RB Leipzig

RB Leipzigs Co-Trainer Marco Kurth im Interview: „Ich hätte eigentlich zu Dynamo Dresden gehen sollen”

Von Ullrich Kroemer 18.07.2020, 08:01
„Erklärungen waren nicht so das große Thema während meiner aktiven Zeit”: Marco Kurth.
„Erklärungen waren nicht so das große Thema während meiner aktiven Zeit”: Marco Kurth. imago/Ed Gar

Starker Einstand: Die U19 von RB Leipzig hat unter dem neuen Trainer Marco Kurth gleich mit einem 4:0 gegen Dynamo Dresden den Landespokal gewonnen. Im Interview mit Mitteldeutscher Zeitung/RBlive spricht der 41-Jährige darüber, wie er selbst den Sprung vom Talent zum Profi geschafft hat, wie ihn seine Ex-Trainer und -Klubs geprägt haben und mit welchen Ambitionen er die neue Aufgabe angeht.

Marco, Sie sind im Wendejahr 1990 aus Eisleben auf die Sportschule nach Halle gewechselt. Wie lief das ab?
Marco Kurth: Ich hätte eigentlich von Dynamo zu Dynamo gehen sollen, von Eisleben nach Dresden. Dort hatte ich mir schon alles angeschaut, wo ich hätte trainieren und wohnen sollen. Aber dann kam die Wende, die Verabredung stand nicht mehr, und so bin ich zum HFC gekommen. Eisleben war gut, aber mir war klar, dass ich auf ein Internat muss. Ich wollte einfach kicken – und dann ging es eben nach Halle.

Wie haben Sie die Ausbildungsjahre in Halle in Erinnerung?
Ich war bis zur U17 beim HFC, hatte damals aber schon Einsätze in der ersten Mannschaft. Ich hatte das Glück, dass Michael Rehschuh, der schon im Nachwuchs mein Trainer war, Coach in der ersten Mannschaft wurde. Der hat mich da einfach mal reingeworfen. Der HFC spielte ja damals nur noch Verbandsliga. Da habe ich zum ersten Mal bei den Männern gespielt. Ich merkte aber, dass ich nicht so richtig vorankam. Nach 21 Junioren-Länderspielen (Anm. Red. U15- bis U17) wurde ich nicht mehr zur Nationalmannschaft eingeladen, das wurmte mich. Und dann bin ich zum VfB Leipzig gewechselt.

Wie unterschied sich Ihre Ausbildung von der heutigen?
In Zentren wie Halle kamen damals die regional besten Talente zusammen, die dann auf einem höheren Niveau trainiert und gespielt haben. So ähnlich ist es hier jetzt eigentlich auch. Natürlich haben sich die Voraussetzungen für die Jungs verändert. Die verdienen in der Regel auch ein bisschen mehr Geld als wir damals. Aber es geht immer noch darum, Talente zusammenzuführen und herauszufinden, wer für die Profis spannend werden könnte.

Wann zeichnete sich das bei Ihnen ab?
Das war lange gar nicht so absehbar. Ich war in der U15 ganz gut, dann gab es ein Loch, als ich es nicht mehr in die Auswahl geschafft hatte. Ich dachte, ich sei nicht mehr gut genug. Dann hatte ich beim VfB unter Siggi Held meine ersten Einsätze in der 2. Liga und danach noch einmal ein richtiges Tief. Da habe ich unter Achim Steffens in der zweiten Mannschaft gespielt: mit Marco Rose, Thorsten Görke, Maik Kunze, Frank Räbsch und vielen anderen guten Jungs. So richtig Profi wurde ich erst mit meinem Wechsel nach Aue. Da war ich 22.

Sie haben fast acht Jahre unter Gerd Schädlich trainiert, unter Siggi Held und Bojan Prasnikar in Cottbus. Von welchem Trainer haben Sie was mitgemnommen?
Ich konnte von allen etwas lernen. Manchmal auch Punkte, die ich schon damals anders gemacht hätte. Gerd Schädlich ist ein Typ, der sich alles hart erarbeitet hat, der hatte gar keine Zeit für Muße. Der ging zum Lachen in den Keller, übertrieben gesagt. (lacht) Es schien, als hätte er selbst nie entspannt, und hat so die Spannung in der Mannschaft immer hochgehalten. Er hat sich Spieler ausgesucht, bei denen er das Gefühl hatte, dass sie genauso ernsthaft arbeiten wie er. Spieler, die anders getickt haben, hatten es nicht so einfach. Da spielte Persönlichkeit eine ungeheuer große Rolle.

Marco Kurth: „Ich wäre als Trainer von mir selbst ganz gut ausgekommen mit dem Spieler Kurth”

Sie trugen im Nachwuchs eine Brille, hatten längere Haare als üblich. Welcher Typ waren Sie?
Ich war ein ganz normaler Junge, der wusste, was er wollte, der Bock auf Fußball hatte und ziemlich ehrgeizig war. Ich wäre als Trainer von mir selbst ganz gut ausgekommen mit dem Spieler Kurth. Ich war nicht immer einfach, aber das habe ich in meine eigene Arbeit als Trainer mitgenommen. Weil ich genau weiß, dass die, die auch mal hinterfragen, ziemlich wichtig für deine Mannschaft sind.

Wie hat Siggi Held damals junge Spieler behandelt?
Er hat keinen Unterschied gemacht. Er hat mit den Alten wenig gesprochen – und mit den Jungen schon gar nicht. (schmunzelt) Er war immer schweigsam, aber man konnte sich auf ihn verlassen. Wenn du gespielt und gute Leistung gebracht hast, hast du auch beim nächsten Mal gespielt.

Der Trainerberuf hat sich kommunikativ stark gewandelt. Wie interagieren Sie heute mit Ihrem Team?
Den Lobanowski-Style kriegst du heute nicht mehr vermittelt. Wir leben in anderen Zeiten. Jeder hat das Smartphone jeden Tag zig Stunden dabei, darauf musst du achtgeben. Mir ist total wichtig, dass die Jungs Zeit zusammen verbringen, ohne ständig auf ihre Telefone zu schauen. Wenn man zum Beispiel gemeinsam isst, dann hat das Handy da nichts verloren. Es gibt Regeln und ein paar Werte, die wir nicht vergessen sollten.

Sie selbst haben im reiferen Fußballeralter mit 30 Jahren in Cottbus noch ein paar Erstligaspiele absolviert. Rechneten sie damals noch damit?
Nein, das war schon außergewöhnlich. Da kamen ein paar glückliche Umstände mit dem Wechsel zustande, und ich war körperlich noch einmal wirklich am Limit. Eine großartige Erfahrung, weil ich mit Jungs wie Ervin Skela zusammengekickt habe, die echt Talent hatten. Die haben Pässe gespielt, die ich damals nicht mehr hinbekommen habe (lacht).

Welchen Einfluss hatte Cottbus‘ Trainer Bojan Prasnikar auf Sie?
Er hatte wenig Worte, sein Deutsch war sehr begrenzt. Aber er hatte klare Ideen, man musste extrem fit sein. Ich glaube, dass wir mehr gelaufen sind, als die Jungs zuvor unter Ede Geyer. Das war hart.

Sind haben eine tolle Zweitligakarriere hingelegt. Wäre rückblickend betrachtet noch mehr drin gewesen?
Nein, ich habe schon viel rausgeholt. Ich hätte gern mal den anderen Teil Deutschlands gesehen – nicht im Urlaub, sondern als Spieler. Aber ich habe es nie gemacht.

Hatten Sie Angebote?
Später als Profi weniger. In der Jugend hatte ich eine ganze Menge, die ich alle nicht wahrgenommen habe. Das war zu dem Zeitpunkt auch gut so. Direkt nach der Wende sind so viele Spieler aus meinem Umfeld gewechselt, da hat es kaum einer geschafft und viele haben den Schritt bereut. Christian Kirchhoff war ein Junge aus Halle, der gewechselt ist und von dem man leider nie wieder etwas hörte. Schade! Jedes Talent, das einigermaßen geradeauslaufen konnte, ist damals nach Uerdingen, Leverkusen, Bremen gegangen. Da gabs die Sportschule Wedau, von dort aus wurden die Nachwuchsspieler gleich mitgenommen.

„Ich habe mich immer geärgert, wie junge Spiele zu meiner aktiven Zeit behandelt wurden”

Wie entwickelte sich bei Ihnen die Idee, selbst Trainer zu werden?
Ich wollte immer nach meiner Karriere weiter im Fußball arbeiten, hatte bereits die B-Lizenz und bekam nach meiner Suspendierung und dem Karriereende in Magdeburg das Angebot, die B-Jugend zu übernehmen. Und dann gings los.

Mit welcher Idee?
Ich habe mich immer geärgert, wie junge Spieler zu meiner aktiven Zeit behandelt worden sind. Klar, müssen die ein paar Dinge mehr machen als 35-Jährige. Aber warum mit ihnen permanent anders umgegangen wurde, obwohl sie gut genug waren, habe ich nie verstanden. Das ist mir erst in Cottbus klargeworden.

Was hat sie geärgert?
Ein junger Spieler brauchte extrem lange, um in die erste Mannschaft zu kommen. Das dauerte zwei Jahre. Es sei denn, du warst außergewöhnlich. Das ist heute anders geworden. Ich habe mich dann in Cottbus um die Jungen gekümmert. Die brauchten nicht nur einen, der sie anschreit, sondern auch einen, der ihnen erklärt hat, was falsch war. Erklärungen waren nicht so das große Thema während meiner aktiven Zeit. Daraus ist sicher auch die Idee entstanden, selbst Trainer zu werden.

„Es hat mich genervt, immer gegen RB-Mannschaften zu spielen”

Sie waren als Spieler nur bei ostdeutschen Traditionsklubs, sind aber als Trainer 2017 recht schnell zu RB gewechselt. Warum?
Es hat mich genervt, immer gegen RB-Mannschaften zu spielen. (lacht) Die Fußballidee hier und das athletische Niveau der Spieler haben mich gereizt. Natürlich ist auch die Qualität der Spieler höher. Und ich wollte was lernen.

Wie tickt Nachwuchsfußball bei RB Leipzig?
Der nimmt eine besondere Rolle in Deutschland ein. Unsere Arbeit wird von verschiedensten Seiten teilweise kritisch gesehen. Ich sehe, dass hier versucht wird, vielen Talenten eine Heimat zu geben und sie zu guten Menschen und Fußballern zu machen. Deswegen bin ich auch gern hier.

Mit welchen Ambitionen gehen Sie Ihre neue Aufgabe als U19-Trainer an?
Ich habe mich immer daran erfreut, Spieler zu entwickeln, gemeinsam Ziele zu setzen und zu erreichen. Mein zweites Thema ist, das auch in Titel umzumünzen und erfolgreich zu sein. Das will ich in der U19 fortführen. Ich freue mich darauf, die Jungs aus dem 2002er-Jahrgang, die ich jetzt ein Jahr lang nicht trainiert habe, mit dem 2003er-Jahrgang zusammenzubringen. Ich sehe da viele verschiedenartige Talente, von Motivationsmonstern bis hin zu Individualisten – viele gute und interessante Jungs.

Rücken Sie die individuelle fußballerische Entwicklung stärker in den Vordergrund?
Wir bleiben nicht stehen. Innovation ist eines der wichtigsten Themen, die wir hier haben. Deswegen hinterfragen wir uns auch selbst, was wir besser machen können. Wir haben schon vor, es hier im Nachwuchsleistungszentrum noch ein bisschen besser zu machen.

Das heißt?
Zum Beispiel, dass wir unsere Jungs in die bestmöglichen Ligen in Deutschland und Europa bekommen. Wir haben Bock, unsere Jungs so zu entwickeln, dass wir sie später als Profis sehen. Im eigenen Stadion wäre natürlich am Besten, aber diese Trauben hängen ziemlich hoch.

Trauen Sie einigen Spielern aus den aktuellen Jahrgängen diese Schritte in gute Ligen zu?
Ganz sicher. Ich will mir gar nicht anmaßen, Spieler herauszuheben. Noah Ohio zum Beispiel hat vor einem Jahr noch gar nicht gespielt, weil er noch nicht so weit war. Da geht es noch so schnell, da kommen auch hormonelle Entwicklungen dazu. Es wird spannend.

Welche Ziele haben Sie?
Wir haben einen guten Konkurrenzkampf im Team, wollen den kompletten Kader in den Wettkampf kriegen und in allen Wettbewerben richtig gut sein.

„Ich werde nicht unruhig, wenn ich morgen noch keine Männermannschaft trainiere”

Welche eigenen Karriereziele verfolgen Sie als Trainer?
Ich mache meine Arbeit hier sehr gern. Ich habe das Gefühl, dass ich hier noch was lernen und mich total verwirklichen kann. Ich lasse die Sachen auf mich zukommen, werde nicht unruhig, wenn ich morgen noch keine Männermannschaft trainiere.

Es ist auffällig, dass Ihr Name immer genannt wird, wenn in Mitteldeutschland ein Trainer gesucht wird. In Magdeburg, Aue oder beim HFC.
Ich nehme mir heraus, die Dinge für mich selbst zu entscheiden und stelle mir die Frage, ob es aktuell Sinn ergibt, in einen Verein zu gehen, wo es sehr unruhig ist. Ich entwickle gerne Mannschaften – dazu brauche ich Zeit.

(RBlive/ukr)