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„Auf dem rechten Auge blinder”: Rangnick korrigiert Aussagen über Politik im Fußball

Ralf Rangnick war es offenbar ein Anliegen, seine Äußerungen zur Frage, wie viel politisches und gesellschaftliches Engagement dieser Tage auch im Fußball nötig ist, zu korrigieren. Auf den Kern dieser Frage ging RB Leipzigs Klub-Architekt jedoch nicht ein. Eine kommentierende Einordnung. Von Ullrich Kroemer.

Achtung, Suggestivfrage: RB Leipzigs Trainer und Sportdirektor Ralf Rangnick wurde am Mittwochabend bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den FC Salzburg gefragt, ob seine Aussagen zu Politik im Stadion missverstanden worden seien.

Rangnick hatte vor einer Woche für einen unpolitischen Fußball plädiert: „Fußball muss versuchen, sich aus politischen Positionen herauszuhalten. Fußball sollte sich weiterhin dieser Funktion bewusst bleiben; dazu gehört, eine unpolitische Rolle einzunehmen”, hatte Rangnick gesagt. Und zur Frage, ob er sich vorstellen könne, dass sein neu gewähltes Kapitäns-Quartett mit einer Regenbogen-farbenen Binde als Zeichen für Vielfalt auflaufen werde, hatte der 60-Jährige wenig sensibel und reflektiert geantwortet: „Wir lassen uns nicht vor jeden Karren spannen.”

Rangnick: „Deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Homophobie, gegen Diskriminierung jeglicher Art”

Die Aussagen hatten lokal und überregional Wellen geschlagen, unter anderem Zeit online berichtete. Und auch in Fan-Kreisen von RB Leipzig war Rangnick kritisiert worden. Daher nutzte der Schwabe nun die große Bühne vor dem Duell der Red-Bull-Klubs, um sich zu rechtfertigen: „Wenn ich zwei Tage vor dem Spiel gegen Hannover 96, bei dem es darum geht, das erste Bundesligaspiel zu gewinnen, nach irgendeiner Regenbogen-Spielführerbinde gefragt werde, muss ich ehrlich sagen, interessiert es mich an dem Tag nicht, welche Farbe die Kapitänsbinde hat.“ Einen Tag vor dem Duell gegen Salzburg nahm er sich nun die Zeit dafür. RBL und LVZ-Reporter Guido Schäfer setzten nach der PK im Gleichschritt deckungsgleiche Tweets ab.

Seine Mannschaft, wiederholte Rangnick seine Argumentation von einer CDU-Veranstaltung im Frühjahr, stehe schon allein durch die Ansammlung von Kickern aus diversen Nationen „deutlich gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Homophobie, gegen Diskriminierung jeglicher Art” ein. „Unsere Mannschaft ist ein Sammelsurium verschiedener Nationalitäten. Es gibt nicht viele Vereine, die so gute Charaktere in der Mannschaft haben”, sagte Rangnick.

Rangnick: „In Deutschland auf dem rechten Auge immer blinder als auf dem linken”

Der studierte Sport- und Englischlehrer stellte klar: „Ich verstehe nicht, warum wir in Deutschland auf dem rechten Auge immer blinder waren als auf dem linken.” Rangnick berichtete von seinem Geschichtslehrer, „der immer Angst hatte vor dem Einmarsch der Russen”. Und weiter: „Alles, was mit Rechtsradikalismus oder generell mit Extremismus versehen ist, ist für mich überhaupt kein Thema. Das ist ein No-go, das geht gar nicht. Wir in Deutschland tun gut daran, auf dem rechten Auge besonders gut hinzuschauen.”

Das war zwar klarer als am vergangenen Donnerstag, doch Rangnicks Aussagen zielten am eigentlichen Kern der Frage vorbei. Denn schließlich standen weder Rangnick persönlich, noch die Mannschaft von RB Leipzig im Verdacht, rechtsextremes Gedankengut zu unterstützen. Vielmehr geht es darum, ob Fußballklubs mit Millionenumsätzen wie RB Leipzig ihrer gesellschaftlichen und politischen Verantwortung gerecht werden, indem sie eine „unpolitische” Haltung propagieren.

Dass Rangnick in Pressekonferenzen vor Pflichtspielen einen anderen Fokus hat, als das gesellschaftspolitische Engagement seines Klubs und die aktuellen politischen Debatten im Land, mag man ihm verdenken. Vielmehr geht es darum, welche Priorität der gesamte Verein – vertreten eben durch die Sprachrohre Rangnick und Vereinsvorstand Oliver Mintzlaff – gewillt ist, dem Thema einzuräumen und ob er dabei glaubwürdig und nachhaltig demokratische Positionen stärkt. Auch im Zusammenspiel mit anderen Institutionen, Fans etc. Eine Frage der Vereinskultur.

Vorbild Werder Bremen

Wie man ganz aktiv und interdisziplinär gesellschaftliche Verantwortung wahrnimmt und sich glaubwürdig positioniert, machte übrigens jüngst der SV Werder Bremen vor. In dieser Woche gastierte dort das Theater der Jungen Welt Leipzig mit dem Theaterstück „Juller”, das auf Grundlage der Biografie des in Auschwitz ermordeten Ex-Nationalspielers Julius Hirsch geschrieben und inszeniert wurde. Werder zeigte als Mitinitiator unter anderem durch Vorstand Marco Bode Gesicht und Stimme.

RB Leipzig hingegen zeigte in den vergangenen Monaten wenig Interesse an der Verbindung zwischen Kultur, Politik und Sport. Eine vom Theater mitorganisierte Podiumsdiskussion mit dem Titel „Politik hat im Stadion nichts zu suchen?!” sagte RB Leipzig mit der Begründung ab, man wolle sich auch weiterhin ganz bewusst nicht in politische Debatten einmischen. Eine Nicht-Haltung. Die Podiumsdiskussion fand am Donnerstagabend nach Ralf Rangnicks viel diskutierten Aussagen statt. RB Leipzig hätte dort eine gute Bühne gehabt, um seine Haltung zu erklären – wenn der Klub denn gewollt hätte.