Zingerle im Kabinen-Interview „Ich kann auch Champions-League-Spielern mal einen Spruch mitgeben”
Er spielt nie, muss aber dennoch immer hoch motiviert sein: RB Leipzigs Ersatzkeeper Leopold Zingerle verrät im exklusiven Interview, wie das funktioniert. Ein Gespräch über die Rolle und Aufgaben eines dritten Keepers und das Duell zwischen Peter Gulacsi und Maarten Vandevoordt.

Leipzig – Das Interview mit Leopold Zingerle findet in der Gästekabine am Cottaweg statt. Der 30 Jahre alte Keeper von RB Leipzig kommt gerade vom Vormittagstraining. In der Umkleide lässt es sich ausgeruht über die medial wenig beleuchtete Rolle des dritten Torhüters fachsimpeln, ebenso wie über das Duell zwischen Péter Gulácsi und Maarten Vandevoordt, Zingerles Start als „No Name” in der Kabine und seine Zukunftspläne.
Leopold Zingerle, die meisten Kollegen sind in der Länderspielpause ausgeflogen. Wie nehmen Sie solche Auszeiten wahr?
Leopold Zingerle: Nach einem Sieg wie gegen den BVB waren alle gut drauf, da macht die Pause Spaß. Dazu ist die Gruppe kleiner, die Intensität anders und die Inhalte sind weniger taktisch geprägt, es macht vielleicht sogar noch mehr Spaß. Das ist eine Woche, die sowohl zum Runterkommen taugt, als auch eine, die man im Training für sich nutzen kann.
Wie ist Ihre Rolle als erfahrener Spieler im Team, welches Standing haben Sie in der Kabine? Gehen Sie nach Spielen auch schon mal zu Xavi Simons und besprechen Szenen mit ihm?
Ich bespreche Details allen voran mit meinen Torhüterkollegen oder den Defensivspielern. Wenn etwa El Chadaille Bitshiabu wie gegen den BVB einen super Block setzt und Péter Gulácsi damit hilft, gehe ich nach dem Spiel zu ihm und bestärke ihn darin. Aber ich komme mit jedem Spieler gut aus. Das entspricht auch meinem Naturell.
Guter Konkurrenzkampf bei RB: „Keiner hofft, dass dem anderen ein Ball durchrutscht”
Wie ist das Verhältnis innerhalb des Torhüterteams?
Jeder muss anders angepackt werden, meine Rolle ist innerhalb des Torhüterteams am klarsten, dadurch kann ich zwischen allen Keepern als Bindeglied fungieren. Das funktioniert gut, wir haben gute Stimmung und Zusammenhalt in der Truppe. Wir sind alles gute Typen, die sich gegenseitig unterstützen, da hofft keiner, dass dem anderen im Training oder Spiel mal ein Ball durchrutscht.
Wie gehen Sie mit wem um?
Mit Pete spreche ich analytischer, mit Maarten ist es etwas anders, die Sprache ist eine andere – auch aufgrund des Alters. Und für Fernando Dickes versuche ich, wie ein großer Bruder zu sein, ihm mit meiner Erfahrung zur Seite zu stehen. Wir tauschen uns über viele Dinge aus, er kann mit allen Fragen zu mir kommen. So versuche ich, für jeden da zu sein.
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Der Konkurrenzkampf zwischen Péter Gulácsi und Maarten Vandevoordt ist ein öffentliches Thema. Wie beurteilen Sie dieses Duell um die Nummer eins bei RB?
Das ist zunächst mal eine sehr luxuriöse Situation. Pete gehört seit vielen Jahren zu den Toptorhütern der Bundesliga; auch Maarten hat gezeigt, wie gut er ist. Bei Spielen und im Training. Er kann ohne Probleme aus dem Stand heraus spielen. Pete hat bisher eine starke Saison gespielt. Am Ende geben beide Gas und pushen sich.
Die Kunst wird sicher sein, eine smarte Übergangslösung zu schaffen, mit noch mehr Spielanteilen für Vandevoordt?
Ich bin da nicht eingebunden in die Überlegungen des Clubs.
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Zingerle: „Hatte immer den Wunsch, bei einem großen Verein zu sein”
Dass Sie selbst mal ein Spiel für RB absolvieren, ist eher unwahrscheinlich. Wie motivieren Sie sich für den Job?
Der Job macht mir einfach Spaß, das habe ich auch gemerkt, als wir sportlich und ergebnistechnisch eine schwierige Phase hatten. Du kommst hierher, weil du willst, dass die Mannschaft erfolgreich ist. Sobald du auf dem Platz stehst, bist du ganz Torwart. Für mich war wichtig, dass meine Aufgabe von Beginn an klar kommuniziert war. Deswegen konnte ich mich darauf einstellen. Ich wusste genau, was von mir erwartet wird, und diese Erwartungshaltung habe ich erfüllt. Ich habe mich ja bewusst dafür entschieden, diese Rolle bei RB Leipzig einzunehmen.
Sie waren Stammkeeper beim 1. FC Magdeburg und beim SC Paderborn. Hatten Sie mal den Gedanken, wieder zurück zu einem Zweitligisten zu wechseln und dafür regelmäßig zu spielen?
Man muss das schon realistisch sehen. Ich hatte am Ende meinen Platz in Paderborn verloren, habe dann die Möglichkeit in Leipzig bekommen. Ich hatte immer den Wunsch, bei einem großen Verein zu sein. Das war eine einmalige Chance, zu einem solchen Verein wie RB zu kommen. Und man muss auch bedenken: Für etwas Ungewisses würde ich ungern meine Rolle hier aufgeben. Dazu macht es mir einfach zu viel Spaß. Ich komme jeden Tag gern hierher, bin zufrieden mit dem, was ich habe, und fühle mich wohl.
Existiert dieses Fünkchen Resthoffnung, doch einmal bei einem Pflichtspiel auf dem Platz zu stehen?
Es ist schon so, dass man den Abstand zum zweiten Torhüter so gering wie möglich halten will. Das ist das Ziel, ich gehe ins Training und versuche, in diesem Training der beste Torwart zu sein. Aber um ehrlich zu sein: Das kommt angesichts der Qualität von Pete und Maarten nicht allzu oft vor (lacht). Ich bekomme kein Feedback aus den Pflichtspielen, das kann ich mir nur im Training oder in Testspielen durch gute Leistungen holen. Dann gehe ich zufrieden nach Hause; wenn mir das nicht gelingt, versuche ich mich zu hinterfragen, warum etwas mal nicht so gut gelaufen ist.
„Bin jetzt ein besserer Torwart als vor zwei Jahren”
Was haben Sie in den knapp zwei Jahren bei RB gelernt?
Was das Torwartspiel angeht, sehr viel. Es ist hier ganz klar definiert, welche Abläufe und taktischen Verhaltensweisen man von einem Torwart haben will.
Bei RB detaillierter als bei anderen Vereinen?
Auch in Paderborn hatten wir einen gewissen Rahmen. Ich finde es als Torwart schwierig, sich weiterzuentwickeln, wenn du ein Tor kriegst und das Feedback nur ist: Den hättest du vielleicht halten können. Da hast du nichts, woran du arbeiten kannst. Hier geht die Analyse mehr ins Detail. Wenn du das erlebt hast, siehst du Torhüter ganz anders, weil du wirklich erklären kannst, was macht er jetzt besser oder was lief nicht so gut. Ich würde schon sagen, dass ich jetzt ein besserer Torwart bin als vor zwei Jahren.
Und aus persönlicher Sicht?
Bei einem Zweitliga-Verein hast du ein gewisses Standing, weil du ein paar Spiele gemacht hast, und dann kommst du hier als „No Name” an. Es war schon auch ein gewisser Lernprozess für mich. Ich habe mich erstmal ein bisschen im Hintergrund gehalten und ruhiger verhalten, um alles zu beobachten. Aber du merkst einfach, dass das dann automatisch kommt. Ich kann auch Champions-League-Spielern mal einen Spruch mitgeben und das ist okay (lacht).
Coole Erlebnisse in der Champions League
Wie ist das in der Champions League gewesen? Sie waren zwar nicht gemeldet, aber dennoch immer mit dabei?
Ich bin auch da nah am Team, bleibe immer eng dabei. Für mich und meinen Werdegang waren das tolle Erlebnisse, wir hatten Top-Auswärtsspiele was die Atmosphäre und die Stadien angeht. Sportlich war es natürlich nicht das, was wir uns vorgenommen hatten, aber für mich waren es dennoch coole Erlebnisse. Vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, mal im San Siro oder Metropolitano dabei zu sein. Hier bei RB sind viele Erlebnisse dazu gekommen, von denen ich meinen Kindern und Enkeln später mal berichten kann, wenn ich auf meine Karriere zurückschaue.
Sie haben noch ein Jahr Vertrag, gibt es schon weitere Überlegungen?
Ich habe im Herbst um ein Jahr verlängert und wir werden uns im kommenden Herbst wieder zusammensetzen und weiterschauen.
„Noch ein paar Jahre im Tank”
Wie lange wollen Sie noch aktiv sein?
Aufgrund meiner Physis sind bestimmt noch zehn Jahre drin (lacht). Im Ernst: Ich fühle mich gut, ein paar gute Jahre sollte ich noch im Tank haben. Aber es muss passen.
Können Sie sich eine Anschlusskarriere im Klub vorstellen?
Ich habe Freddy Gößling bereits in den vergangenen Monaten immer mal als Torwarttrainer unterstützt, konnte das alles mal aus einem anderen Blickwinkel miterleben. Aber konkret ist da bisher nichts. Natürlich würde ich mir das anhören, sollte der Verein mit der Idee auf mich zukommen, doch ich könnte mir auch etwas außerhalb des Fußballs vorstellen.