RB Leipzig

„Anja Mittag Fußballgott”: Der packende Abschied der Legende bei RB Leipzig

Von Ullrich Kroemer 31.08.2020, 16:34
Das letzte Selfie als Aktive: Anja Mittag und die Frauen von RB Leipzig.
Das letzte Selfie als Aktive: Anja Mittag und die Frauen von RB Leipzig. Rabale & Liebe/Martin Stein

Anja Mittag brauchte ein paar Minuten nur für sich. Während ihre jungen Kolleginnen vor dem Block der gut 200 Fans von RB Leipzig auf und ab hüpften, ging die Stürmerin einmal über das gesamte Spielfeld zu den Ersatzbänken, um den Moment für sich zu verarbeiten. Kurz zuvor hatte Mittag das wohl letzte Tor ihrer langen Karriere erzielt. Beim 6:0 (2:0)-Kantersieg von Zweitligaaufsteiger RB gegen den Stadtrivalen FC Phoenix im Sachsenpokal-Finale hatte die Ex-Nationalspielerinnen – eine der Ikonen des Frauenfußballs hierzulande – ihre aktive Karriere beendet. In der 73. Minute war die 35-Jährige eingewechselt worden und nutzte ihre letzte Chance zum Abschiedstreffer. Robust schüttelte sie ihre Gegenspielerin ab und überwand die Torhüterin mit einer Bogenlampe aus 25 Metern. „Besser kann man sich nicht verabschieden”, sagte sie glücklich.

Anja Mittag, die ihre Karriere in Chemnitz und Aue begann und dann mit 17 Jahren in die Hochburg nach Potsdam wechselte, hat viele große Endspiele absolviert. Sie ist Weltmeisterin, Olympiasiegerin und hat drei Europameisterschaften gewonnen. 2013 schoss sie im EM-Finale gegen Norwegen das entscheidende Tor – eines der wichtigsten von 50 im DFB-Trikot; 2010 reckte sie mit Potsdam den Champions-League-Pokal in die Höhe. Und doch gab es kaum ein Endspiel, das sie so berührte wie das Landespokal-Finale auf dem Vorort-Sportplatz der SG Taucha vor insgesamt 520 zugelassenen Zuschauern. „Ich war den ganzen Tag sehr nervös und nicht ansprechbar. Das hat mich emotional alles sehr gepackt, das hatte ich gar nicht so erwartet”, berichtete sie nach dem Spiel noch immer angefasst. „Wenn ich mir überlege, wie viele Finals ich gespielt habe – aber das hier ergreift mich emotional doch noch einmal anders.”

Mittag war nach dem aufregenden letzten Akt ihrer Laufbahn erleichtert. „Es fühlt sich absolut richtig an. Ich bin sehr froh, dass ich die Chance hatte, meine Karriere so abzuschließen”, sagte sie. Wegen der Corona-Maßnahmen war lange nicht klar, ob das Finale überhaupt würde stattfinden können und ob Fans dabei sein dürfen. Die RB-Anhänger, die zum ersten Mal seit fast einem halben Jahr wieder ein Spiel besuchen durften, feierten Mittag mit Sprechchören.

„Anja Mittag Fußballgott”

Als sie sich gesammelt hatte, trabte sie zurück zu ihrer Mannschaft und bekam den Pokal in die Hände gedrückt. „Anja Mittag Fußballgott” skandierten ihre Mitspielerinnen. Mittag fing den Moment mit einem Selfie ein: Strahlend stellte sich die Frau mit der Nummer 31 vor ihr Team, darunter Kolleginnen mit Kindergesichtern, die nicht einmal halb so alt sind wie sie und ihre Karrieren erst vor sich haben.

Anja Mittag will jetzt mithelfen, die junge, ambitionierte Leipziger Mannschaft, die sie in der vergangenen Saison die 2. Liga geschossen hat, dort zu etablieren; mittelfristig will RB auch mit den Frauen in die Bundesliga aufsteigen und zu einem neuen Frauenfußball-Leuchtturm etablieren. Mittag wechselt als Individualcoach ins Trainerteam, um speziell die Offensivspielerinnen zu schulen. Dazu unterstützt sie das Team um Cheftrainerin Katja Greulich bei der Videoanalyse. „Das ist für mich ein toller Weg, mich selbst zu entwickeln und mitzuhelfen, die Mädels zu entwickeln”, sagte sie. „Man wechselt die Seite, man muss seinen eigenen Weg finden und lernen zu coachen.” Ob sie den Trainerinnenberuf einschlagen will? „Ich weiß noch nicht genau, wo ich stehe, das wird man sehen.”

Zeit zum Nachdenken bleibt ihr nicht. Nach dem Umtrunk mit Freunden, die ihr einen Überraschungsbesuch abstatteten, „um auf die Karriere anzustoßen”, packte Mittag am Montag ihre Sachen, um mit dem Team ins Trainingslager nach Osterburg zu fahren. Die zweite Woche der Vorbereitung steht an.

Trainerin Greulich: „Lernen, nicht mehr nur auf Anja Mittag zu verlassen”

„Wir wollen neue Spielerinnen heranwachsen lassen”, sagte Trainerin Greulich. „Anja wird nicht mehr direkt eingreifen und solche Tore machen können, aber sie wird ihre Erfahrung weitergeben.” Die auf sechs Positionen verstärkte Mannschaft muss sich nun auch von einer Legende wie Mittag emanzipieren. „Das ist auch wichtig, dass wir uns nicht mehr nur auf Anja Mittag verlassen können, sondern lernen, dass wir die Dinge selbst in die Hand nehmen”, betonte Greulich.

Doch ob es tatsächlich das allerletzte Spiel der Torjägerin war, ist noch fraglich. „Der Entschluss steht fest. Es ist nicht mein Ziel, den Rücktritt vom Rücktritt bekanntzugeben, sondern dass es ein endgültiger Schritt ist”, sagte sie, ließ sich aber ein Hintertürchen offen. „Wenn wir jemanden brauchen, könnte ich mir vorstellen, für ein paar Minuten zu helfen. Aber ich hoffe nicht, dass es soweit kommt.” (RBlive/ukr)