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von Martin Henkel

Kommentar: "Wer nichts wagt, gewinnt auch nichts!"

Fragen an Talent und Grenze: Leipziger Personal nach dem 1:2 in Freiburg.

Fragen an Talent und Grenze: Leipziger Personal nach dem 1:2 in Freiburg.
Copyright: Imago/Picture Point LE

Von Martin Henkel

Nichts ist verloren, nicht nach neun Spieltagen. Und dass der Trainer langsam Druck auf seinem schwarzen Kapuzenpulli spürt, wie Julian Nagelsmann nach dem 1:2 in Freiburg am Samstag anmerkte, war ein für den 32-Jährigen typischer Jux: Der Trainer von RB Leipzig hat einen Freifahrtsschein für seine Experimente mit dem Kader, wie die Verantwortlichen des sächsichen Bundesligisten zuletzt nicht müde wurden zu betonen. Daran ändert auch nichts das vierte sieglose Ligaspiel in Folge.

Bis ins letzte Drittel ganz passabel

Und dennoch: Es ist ein Kreuz mit den Rasenballern und dem einen Stil, an dem sich die gewohnheitsmäßigen Umschaltspieler und Konterspezialisten vom Cottaweg schon unter Nagelsmanns Vorvorgänger Ralph Hasenhüttl versuchten - und damals ähnlich an den Ansprüchen von Ballbesitz und trickreichem Angriffsspiel auf engstem Raum scheiterten wie gerade eben.

Zum wiederholten Mal monierten in Freiburg Spieler wie Willi Orban, dass der Ball momentan bis ins letzte Drittel eigentlich ganz passabel und nach Lehrbuch laufe. Ab dann aber "fehlt uns Tiefgang, Dynamik und Spielwitz vor dem Tor", wie der Abwehrchef kritisierte, der damit seinem Trainer aus der Seele sprach, der nicht versteht, wieso es nicht klappen will mit dem Ballbesitz im Stile einer Spitzenmannschaft, die in der Regel auf tiefstehende Mannschaften trifft. Oder anders: Die mit dem alten, RB-typischen Fußball von Umschalten und Kontern, nicht mehr weit kommt.

Weil es vielleicht am dafür nötigen Personal mangelt? Schaut man genauer auf die Spieler, die für das Toreschießen bei RB zuständig sind, dann wird deutlich, dass die Anlagen von Timo Werner, Yussuf Poulsen oder Matheus Cunha vor allem für den alten RB-Fußball ausgelegt sind. Exemplarisch ist das am Dänen Poulsen zu beobachten, der vergangenes Jahr für sein Ansaugverhalten von hohen Bällen, sein Raumempfinden, seine Schnelligkeit und seine plötzlich entdeckte Torgefährlichkeit gelobt wurde. Ach ja, und die Mentalität eines Monsters besitze er auch noch.

Poulsen, das Puzzlestück

Unter Nagelsmanns angeblicher "On-Top"-Philosophie, die sich immer mehr als radikaler Wandel des Leipziger Fußballs entpuppt, ist Poulsen jetzt nur noch ein Schatten der Ausgabe aus dem Vorjahr. Nagelsmann braucht ihn hauptsächlich als Top-Anläufer bei gegnerischem Ballbesitz. Er ist ein Puzzlestein geworden, der vor allem die Gegner stressen und bei hohen Bällen von den Außen im Strafraum parat stehen soll.

Gleiches gilt für Werner. Kein anderer Bundesliga-Spieler ist treffsicherer, wenn er ins Sprinten kommt. Heißt, wenn RB die Gegner kommen lässt, ihnen den Ball abjagt und mit viel Raum vor den schnellen Füßen kontert. Aber welche Konter? RB erstickt gerade im Ballbesitz, was vermutlich nicht einmal gewollt ist, wie Nagelsmann im Breisgau andeutet, als er meinte: "Wenn wir in den ersten 30 Minuten das 1:0 machen, können wir danach auf Konter spielen, weil der Gegner aus der Deckung muss, und dann gewinnen wir das Spiel."

In der Summe wäre es also ein Leichtes zu rufen: Zurück zu den Wurzeln und vielleicht auch gleich mit zu Nagelsmanns Vorgänger Ralf Rangnick, der vergangene Saison ungefähr zum selben Zeitraum seinen Kader am Schlawittchen packte, ins Gewissen redete und ersteinmal wieder die Basics trainieren ließ. RB-Basics wie Mentalität, sauberes Verteidigen, einfaches Konterspiel und die Null ehren.

Das wäre ein Ansatz, mit dem natürlich auch Nagelsmann jetzt operieren könnte, um wenigstens die Gegentreffer zu verhindern, die RB sich gerade in jedem Spiel einfängt und die das Team jedes Mal unter noch größeren Druck setzen. Gegen Zenit war es noch gutgegangen, gegen Freiburg nicht.

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"

Aber wozu dann Nagelsmann überhaupt als Trainer halten? RB ergeht es gerade wie allen deutschen Topmannschaften: Viele Gegner stehen tief und spiegeln RB den eigenen Stil, der sie in den vergangenen Jahren erfolgreich gemacht hat. Sich weiterzuentwickeln, ist deshalb ein Gebot der Vernunft sowie klugen Zukunftsplanung und gibt zudem neue Impulse für einen Kader, dessen Zyklus normalerweise auf drei, vier Jahre beschränkt ist, ehe er die Lust am Immergleichen verliert. Ganz gleich ob an Stilen oder Trainern.

Nagelsmann ist deshalb per se auf dem richtigen Weg. Entwicklung braucht Zeit, das zu verstehen, dafür reichen elementare Physikkenntnisse aus. Es geht eben nicht von Jetzt auf Gleich, wie es so vortrefflich heißt.

Allerdings sollte sich der Trainer vielleicht auf die Frage einlassen, ob er es mit dem Tempo des Umbaus nicht übertreibt. Der 32-Jährige sagt von sich selbst, er sei grundsätzlich ungeduldig und läuft damit Gefahr, eine Geschwindigkeit vorzugeben, der andere nicht folgen können.

Für die Vereinsverantwortlichen bedeutet das zusätzlich, den Aspekt der Weiterentwickelung des Kaders mehr in den Vordergrund zu rücken. Dann ist das eben gerade so: Wer nichts wagt, der gewinnt auch nichts. Und er was wagt, der macht eben auch Fehler.

Letztendlich aber steht und fällt das Ganze mit dem Kader. Und hier ist die Frage noch ohne Antwort: Kann er nicht oder will er gerade nicht. Wie so oft ist mit großer Wahrscheinlichkeit beides der Fall. Warum sollte es in einer Kabine auch anders zugehen als im deutschen Bundestag. Kühle Köpfe sind deshalb genauso gefragt wie mutige Fragen an Talent und Grenze, Tempo und Erwartungen. Dann wird das schon mit dem zweifellos hochtalentierten Kader und seinem nicht minder talentierten Trainer. Und wer am Cottaweg gerade mal was zur Stärkung braucht, der findet vielleicht ja in der Akademie-Bibliothek einen Band mit der Hölderlin-Hymne Patmos. Gleich in der ersten Strophe, Vers 3 und 4, steht: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch."

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