RB Leipzig

„Ein Spieltag mitten im Block”: RB-Capo lädt Rangnick und Mintzlaff ein

21.06.2018, 18:55
„Ein befreiendes und reinigendes Gefühl”: RB-Vorsänger Sebastian (rechts) in Aktion
„Ein befreiendes und reinigendes Gefühl”: RB-Vorsänger Sebastian (rechts) in Aktion imago/Contrast

Er gibt den Ton im Fanblock von RB Leipzig an: Sebastian ist der dienstälteste Capo bei Rasenballsport. Mit RBLive und der Mitteldeutschen Zeitung spricht er über die erste Europapokalsaison der Leipziger, Probleme und Chancen der Fanszene sowie den Unmut vieler Fans über die Umstände der Trennung von Ex-Trainer Ralph Hasenhüttl. Zudem fordert er bei den RB-Bossen mehr Verständnis für die Anhänger ein und spricht eine ungewöhnliche Einladung aus.

Interview von Ullrich Kroemer

Highlights des Capo: RB-Fans schwärmen heute noch von Besiktas

Sebastian, was macht die Stimme nach so einer langen Saison?
Sebastian: Mit der gibt es kein Problem, die ist immer da. Ich hätte sogar noch Kapazitäten, suche gerade nach einer Metal- oder Folk-Rock-Band, die noch einen stimmgewaltigen Sänger braucht. Vielleicht auch für ein paar neue RB-Songs (lacht).

Wie fällt Dein Fazit der ersten internationalen Saison für RB aus?
Unterschiedlich. Wir hatten Auftritte wie in Monaco oder Porto, wo viele RB-Fans dabei waren und wir uns top präsentiert haben. Nach Istanbul sind wegen der politischen Lage nicht viele mitgefahren; das gleiche wegen der Visa nach St. Petersburg. Aber die, die etwa in der Türkei dabei waren, schwärmen noch heute von der Stimmung bei Besiktas – auch rund um das Spiel.


„Wünsche mir von den RB-Gegnern wieder mehr ironische Kreativität”

Und die Heimspiele?
Schade war, dass die Europa-League-Spiele nicht so gefragt waren, obwohl wir gegen geile Mannschaften gespielt haben. Da ist unsere Fanszene noch nicht so hinterher, dass sich der Großteil auch mit den Gastvereinen beschäftigt und auseinandersetzt – auch aus Fansicht. Neapel zum Beispiel hat eine geile Fanszene.

Auch in einigen Bundesligaspielen blieben Tausende Plätze leer. Wo steht RB aktuell in der Fanentwicklung?
Durch die Anzahl der Spiele waren viele Leute satt von Fußball und haben eben mal ein paar Spiele weggelassen. Das ging den Fans nicht viel anders als den Spielern auf dem Rasen.

RB-Capo Sebastian: RB Leipzig wird „immer noch von vielen Fanszenen verachtet”

Und was Kritik und Anfeindungen in der Liga angeht?
Wir werden immer noch von vielen Szenen verachtet. Aber grundsätzlich ist die Akzeptanz größer geworden, wir sind halt da. Ich finde es auch gar nicht schlimm, wenn andere Fans Kritik üben, wenn sie denn sachlich richtig ist. Im Gegenteil: Die sollen kritisch sein. Ich würde mir von den RB-Gegnern nur wünschen, wieder etwas mehr ironische Kreativität einzubringen. Viel mehr als ein paar Spruchbänder kamen da in dieser Saison nicht. Das wirkt in der 1. Liga mittlerweile ideenlos. Das fand ich in der 2. und 3. Liga spannender.


„Alles kam auf den Tisch, jeder hat sich ausgekotzt.”

Der Titel unseres letzten Interviews vor einem Jahr lautete „Zu viele Befindlichkeiten zwischen den Fangruppen”. Hat sich das in dieser Saison bewahrheitet?
Ja. Bis zum Heimspiel gegen Leverkusen hatte sich so viel aufgestaut und ist dann explodiert. Da gab es richtig Stress im Block. Aber ich bin der Meinung, dass es für unsere Fankultur langfristig gesehen gut war, dass das passiert ist. Denn früher oder später musste es so kommen. So kam mal alles auf den Tisch, jeder hat sich ausgekotzt.

Welche Probleme schwelten denn so lange, bis es zum Knall kam?
Das Grundproblem ist, dass diverse Fanclubs und -strömungen nicht mehr miteinander geredet haben, sondern nur noch übereinander. Da gab es bei gewissen Aktionen mal Streit, und danach waren alle bockig und angepisst anstatt miteinander zu sprechen. Da hat sich wegen mangelnder Kommunikation und Reflexion ein ganzer Haufen von Befindlichkeiten aufgestaut. Das hat sich hochgeschaukelt.

Hat das auch politische Ursachen?
Auch, aber es geht eher um Befindlichkeiten, wer welchen Platz hat, wie groß das Banner ist und so weiter.

Was passierte dann?
Der Dialog hat direkt nach dem Leverkusen-Spiel begonnen. Dabei gab es jede Menge Gespräche zwischen verschiedenen Fangruppierungen wie den Rasenballisten und dem Fanverband. Auch das Fanprojekt und die Fanbetreuung des Vereins waren involviert. Da gab es einen guten Konsens. Das hat sich dann erstmals in der Choreografie beim Abschiedsspiel von Dominik Kaiser gezeigt. Daran haben alle mitgewirkt: bei Beratung, Finanzierung, Manpower.

Die gemeinsame Arbeit an der Choreo für das Abschiedsspiel von Dominik Kaiser einte die Fanszene.
Die gemeinsame Arbeit an der Choreo für das Abschiedsspiel von Dominik Kaiser einte die Fanszene.
imago/opokupix

Ein Versöhnungsakt?
Das ist vielleicht zu hoch gegriffen. Aber ich glaube die Choreo hat dem ein oder andern die Augen geöffnet und zum Umdenken bewegt. Wir werden dann beim nächsten Projekt, das Gemeinschaftsarbeit erfordert, sehen, wie nachhaltig das war. Es ist wie in einer Beziehung: Man darf nicht aufhören, miteinander zu reden und am Dialog zu arbeiten. Mein Eindruck ist, dass das viele verstanden haben.


„Es gibt ein gemeinsames Ziel: die bedingungslose Unterstützung der Mannschaft.”

Die RB-Fanszene ist aufgrund des schnellen Wachstums äußerst heterogen. Auch ein Problem im Vergleich mit anderen, strukturierteren Fanszenen?
Als Problem sehe ich das nicht, aber es ist mehr Arbeit. In vielen anderen Fanszenen gibt es eine starke Ultragruppierung, die die Marschrichtung vorgibt. Das gibt es bei uns nicht. Doch es gibt ein gemeinsames Ziel, was aber viele zu vergessen scheinen: die bedingungslose Unterstützung der Mannschaft in diesen zwei Mal 45 Minuten. Dass das auch der letzte Mensch in diesem Stadion versteht, ist mein Lebensziel. Da das nicht vorkommen wird, würde mir der Sektor B schon genügen.

Auch über die Rolle und Performance der Capos gab es Streit. Diskutiert ihr darüber?
Tommes (gemeinsam mit Sebastian Capo, Anm. d. Red.) und ich haben uns schon vor dem Leverkusen-Spiel beim Fanverband Fragen anderer Fans gestellt und uns selbst reflektiert. Vielen fällt es ja via Internet leicht zu kritisieren. Ich möchte, dass die Leute direkt auf uns zukommen.

Was wurde kritisiert?
Zum Beispiel, dass zu wenig alte Lieder angestimmt wurden. Das haben wir bereits geändert und einige uralte Songs reanimiert.

Unmittelbar nach dem Abgang von Ralph Hasenhüttl hieß es, dass es beim ersten Heimspiel der neuen Saison Protestaktionen geben werde. Was ist geplant?
Es hat jeder das Recht darauf, seine Meinung kundzutun und sich zu äußern. Davon will ich niemanden abhalten (lächelt). Generell gilt natürlich, dass wir Aktionen der Fanszene vorher nicht der Presse verraten.

Nach dem Aus von Ralph Hasenhüttl: „Wer bleibt denn noch an Sympathieträgern im Team?”

Was habt ihr Fans an Ralph Hasenhüttl geschätzt?
Er ist menschlich, nahbar, war greifbar für uns. Er hat beim Training mal mit den Fans einen Plausch gehalten, er ist einfach ein sympathischer Typ. Apropos sympathisch: Jetzt, da auch Dominik Kaiser gehen musste, wer bleibt denn da noch an Sympathieträgern im Team? Yussuf Poulsen und Fabio Coltorti sind für mich die letzten, echten Identifikationsfiguren.

Was ist zum Beispiel mit Timo Werner?
Der ist Publikumsliebling, aber das unterscheide ich. Es fehlt ein Anführer.

Wie hat die Fanszene generell auf das Aus des Trainers reagiert?
Grundsätzlich ist das in weiten Teilen der Fanszene auf Unverständnis und Unmut gestoßen, warum RB nicht über 2019 hinaus mit Ralph Hasenhüttl weitermachen wollte. Wenn man nicht hätte sofort verlängern wollen, hätte man doch gemeinsame Ziele vereinbaren können. Wären die erreicht worden, hätte man den Vertrag verlängert. Aber darüberhinaus stört auch, wie das vermittelt wurde. Der Tenor in der Fanszene ist aktuell: Die Kommunikation des Vereins ist unterirdisch.


„In ganz Fußball-Deutschland mühsam aufgebaute Sympathien verspielt.”

Warum?
Die wenigen Aussagen zur Trennung von Hasenhüttl werfen nur noch mehr Fragen auf. Aber fannah kommunizieren konnte der Verein noch nie. So, wie es letztlich außen ankam, hat sich der Verein nicht nur in unserer Fanszene, sondern in ganz Fußball-Deutschland mühsam aufgebaute Sympathien verspielt.

Was hat das für Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Fanszene und Klubführung?
Vieles kommt darauf an, wie der Klub jetzt mit den Fans umgeht. Ich kritisiere ja schon seit langem, dass Verein und Fans auseinanderdriften. Ich würde nach wie vor einfach gern mal mit Ralf Rangnick sprechen, um ihm bestimmte Dinge aus Fansicht zu erläutern. Er hätte aus fachlicher Sicht acht Doktortitel verdient. Aber das Verständnis dafür, was es heißt, Fan zu sein, fehlt ihm genauso wie Oliver Mintzlaff. Aber ich hätte da einen Vorschlag für beide.

Nämlich?
Ich fände es toll, wenn die gesamte Klubführung mal einen Spieltag lang erlebt, was es heißt, Fan zu sein und ein Heimspiel aus dem Block heraus verfolgt. Ich weiß, sie waren in Dortmund schonmal im Fanblock oder haben vereinzelt oben in Sektor B gestanden. Aber das ist nicht das Blockerlebnis, das ich meine. Ich meine, einen Spieltag wirklich mitzuerleben: sich einer Gruppierung anzuschließen und mitten im Block mitzufeiern und zu -leiden. Aber ich weiß nicht, ob sie die Eier dazu haben.

Zur Person: Sebastian (37) war bereits beim ersten Pflichtspiel von RB Leipzig 2009 in Markranstädt dabei und ist eine Konstante in der wachsenden RB-Fanszene. Auch auswärts ist er seit den Anfangstagen regelmäßig am Start, wenn es sein Job zulässt – einer der Fan-Pioniere von Rasenballsport.