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Ballbesitz und Firlefanz: Rangnick bilanziert Hasenhüttls Arbeit

Die zweite Ära mit Ralf Rangnick als Trainer bei RB Leipzig steht unter einem klaren Ziel: Zurück zu den Wurzeln! Um das zu verdeutlichen, bilanzierte der Sportdirektor bei seiner Vorstellung auch die Arbeit seines Vorgängers Ralph Hasenhüttl. Gut kam der nicht dabei weg.

34 Ligaspiele, 53 Punkte, am Ende Platz sechs, was im besten (oder schlimmsten) Falle sechs Europa-League-Qualifikationsspiele für die Sachsen in diesem Sommer bedeutet. Das waren Zahlen, mit denen Rangnick nicht nur die Notwendigkeit bezifferte, um die Mannschaft wieder auf „unseren Weg“ zurückzubringen, sprich: zu Gegenpressing und blitzartigem Umschalten ohne viel Ballbesitzfirlefanz. Diese Daten nutzte er auch, um mit dem Fußball seines Vorgängers Ralph Hasenhüttl abzurechnen.

Eklatante Standardschwäche

Er nannte den Österreicher nicht beim Namen, als es um die kommenden Saisonziele ging. Aber man konnte sich seinen Teil denken. Rangnick sagte: „Wir müssen unseren Fußball wieder auf den Platz bringen.“ Sprich: seine Vorstellungen davon. Im Aufstiegsjahr unter Hasenhüttl hätte das zu „120 Prozent“ geklappt, bilanzierte er. „Letzte Saison dann aber nicht immer, deshalb waren wir in den relevanten Bereichen deutlich schwächer.“ Im ersten Jahr betrug der Durchschnitt bei Ligaspielen 1,9 Punkte pro Partie, im zweiten lag er bei 1,56. Im ersten Jahr kassierte RB 39 Gegentore, im zweiten 53. Vor allem die Standardschwäche war eklatant, RB kassierte mehr als ein Dutzend und kam selber zu weniger als einer Handvoll Treffern nach ruhenden Bällen.

Eklatante Schwäche: RB bei Standards. Foto: Imago

Für Rangnick ist es deshalb ein Gebot in der Not, das Rad zurückzudrehen. Denn Hasenhüttl hat in seinem zweiten Jahr mit verschiedenen Systemen operiert. Einerseits, um die Mehrfachbelastung durch die Europapokalpartien auszugleichen. Das Volle-Pulle-Gegenpressing jedenfalls schien ihm eine Weile lang zu kraftraubend. Und er versuchte sich aus der Falle zu befreien, die ihm viele Gegner durch tiefstehende Abwehrreihen und hohe Bälle hinter die Pressinglinien aufstellten.

Keine geile Saison!

Wirklich erfolgreich war er damit nicht. RB bekam vor allem in der zweiten Hälfte der vorigen Saison zum Teil aberwitzige Gegentreffer und verschenkte so manchen Sieg. Die Chefetage war entsprechend wenig begeistert. Rangnick forderte schon am Jahresende, zur „RB-DNA“ zurückzukehren. Hasenhüttl folgte der Direktive nur zögerlich. „Wenn wie ehrlich sind“, sagte Rangnick im Rückblick, „haben wir nach dem letzten Spieltag nicht gesagt: Wow, was für eine geile Saison! Wir wussten, dass ein Sieg mehr gereicht hätte, um Dritter zu werden. Aber auch, dass eine Niederlage mehr Platz acht oder neun hätte bedeuten können.“

Trotzdem hätte er mit Hasenhüttl gern weitergemacht. Dass der Österreicher dafür eine Vertragsverlängerung voraussetzte, habe ihn „ehrlich überrascht“. Er hatte gehofft, dass sein Chefcoach zum alten Stil zurückkehrt.

Ballbesitz-Opfer: Die DFB Elf. Foto: Imago

Zu dem nämlich sieht Rangnick keine Alternative. Die WM in Russland gebe ihm Recht, meint er. Zum einen: auf junge Spieler zu setzen: „Die WM hat vieles von dem, wofür wir seit Jahren stehen, eindrucksvoll bestätigt. Mit England und Frankreich sind die mit Abstand jüngsten Mannschaften hochverdient im Halbfinale.“

Darüberhinaus: Standards als Waffe zu nutzen. „Wenn man sich überlegt, dass die Engländer bei der WM 80 Prozent ihrer Tore nach Standards erzielt haben, kann man ableiten, wie wichtig dieser Bereich ist.“ Und schließlich: weg mit den Überlegungen, über Ballbesitz tiefstehende Gegner besiegen zu können. Auch Hasenhüttl hatte damit zu Beginn seiner zweiten Saison experimentiert. Rangnick: „Wer sich bei der WM auch verabschiedet hat, sind die, die von vornherein geglaubt haben, dass Ballbesitz das allein Glückseligmachende ist. Und die sich dann am Ballbesitz so lange ergötzt haben, bis sie gemerkt haben: O, das Spiel ist aus und wir haben noch gar kein Tor geschossen!“

Seitenhieb auf Joachim Löw

Der Hieb sollte übrigens auch den Bundestrainer treffen. Joachim Löw hat jahrelang darauf gesetzt, Spiele über schiere Dominanz im Ballbesitz zu entscheiden. In Russland ist der Plan nicht mehr aufgegangen, auch nicht bei den ähnlich agierenden Spaniern. „Ohne Tempo“, so Rangnick, „und ohne Tiefgang, ohne Hochschalten in den 5., 6., 7. Gang gewinnst du heute nicht mal mehr gegen Panama oder Südkorea.“

Aber Hasenhüttl ist ja Geschichte, Rangnick die Gegenwart – und in einem Jahr Julian Nagelsmann die Zukunft. Dem will der neue, alte Trainer einen Kader vorsetzen, der wieder perfekt ins Raster seiner Vorstellungen passt. Darum in erster Linie wird es in der kommenden Saison gehen. „Wir müssen unseren Fußball wieder auf den Platz bringen“, sagte Rangnick. Die Platzierung sei dabei zweitrangig. „Wir wollen möglichst gut abschneiden, ob das Platz sechs oder vier ist, werden wir sehen. Aber der Weg dorthin ist entscheidend, dass wir uns in den relevanten Bereichen weiterentwickeln, besser werden. Dass wir wieder für das gefürchtet werden, wofür wir stehen.“