RB Leipzig

„Pressing war die zweite Priorität”: Wie Domenico Tedesco RB Leipzig umkrempelt

Von Ullrich Kroemer 12.12.2021, 10:17
„Die Mannschaft braucht auch die Ruhephasen, sich den Gegner mal zurechtzulegen, mal durchzuschnaufen”: Domenico Tedesco bei seinem Einstand bei RB Leipzig.
„Die Mannschaft braucht auch die Ruhephasen, sich den Gegner mal zurechtzulegen, mal durchzuschnaufen”: Domenico Tedesco bei seinem Einstand bei RB Leipzig. Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Die Euphorie nach dem 4:1 von RB Leipzig gegen Borussia Mönchengladbach und dem ersten Spiel unter dem neuen Trainer Domenico Tedesco sprudelte nur so aus Kevin Kampl und seinen Kollegen heraus. Endlich spielte die Mannschaft wieder in dem Stil, in dem sie sich wohlfühlt. Endlich bekam sie taktisch kluge Lösungen an die Hand, um wieder kontrollierter mit Plan und gleichzeitig aggressiv, mutig und mit viel Zug zum Tor zu kombinieren.

Man hat gesehen, dass wir mehr Wert auf eigenen Ballbesitz gelegt haben, dass wir ruhig geblieben sind, selbst wenn der Gegner attackiert hat, dass wir das Spiel kontrolliert haben”, sagte Kampl. Tedesco habe dem Team gesagt, dass es den Gegner mit Ballbesitz locken solle, „nicht in Panik verfallen, die Seiten überladen und wir uns da rauskombinieren sollen. Er ist ein junger dynamischer Trainer, so ist unsere Mannschaft auch. Das wird sehr gut passen”, schwärmte der Routinier.

Seitenhieb von Gulacsi auf Marsch: „Man kann nicht jeden Ball lang schlagen”

Nach dem wilden Run-and-Gun-Spiel unter Marsch setzte Tedesco seinen Schwerpunkt auf die Offensive und das Spiel mit dem Ball am Fuß. „Wir wollten den Ball haben. Ich habe herausgehört, dass die Mannschaft nach Ballbesitz lechzt”, sagte der 36-Jährige, der sehr viele Einzelgespräche vor allem mit dem Mannschaftsrat führte. „Auch die Umschaltmomente sind sehr wichtig, aber die Mannschaft braucht auch die Ruhephasen, sich den Gegner mal zurechtzulegen, mal durchzuschnaufen, das hat heute ganz ordentlich funktioniert”, urteilte der gebürtige Italiener.

Kapitän Peter Gulacsi erlaubte sich einen kleinen Seitenhieb auf Ex-Trainer Jesse Marsch: „Wenn eine Mannschaft hoch presst, kann man nicht jeden Ball lang schlagen. Wir haben gute Lösungen gefunden, dann waren die Räume offen.”

Eine dieser Lösungen war, Kevin Kampl im Aufbau als abkippenden Sechser nach links zu beordern, wo er wie ein zweiter Außenverteidiger das Spiel auf sich zog, aber mehr Anspielvarianten hatte, Gladbach so überraschte und dadurch die linke Seite überlud. So entstanden im Zentrum und über Rechts mehr Räume. „Das haben wir auch unter Ralf Rangnick schon manchmal so gespielt. Das ist die sogenannte Schweini-Position, von halblinks abkippen und von dort das Spiel ankurbeln”, sagte Kampl. „Das hat sehr gut geklappt, ich habe mich sehr wohl gefühlt.”

„Tedesco hat Energie reingebracht, war präzise und konsequent”

Mit Ball spielte RB variabel mal in einer 3-5-2- oder 3-4-3-Grundordnung, gegen den Ball in einer Art 5-2-1-2. Die Offensivspieler waren wie die Fünf auf einem Würfel angeordnet. „Der Ansatz war offensiv gewählt, wir haben defensiv nicht allzuviel gemacht. Pressing war heute zweite Priorität”, sagte Tedesco. Diesen Satz hat man in Leipzig, wo Pressing Artikel eins im klubeigenen Grundgesetz ist, auch noch nicht gehört. Doch Tedesco besprach natürlich dennoch, wie das Team anlaufen soll - legte der Mannschaft zwei verschiedene Varianten für einen Dreier- oder Viereraufbau der Gladbacher zurecht.

Tedesco habe „in den ersten drei Tagen einen extrem guten Eindruck gemacht, Energie reingebracht, was wir gebraucht haben in dieser Situation”, lobte Gulacsi. „Sehr präzise und konsequent” habe der neue Coach seine Ideen vermittelt. „Wir haben keine 180-Grad-Drehung gemacht, aber wir versuchen jetzt, unsere Stärken besser auszuspielen.”

Das Ergebnis war, dass RBL gleichzeitig mehr Ballbesitz (53 Prozent) hatte und mehr gelaufen ist (110,7 vs. 107 km), als der Gegner. Nur die Chancenverwertung bei den 19 zu elf Torschüssen bemängelte Tedesco zu Recht als „Wermutstropfen”. Unter anderem Christopher Nkunku (73.) und vor allem André Silva (52.) hätten das dritte Tor früher erzielen müssen. „Ich denke, wenn wir die Philosophie des Trainers erst einmal richtig verinnerlicht haben, werden wir noch um einiges besser. Wir haben es gegen Mönchengladbach schon recht gut gemacht, hätten aber noch viel mehr Tore machen müssen”, schloss Kampl. (RBlive/ukr)