RB Leipzig

Vercoacht oder Pech gehabt? Vier Fragen zum Leipziger 1:3 gegen Bayer Leverkusen

Von Martin Henkel 29.11.2021, 12:22
Muss sich Gedanken machen: RB Leipzigs Klubchef Oliver Mintzlaff (r.)
Muss sich Gedanken machen: RB Leipzigs Klubchef Oliver Mintzlaff (r.) imago images/Christian Schroedter

Das 1:3 gegen Bayer Leverkusen wiegt schwerer als die vier anderen Niederlagen in der Liga zuvor. Nicht nur bedeutet sie für RB Leipzig einen Nackenschlag im Rennen um die Champions-League-Plätze; Bayer ist einer der unmittelbaren Konkurrenten. Sie wirft auch Fragen nach der Arbeit des Trainerteams auf, das gegen die Werkself offenkundig den schlechteren Matchplan entworfen hatte als der Kollege auf der Gegenseite. Welche Entscheidungen das waren und welche Probleme sie mit sich brachten, stellen wir an dieser Stelle zusammen:

Vierer – statt Fünferkette: altes Lied oder neues Leid?
Gegen Brügge funktionierte die von Cheftrainer Jesse Marsch bevorzugte Besetzung der letzten Abwehrreihe mit nur vier Verteidigern gut, auch wenn RB gegen die Belgier teils großes Glück hatte. Gegen Bayer funktioniert sie nicht – und das mit Ansage. Viererketten haben den Nachteil, dass sie schneller hintergangen bzw. auseinandergerissen werden können, sobald ein Außenverteidiger überlaufen ist. Dann muss einer der Innenverteidiger aus dem Zentrum, wenn aus dem Mittelfeld niemand den Job übernimmt. Gegen Bayer war das oft der Fall, denn in Admine Adli und Moussa Diaby standen zwei Turbosprinter gegen Nordi Mukiele und Angeliño, beide nicht die Schnellsten ihrer Zunft.

Nur drei Partien zu null

Eine Fünferkette mit Tyler Adams auf Rechts und Mukiele im Zentrum wäre deshalb vermutlich das probatere Mittel gegen die bekanntermaßen exzellente Kontermannschaft vom Rhein gewesen. Sie hätte den ganzen Hintrerhof mehr Stabilität verliehen und den "Sechsern" mehr Puste im Spiel nach vorn gegeben. Gut zu sehen war das bei der Umstellung nach der Pause, als RB mit einer Fünferkette agierte. Dass zudem die Null bei den Team stehen muss, die oben mitmischen wollen und nicht Robert Lewandowski in den eigenen Reihen hat, ist eine Binsenweisheit. Aber die Null ist unter Marsch kein Maßstab mehr. In der Vorsaison hielt RB das eigene Tor 15 Mal sauber, in dieser sind es bislang drei Partien ohne Gegentreffer.

Wieso stand Kevin Kampl in der Startelf?
Leipzigs Problemthema ist das Gegenpressing. Marsch setzt es gern hoch an, um bei Ballgewinn keine langen Wege zum gegnerischen Tor zu haben. Funktioniert es wie in Brügge, fliegt der Gegner auseinander. Funktioniert es nicht, ist der eigene Hinterhof ohne Schutz. Dann kommt es auf die zentralen  defensiven Mittelfeldspieler an. Sie müssen vollkommen fit sein und vor allem wach, um sich jeweils so zu positionieren, dass sie entweder die Räume bei gegnerischen Kontern schnell zulaufen oder der Viererkette im Zentrum zu Hilfe eilen können, wenn einer der Innenverteidiger bei Durchbruch eines gegnerischen Außenspielers auf die Flanke muss. Kevin Kampl war dazu an diesem Abend nicht in der Lage. Warum? Weil er nach Aussage von Co-Trainer Achim Beierlorzer aus Brügge eine Handvoll Blessuren und Verletzungen mitgebracht hatte.

Nur Spirit allein reicht nicht

Vielleicht war es falscher Ehrgeiz, dass der Ex-Bayer sich trotzdem aufstellen ließ, um den Rausch von Belgien in die Partie gegen Leverkusen zu tragen. Vielleicht war es aber auch eine Fehleinschätzung von Marsch und Co, was die Besetzung der beiden Sechser-Positionen anbetraf. Ein ausgeruhter Adams (gesperrt gegen Brügge) hätte die Lücken viel eher schließen und seinen Hinterleuten zu Hilfe eilen können.

The Trend is your friend – Taugt das noch als Ansatz?
Sich den Trend zum Freund zu machen bzw. ein „winning team“ nicht zu ändern, ist im Fußball ein ehrwürdiger Ansatz, um eine Startelf zu bestücken. Auch unter Marsch, deshalb stand exakt dieselbe Elf gegen Bayer auf dem Feld wie gegen Brügge. Beierlorzer und sein Chef beschworen vor der Partie regelrecht den „Spirit“ von Belgien in der Hoffnung, dass das gegen Leverkusen reichen würde für den zweiten wichtigen Sieg in Serie. Nur, damit gaben sie dem Kollegen Gerardo Seoane im Vorfeld schon preis, wie sie das Spiel anzugehen gedachten. Ein Leichtes, darauf seinen Matchplan auszurichten. Der Schweizer musste sich nur die Brügge-Partie anschauen, um sich auszumalen, was er anders machen muss.

Mehr Ballbesitz, weniger Kraftaufwand

Die eigenen Pläne so preiszugeben, offenbart, dass das Leipziger Trainerteam weniger nach den Bedürfnissen der Partie aufgestellt hat, sondern darauf hoffte, dass das eigene Personal endlich zum Fliegen kommt – nach der Maßgabe: Wenn wir mit Mannschaftsgeist über den Gegner herfallen, hat der keine Chance. Ging gegen Bayer nach hinten los.

Einen Tag mehr Pause – und trotzdem müder?
Bei Teams, die auf Gegenpressing und Konter setzen, ist Fitness ein zentraler Aspekt bei der Entwicklung eines Spielplanes. RB hatte nach dem Auftritt in der Champions League einen Tag mehr Pause als der Gegner, der in der Europa League unterwegs ist. Aufgrund des ausgedünnten Personals konnten die Trainer auf den Faktor Frische aber nicht unbedingt setzen. Mit mehr Ballbesitz zu agieren wie in den zwei Saisons unter Vorgänger Julian Nagelsmann wäre deshalb wahrscheinlich nicht die schlechtere Lösung dafür gewesen, anstatt wieder wie wild Bälle räubern zu wollen, worauf Bayer ja bestens eingestellt war. Das hätte eigene Kräfte gespart und den Gegner ins Laufen gebracht. In der zweiten Halbzeit wären die weniger müden Beine dann vermutlich ein Vorteil für die Sachsen gewesen - und eine Umstellung auf Viererkette weniger gefährlich. So lagen sie nach 45 Minuten bereits 0:2 zurück.

Es muss nicht immer ein 5:0 sein

Man ist im Nachhinein immer schlauer. Beierlorzer ließ durchblicken, dass der Matchplan ein Vabanquespiel gewesen ist, denn der Gegner sei ja nicht nur die beste Umschaltmannschaft der Liga momentan, sondern „auch mit Ball“ sehr gut. Das kann man so sehen, aber vielleicht war das im Nachhinein auch zu viel des Lobes für die Werkself. Mehr Geduld aufzubringen und Bayer seiner Konterstärken durch eine Fünferkette, frisches Personal und viel Ballbesitz zu berauben, wäre auch ein gangbarer Ansatz für diese immens wichtige Partie gewesen. Man muss ja nicht immer 5:0 gewinnen. (RBlive/hen)