Antonio Nusa exklusiv „Ich bin mehr im Reinen mit mir selbst”
Antonio Nusa gilt als einer der Spieler bei RB Leipzig, die ihr ungeheures Potenzial noch gar nicht richtig gehoben haben. Doch in sein drittes Leipziger Jahr geht der norwegische WM-Viertelfinalist mit neuem Mindset und großen Ambitionen, wie er RBlive-Reporter Ullrich Kroemer im Interview verraten hat.

Leipzig – Antonio Nusa präsentierte sich schon bei seiner Ankunft bei RB Leipzig vor zwei Jahren ausgesprochen klar und klug. Zwar ist er immer noch erst 21 Jahre alt, doch nach zwei Jahren Bundesliga und dem phänomenalen WM-Sommer mit Norwegen zeigt sich der Edeltechniker von RB Leipzig vor dem Bundesliga-Saisonauftakt gegen Borussia Mönchengladbach (Sa., 15.30 Uhr/RTL) gereift und erfolgshungrig wie nie zuvor. Ein Gespräch darüber, wie man an sein Maximum gelangt, ohne zu verkrampfen, den neuen Nusa, Rudern mit Erling Haaland & Co. und Nusa Erfahrungen als Kinderbuchautor.
Antonio, Sie starten an diesem Samstag in ihre dritte Bundesligasaison mit RB Leipzig. Worauf freuen Sie sich am meisten?
Antonio Nusa: Ganz einfach darauf, eine neue Saison zu beginnen, wieder Spiele zu bestreiten. Es war schön, jetzt im Pokal wieder ins Spielgeschehen einzusteigen, um das Spielgefühl zurückzugewinnen. Ich liebe Fußball.
Was sind Ihre Erwartungen an diese Saison – für Sie persönlich und die gesamte Mannschaft?
Nun, es wird Dank der Champions-League-Teilnahme eine sehr intensive Saison mit vielen Spielen. Ich weiß, dass wir auch diesmal wieder viel lernen werden, dass wir Höhen, aber sicherlich auch mal Tiefen durchleben und im Laufe der Saison vieles erleben werden. Ich persönlich habe mir vorgenommen, aus jedem Moment für mich etwas mitnehmen zu wollen, jedes Spiel zu genießen und zu versuchen, mich jeden Tag zu verbessern – und dann wird es gut laufen, daran glaube ich.
Sie betonen häufig, Fußball einfach genießen zu wollen. Liegt genau darin für Sie der Schlüssel, um die nötige Gelassenheit und Unbeschwertheit auf dem Platz zu haben?
Ja, ich denke, auf dem Platz ebenso wie im Leben glücklich zu sein, ist enorm wichtig. Ich kann hier in der Bundesliga mit RB Leipzig vor Zehntausenden Fans spielen und meine Fähigkeiten mit der Welt teilen, Menschen inspirieren. Besser geht’s doch nicht, das ist für mich ein perfektes Gefühl, und das macht mich glücklich.
„Wenn wir frei sind, spielen wir am besten”
Fällt es Ihnen immer leicht, das Spiel zu genießen, oder ist es manchmal schwer, diese Lockerheit auf dem Platz zu bewahren, wenn Sie Druck verspüren?
Wenn man mal nicht gewinnt, macht es natürlich nicht so viel Spaß. Der Druck ist ja eh immer da. Und Druck hat ja durchaus auch positiv Seiten: Wenn du unter Druck stehst, gibt mir das immer auch einen Schub. Daraus kannst du in meinen Augen Bedeutendes erreichen. Aber ich habe so viele gute Leute um mich herum, die mir helfen und mich dabei unterstützen, so ungezwungen wie möglich zu sein. Wenn ich frei bin, helfe ich der Mannschaft am meisten. Überhaupt glaube ich: Wenn wir alle frei sind, spielen wir am besten.
Wenn Sie die vergangenen zwei Jahre mit der aktuellen Situation vergleichen – wo steht die Mannschaft jetzt aus Ihrer Sicht?
Der Teamgeist ist gut, alle freuen sich auf den Saisonstart und die Qualität haben wir auch – das hier ist schließlich RB Leipzig. Ich freue mich darauf, die Mannschaft im Laufe der Saison in Aktion zu erleben. Ich bin selbst gespannt, wie es laufen wird. Ich finde: Es sieht gut aus. Wir sind jetzt bereit.
Wie bewerten Sie Ihre eigene Form? Im Pokal haben Sie mit einem Tor und einem Pfostenschuss direkt geliefert.
Meine Saisonvorbereitung war in diesem Jahr ein bisschen anders als ich es bisher kannte. Ich bin wegen der WM später dazugekommen, aber ich habe versucht, die Wochen bestmöglich zu nutzen, um meinen Körper und meinen Kopf so gut wie möglich vorzubereiten, im richtigen Maß zu arbeiten, um eine gute Balance zu finden. Dass ich im Pokal 90 Minuten gespielt habe, war sehr wertvoll. Ich packe mehr und mehr drauf und fühle mich schon jetzt sehr, sehr gut.
„Ich möchte mein volles Potenzial ausspielen”
Nach der Weltmeisterschaft haben Sie gesagt, Sie seien jetzt ein anderer Mensch. Wie hat Sie diese Erfahrung mit dem Viertelfinalerfolg verändert?
Es gibt im Leben immer wieder verschiedene Situationen, die einen verändern und wachsen lassen – auch außerhalb des Fußballs. Ich habe das Gefühl, wenn man viel erlebt, lernt man sich selbst besser kennen. Und nach diesen schönen und positiven Erlebnissen in den USA kann ich sagen: Ich bin nochmal mehr im Reinen mit mir selbst. Ich kann alles noch ein Stück mehr genießen. Wenn ich an die Weltmeisterschaft zurückdenke, habe ich das Gefühl, dass wir wirklich etwas Großes geleistet haben. Ich weiß alles mehr zu schätzen. Ein tolles Gefühl. Und ich bin erst 21, ich werde mich sicher in den nächsten Jahren weiter verändern und an den Herausforderungen, die vor mir liegen, wachsen.
Macht Sie der WM-Erfolg auch im Verein bei RB Leipzig selbstbewusster?
Auf jeden Fall. In der K.o.-Runde einer WM dabei gewesen zu sein, ist eines der größten Ereignisse überhaupt. Das erlebt und geschafft zu haben, das hilft einfach.
Gibt es neue Facetten, die wir in dieser Saison von Antonio Nusa sehen werden?
Natürlich, das hoffe ich. Wissen Sie, in den zwei Jahren, die ich jetzt in Leipzig bin, habe ich schon so viel gelernt. Ich bin als ganz junger Kerl hierhergekommen und habe jetzt in dieser Phase das Gefühl, dass ich reifer werde, meine Erfahrungen immer besser einbringe, alles zusammenfüge und hoffentlich in dieser Saison ein noch kompletteres Gesamtpaket bieten kann als zuvor. Ich möchte noch torgefährlicher werden und mein volles Potenzial ausschöpfen. Ich bin auf einem guten Weg, das spüre ich. Ich gehe mit einem guten Gefühl in diese Saison.
Wenn man mit den Fans spricht, schwärmen alle von Ihren technischen Fähigkeiten, aber unisono heißt es auch: Angesichts seiner Qualität muss er mehr Tore und Vorlagen beisteuern. Wie gehen Sie mit diesen Erwartungen um?
Ich weiß, was ich kann – niemand erwartet mehr von mir als ich selbst. Ich erlebe mich ja jeden Tag im Training und weiß, was ich zu leisten im Stande bin. Und jetzt möchte ich den Fans und dem Klub noch mehr geben. Diese Herausforderung tut gut.
„Ich möchte keinen einzelnen signature move haben”
Bei Ihrem signature move ziehen Sie nach innen und schlenzen den Ball dann entweder an den langen Pfosten oder schließen kurz ab – wie im Pokal. Trainieren Sie diese Bewegung speziell?
Oh, ich trainiere das viel. Aber ich möchte nicht einen einzelnen signature move haben, denn dann weiß der Torwart, was ich tun werde. Ich habe mir das Gefühl und die Fähigkeiten erarbeitet, dass ich auf die lange ebenso wie auf die kurze Ecke schießen kann, mit rechts ebenso wie mit dem linken Fuß. Das spüre ich im Training. Vielleicht erwarten meine Teamkollegen, dass ich auf die lange Ecke schieße, aber genau dann schließe ich kurz ab. Wenn die Chance zum Abschluss kommt, versuche ich, unberechenbar zu sein.
Lass Sie uns noch ein bisschen über die Weltmeisterschaft sprechen. Sie haben von dem unglaublichen Gefühl geschwärmt, als sie nach Norwegen zurückkehrten. Sie sagten, dass die norwegische Nationalmannschaft es geschafft habe, ein ganzes Land zu einen.
Wenn man einen so außergewöhnlichen Sommer erlebt wie wir in Norwegen und etwas schafft, was niemand für möglich gehalten hätte, dann spürt man diese Einheit. Die Freude der Menschen auf den Straßen zu sehen, bleibt in meinem Herzen – von Fünf- bis zu Achtzigjährigen, alle waren auf ihre Weise glücklich. Es ist wirklich toll, dass wir diesen Erfolg auch für sie erreicht haben. Es war ein perfekter Sommer für die Menschen.
Woran erinnern Sie sich am meisten? Vielleicht die Szenen, als Sie mit dem Team und den Fans gemeinsam nach den Siegen den Ruder-Jubel zelebriert haben?
Wow, das haben wir gegen Brasilien, die Elfenbeinküste und den Senegal gemacht. Das war der Wahnsinn, so cool. Und wir haben es natürlich auch gemacht, als wir nach Norwegen zurückgekommen sind, mit allen mitten in der Stadt. Das sind unvergessliche Erinnerungen.
„Die RB-Fans können den Ruder-Jubel gern übernehmen”
Werden wir den Ruder-Jubel auch bei RB Leipzig sehen oder ist der für Norwegen reserviert?
Ich weiß es nicht. Ich glaube nicht, dass ich das machen werde. Ørjan (Torhüter Nyland, Anm.d.Red.) und ich sind diesen Sommer viel gerudert. Aber die RB-Fans können das natürlich gern übernehmen, wenn ich ein Tor schieße (lacht).
Sie haben in Norwegen ein Kinderbuch veröffentlicht. Mit welchem Ziel und was bedeutet Ihnen das?
Ich habe immer versucht, meinen Weg zu reflektieren. Und es gibt bestimmt viele Kinder, die in gewisser Weise zu mir aufschauen und Inspiration suchen, die lernen wollen. Ein Buch zu schreiben, bedeutet vor allem, den Fans etwas zurückzugeben, die lernen wollen. Für mich war es eine perfekte Gelegenheit. Ich wusste nicht, wie es ankommen würde, mit 21 Jahren ein Buch zu schreiben. Ich hätte mir nie vorstellen können. Aber es ist sehr erfolgreich, die Leute sind wirklich glücklich damit – und ich auch. Das macht mich stolz.
Vielleicht schreiben Sie ins 20 Jahren noch eins, wenn Ihre Karriere vorüber ist.
Viele Spieler schreiben eine Autobiografie nach dem Ende ihrer Karriere. Aber das habe ich nicht getan. Das Buch ist keine Geschichte über mich selbst. Es ist eher eine Art Ratgeber für jüngere Kinder. Es geht eher darum, was ich dafür getan habe, um dorthin zu gelangen, wo ich jetzt hier bei RB Leipzig bin.
Vorfreude auf Zusammenspiel mit Nkunku
Wie genau?
Ich zeige ihnen Übungen, die ich gemacht habe. Ich berichte, wie ich trainiert habe, wie mein Tagesablauf aussah – Geschichten aus meiner Jugend, um an diesen Punkt zu gelangen. Ich erzähle nicht wirklich viel über mich selbst, sondern lasse sie die Erfahrungen mit mir miterleben. Auf diese Weise können sie die Geschichte vielleicht noch intensiver nachempfinden und sich besser damit identifizieren. Ich habe viele Rückmeldungen bekommen, dass sich die Leute in dem Buch wiedererkennen, und das freut mich.
Wenn Sie eine Botschaft aus dem Buch herausgreifen: Was ist das Wichtigste, um ein Nationalspieler und Profi bei RB Leipzig zu werden?
Man muss einen klaren Traum haben und von diesem Traum im absolut positiven Sinne besessen sein, aber man muss auch einfach den Weg dorthin genießen – jede einzelne Minute.
Zurück zu RB Leipzig: Christopher Nkunku ist jetzt Teil der Mannschaft. Er kommt wie Sie über die linke Seite, ist ein technisch unfassbar guter Spieler. Sie könnten perfekt zusammenpassen?
Bevor ich nach Leipzig kam, habe ich mir auf YouTube Videos von Nkunku bei RB angesehen. Ich dachte mir: Wow, der ist wirklich gut! Und jetzt ist er hier. Ich halte ihn für einen tollen Spieler, deshalb freue ich mich darauf, mich mit ihm einzuspielen. Ich denke, das wird großartig.
Nur fürs Protokoll: Wissen Sie inzwischen zu 100 Prozent, dass Sie auch die nächste Saison in Leipzig spielen und nicht noch verkauft werden?
Ich bin hier und bereit für das Spiel am Samstag.