Trainer denkt: Plötzlich war wichtig: Was machen die mit Ball? Wie machen sie es defensiv?” Nagelsmann beschrĂ€nkte sich darauf, nur seine Erkenntnisse zu zeigen und Videoausschnitte wegzulassen.

Tuchel war angetan von der PrĂ€sentation. Seitdem hatte der hĂ€ufig verletzte Nagelsmann den „Job” als Landesliga-Scout. Nagelsmann habe völlig frei arbeiten können. „Er sagte nur, es sei wichtig, einen Überblick ĂŒber den Gegner zu bekommen”, so der heutige RB-Trainer.

Bereits nach einigen VortrĂ€gen erkannte Tuchel Nagelsmann Trainertalent. „Thomas sagte zu mir, ich solle doch Trainer werden, wenn ich nicht mehr spielen könne. Er glaube, dass ich talentiert sei dafĂŒr durch die Art und Weise, wie ich ticke und wie ich spreche. Ich solle das auf jeden Fall probieren”, berichtet Nagelsmann.

Und auch ganz konkret half Tuchel seinem MusterschĂŒler beim Einstieg in den ersten Trainerjob. So gab er dem 14 Jahre jĂŒngeren Kollegen 2008 den Tipp, dass dass bei 1860 MĂŒnchen ein U17-Co-Trainer gesucht werde. Nagelsmann bekam den Posten und avancierte in nur acht Jahren zum Bundesligatrainer.

Es gibt wenige Menschen, die ihn neutral sehen. Er polarisiert!
Julian Nagelsmann ĂŒber Thomas Tuchel

Vieles in seiner Arbeitsweise hat sich Nagelsmann von seinem prĂ€gendsten Lehrmeister Tuchel abgeschaut. Auch da gehen die Autoren anschaulich ins Detail. Spannend zu lesen ist auch Nagelsmanns EinschĂ€tzung ĂŒber den Typen Tuchel. Nagelsmann befindet, dass Tuchel entweder „supergut” oder „gar nicht” ankomme. „Es gibt wenige Menschen, die ihn neutral sehen. Er polarisiert! Ich und meine Frau sind immer super mit ihm klargekommen, hatten ein super VerhĂ€ltnis. Er hat sich oft mit meiner spĂ€teren Frau und mit meinen Eltern unterhalten. Er war immer sehr freundlich. Es war auffĂ€llig, dass er da einen Bezug aufbauen wollte, das war schon besonders”, berichtet der 32-JĂ€hrige ĂŒber seinen heutigen Kollegen. Doch es habe auch schon bei der zweiten Mannschaft in Augsburg Spieler gegeben, mit denen Tuchel anders umsprang. 

„Nicht mehr so studentisch”

Nach einigen Jahren ohne Kontakt trafen sich Nagelsmann und Tuchel wieder, als der aufstrebende Jungtrainer als Coach der Hoffenheimer U-19 das Training von Mainz 05 besuchte, wo Tuchel inzwischen Bundesliga-Trainer. „Es war spannend fĂŒr mich, wie er reagieren wĂŒrde, weil wir ja in Augsburg auch ein paar Mal aneinandergeraten waren. Aber das Wiedersehen verlief sehr herzlich und vertraut”, erzĂ€hlt Nagelsmann. „Thomas wirkte deutlich Ă€lter, nicht mehr so studentisch. Er hat auf dem Platz zwar noch rumgeplĂ€rrt, aber trotzdem hatte ich den Eindruck, er sei ruhiger geworden.”

Schlagen konnte Nagelsmann seinen Lehrmeister bislang nicht. Bei den drei Aufeinandertreffen mit Hoffenheim beziehungsweise Borussia Dortmund 2016 und 2017 erreichte Nagelsmann ein 2:2, Tuchel gewann die beiden anderen Duelle 3:1 und 2:1. Falls die Champions League fortgesetzt wird, wĂ€re ein Aufeinandertreffen der beiden deutschen Trainerstars in diesem Sommer möglich. (RBlive/ukr) 

„Thomas Tuchel – Die Biografie.”

„Thomas Tuchel – Die Biografie.”

Seiten: 192
Format: 13,9 × 21,2 cm
Paperback
ISBN: 9783730704660
Erscheinung: 1. Auflage 2020
Verlag: Die Werkstatt