RB Leipzig

„Wir sollten mehr Selbstvertrauen haben”: RB Leipzig rätselt über verlorenes Selbstverständnis

Von Ullrich Kroemer 24.10.2021, 14:06
Unter Druck: Kevin Kampl gegen Fürths Jamie Leweling.
Unter Druck: Kevin Kampl gegen Fürths Jamie Leweling. imago images/Zink

Trainer Jesse Marsch stand ein ebenso großes Fragezeichen auf der Stirn wie vielen Fans und Beobachtern, als sie nach dem 4:1 (0:1) von RB Leipzig gegen Tabellenschlusslicht Greuther Fürth nach Hause fuhren. Alle fragten sich, wie das eine halbe Milliarde Euro teure Ensemble gegen den limitierten Aufsteiger eine Halbzeit lang völlig verunsichert auftreten und die Partie nur durch hohes Risiko und eine absolute Willensleistung von Joker Yussuf Poulsen drehen konnte. „Das ist eine gute Frage, schwierig zu verstehen”, sagte Marsch ratlos. „Wir haben fünf Spiele nicht verloren, wir sollten mehr Selbstvertrauen haben.”

Die Leipziger waren nach der „besten Saisonleistung” (Marsch) bei PSG unter der Woche in der Champions League so erschreckend schwach in die Partie gegen den Underdog gestartet, dass die offiziell knapp 25.000 Fans – tatsächlich hatten wohl viele ihre Dauerkarten verfallen lassen – die Arbeitsverweigerung mit einem gellenden Pfeifkonzert quittierten. Wie schon gegen Brügge und teils gegen Bochum ließ sich RB weit in die eigene Hälfte drängen und hat nach wie vor phasenweise keine Lösungen, sich aus der Umklammerung zu befreien. Emil Forsberg etwa schlug Befreiungsschläge nach vorn, obwohl da gar kein Mitspieler stand.

Marsch: „Müssen zu Hause mehr Klarheit und Qualität zeigen”

Statt planvoll und mit guter Positionierung aufzubauen, war wieder kaum Struktur mit Ball zu erkennen. Angeliño wurde zwar viel mit Diagonalbällen gesucht, war aber einer der schlechtesten Akteure auf dem Platz, agierte defensiv anfällig und verzog offensiv so gut wie jede Hereingabe. „Wir hatten keine Antwort. Der Druck sorgt dafür, dass die Jungs unsicher werden, wenn es nicht von Anfang an läuft”, bekannte Marsch. „Es ist komisch, der Gegner war aggressiv, aber besonders zu Hause müssen wir mehr Klarheit im Ballbesitz und unsere Qualität zeigen.” Auch der technische Leiter Christopher Vivell monierte in der Halbzeitpause das verloren gegangene Selbstverständnis am Ball. Forsberg erklärte die Flaute in Hälfte eins hernach mit der Reisebelastung.

In der Pause blieb Marsch bewusst ruhig, um das Team nicht noch weiter zu stressen. „Ich habe nicht geschrien oder Emotionen gezeigt, das wäre nicht förderlich gewesen”, erklärte der Trainer. „Wir haben viel überlegt: Sollen wir die Grundordnung oder Spieler wechseln? Gott sei Dank hatten wir Yussi Poulsen, der das Spiel fast im Alleingang gedreht hat”, rief der US-Coach erleichtert aus.

Marschs All-in-Plan: Poulsens Wucht drückte Fürth an die Wand

Kämpfer Poulsen kam zur zweiten Hälfte für den derzeit zwischen den Spielideen verlorenen Kevin Kampl, womit Marsch hohes Risiko ging, weil er sein Mittelfeldspiel damit im Grunde auflöste. Amadou Haidara war zwischenzeitlich das einzige Bindeglied zwischen Defensive und Offensive. Rasenballsport rannte in einer Art im 5-1-4 an, auch wenn Christopher Nkunku und Emil Forsberg sich immer mal fallen ließen. Gegen spielstärkere Mannschaften hätte das auch schiefgehen können, doch gegen einen Kontrahenten wie Fürth ging der All-in-Plan auf; mit Poulsens Wucht drückte Leipzig die Fürther an die Wand. Mit der Einwechslung von Tyler Adams stellte Marsch dann nach 65 Minuten wieder auf ein 5-2-3 um.

Tore wie das perfekt herausgespielte 3:1 über sechs Stationen sind zweifelsohne toller One-Touch-Fußball – ein echtes Filetstück – doch eine solche Szene trägt kein gesamtes Spiel. Es fehlt nach wie vor ein belastbares Gerüst im Spielaufbau, auf das RB jederzeit zurückgreifen kann.

Aktuell kein Spitzenteam

Dass es gegen Fürth überhaupt einer solchen Kraftanstrengung bedurfte, ist hinsichtlich der Belastungen im Saisonverlauf wenig effizient und gibt zu Denken. Derzeit gerät die Marsch-Elf gegen jedes Team, das aggressiv und hoch presst, unter Druck. Noch immer fremdeln Kampl & Co. mit der neuen Marsch-Route. Vom Status Spitzenteam, den sie vor einem halben Jahr durch viel Spielkontrolle noch innehatten, sind die Leipziger derzeit weit entfernt. Die Diskrepanz zwischen den Auftritten vor einem Jahr unter Julian Nagelsmann und dem aktuellen Leistungsstand ist immens. Und im November warten unter anderem mit Paris, dem BVB, Brügge und Leverkusen Hochkaräter auf die wankelmütigen RB-Stars.

Marschs Devise bleibt, „in ruhiger Art und Weise mehr mit der Mannschaft zu arbeiten”. (RBlive/ukr)