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Mächtiger Mann im Hintergrund bei Zenit St. Petersburg: Gazprom-Chef Alexey Miller (Foto: imago).

Mächtiger Mann im Hintergrund bei Zenit St. Petersburg: Gazprom-Chef Alexey Miller (Foto: imago).

Exklusives Experten-Interview: So viel Macht hat Gazprom bei Zenit

Ivan Zhidkov ist Chefredakteur der russischen Sport-Tageszeitung „Sport Tag für Tag“ („Спорт день за днем”) sowie der Webseite Sportsdaily.ru und Kenner von Zenit St. Petersburg. Vor dem Europa-League-Achtelfinale gegen RB Leipzig hat RBLive hat mit dem Experten über die sportliche Entwicklung von Zenit, den eigenwilligen Führungsstil von Trainer Roberto Mancini, die Machtfülle von Eigentümer Gazprom und die Nähe zum Kreml gesprochen.

Ivan, wie schätzen Sie aktuell die sportliche Verfassung von Zenit ein? Ist der Klub mit Rang vier in der Liga zufrieden?

Chefredakteur von „Sport Tag für Tag” und sportsdaily.ru: Ivan Zhidkov (Foto: RBLive).

Kritischer Begleiter und Chefredakteur von „Sport Tag für Tag” und sportsdaily.ru: Ivan Zhidkov (Foto: RBLive).

Ivan Zhidkov: „Natürlich waren die Ambitionen von Zenit höher. Vor allem, wenn man bedenkt, dass sich Zenit zu Beginn der Saison, also im Herbst 2017, als das stärkste Team in der russischen Liga präsentierte und beispielsweise Meister Spartak Moskau zu Hause mit 5:1 besiegt hat oder in beeindruckender Manier mit 3:1 gegen Real Sociedad in der European League gewonnen hat. Dennoch zeigte sich recht schnell, dass das taktische Repertoire nicht allzu groß ist.”

Zenit tut sich mit Ballbesitz schwer

Inwiefern?
„Am erfolgreichsten ist die Mannschaft nach wie vor, wenn sie das Spiel nicht selbst gestalten muss, sondern den Gegner kommen lassen und dann auf Konter setzen kann. Sobald eigener Ballbesitz gefordert ist, wird es für das Team erheblich schwieriger. Das liegt auch daran, dass das Team im Sommer zu weiten Teilen neu aufgestellt wurde. Man kann sagen, dass es fast zur Hälfte aus russischen und zur anderen Häfte aus argentinischen Spielern besteht. Allerdings fehlt in den meisten Fällen die notwendige Erfahrung auf hohem internationalem Niveau.”

Das klingt nicht nach optimaler Transferpolitik.
„Es gab teilweise auch unzufriedene Spieler wie die russischen Nationalspieler Oleg Shatov und Artem Dzyuba, die einer positiven Entwicklung eher im Weg standen – und den Verein mittlerweile verlassen haben. Getroffen hat Zenit auch der plötzliche Tod von Sportdirektor Konstantin Sarsania im vergangenen Oktober. Mit seiner Transferpolitik war er maßgeblich mit verantwortlich für den Sieg im UEFA-Cup 2008. Ohne ihn zerbrach nun die direkte Verbindung zwischen Präsident und Team sowie dem Präsidenten und dem Trainer.”

Trainer Roberto Mancini „kommuniziert nicht direkt mit den Spielern”

Wie ist die Arbeit des Trainers zu bewerten?
„Roberto Mancini beschwert sich regelmäßig, dass er nicht aktiver auf dem Transfermarkt agieren und teilweise nicht jene Spieler kaufen kann, die er gerne haben möchte. Aber das ist natürlich verständlich, denn einerseits wollen die großen Stars ohnehin in den seltensten Fällen nach Russland kommen, andererseits steht Zenit nicht mehr so viel Geld zur Verfügung wie noch vor zehn Jahren.”

Wie ist das Verhältnis zwischen Roberto Mancini und dem Team?
„Mancini arbeitet insgesamt sehr professionell, er hat aber einen sehr distanzierten Stil und trifft Entscheidungen einzig auf Grundlage der Trainings- und Spielleistungen. Er kommuniziert praktisch nicht direkt mit den Spielern. Das gefällt einigen Spieler natürlich nicht. Mancini hat ein starkes Trainerteam hinter sich, weswegen die Mannschaft auch körperlich sehr gut in Form ist. Es mangelt jedoch an taktischer Flexibilität, was in erster Linie auch darin begründet ist, dass ihm teilweise die passenden Spielertypen fehlen. Dennoch bleibt festzuhalten, dass er manchmal auch seltsame Entscheidungen fällt, wenn es um die Aufstellung geht.”

„Gazprom spielt eine sehr große Rolle bei Zenit”

Welche Macht und welchen Einfluss hat Gazprom als Eigentümer und Hauptsponsor auf die Entscheidungen bei Zenit?
„Gazprom spielt eine sehr große Rolle bei Zenit und ist Hauptaktionär. Alexey Miller, der Chef von Gazprom, ist ein großer Fan von Zenit und hat großes Interesse, dass ersteres so bleibt. Man kann sagen, dass er eine Art Hauptgönner ist, der sich auch das Recht nimmt, Entscheidungen mit zu beeinflussen. Wenn er sich dann doch einmal aus irgendeinem Grund distanziert, werden Entscheidungen sehr viel langsamer getroffen.”

Wie ist das Verhältnis zwischen Kreml und Zenit? Welche Rolle spielen die gebürtigen Leningrader Wladimir Putin und Dimitri Medwedew?
„Putin und Medwedew spielen keine bedeutende Rolle. Putin ist kein Fußballfan, auch wenn er um die Bedeutung des Fußballs für die Gesellschaft weiß. Sein Lieblingssport jedoch ist Eishockey. Beiden ist es zwar keineswegs gleichgültig, dass Zenit ihre Heimatstadt St. Petersburg repräsentiert. Dennoch haben sie keinen aktiven Einfluss.”

Korruption am Bau? 800 Millionen Euro für die neue WM-Arena

Das neue Stadion in St. Petersburg kostete etwa 800 Millionen Euro. Was rechtfertigt, dass es so teuer ist und welche Rolle spielte Korruption beim Bau?
„Wenn der Bau eines Stadions ganze zehn Jahre dauert, sich die Bauunternehmer ständig ändern, es sogar zu Verhaftungen von Personen kommt, die an verschiedenen Bauphasen beteiligt waren, dann ist klar, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Eine Forderung beim Bau war beispielsweise, dass die Bauunternehmer aus Russland stammen sollten. Das hat nicht gerade zu einem schnelleren Bau beigetragen. Diese Probleme waren aber nach Fertigstellung des Stadions ganz schnell vergessen und die Bewohner von St. Petersburg haben sich schnell mit der neuen Arena angefreundet.”

Aus Vorfreude auf die WM 2018?
„Für die Fans ist es halt angenehm, wenn es im Inneren der Arena 17 Grad warm ist, während es außerhalb minus 17 Grad sind. Man kann dieses schnelle Vergessen wohl den erstaunlichen Eigenschaften des menschlichen Gedächtnisses zuschreiben: Wenn es für einen selbst komfortabel ist, werden Skandale schnell vergessen – erst recht in Russland.”

Vielen Dank für das Gespräch.