Seite neu laden

Yussuf Poulsen exklusiv: „Leicht nochmal 200 Spiele für RB”

Interview: Martin Henkel und Ullrich Kroemer
Dritter Doppelpack der Saison: Yussuf Poulsen (Foto: imago).

Dritter Doppelpack der Saison: Yussuf Poulsen (Foto: imago).

Yussuf Poulsen hat am Vorabend gegen Bayern München gerade sein 200. Spiel für RB Leipzig bestritten, als er RBlive/die Mitteldeutsche Zeitung zum Gespräch in der Akademie am Cottaweg empfängt. Dienstältester und Rekordspieler mit 24 – das gibt’s wohl nur bei RB Leipzig. Poulsen wirkt auch im Gespräch gereift, inspiriert, selbstbewusst, ganz bei sich – so wie in dieser Hinrunde auf dem Platz. Ein Jahresend-Gespräch.

Yussuf Poulsen, in Dänemark ist es zum Jahresende Brauch, Dorsch zu essen und Aquavit zu trinken. Bei Ihnen auch?
Yussuf Poulsen: Ich bin kein so ein Traditionalist.

Kein Dorsch?
Nicht immer.

Aquavit?
(lacht) Es wird getrunken, aber Aquavit nicht.

Höhepunkt an Silvester ist ein Sprung punkt null Uhr von einem Stuhl. Springen Sie auch?
Ja, ich springe.

Was sagt der Verein dazu, dass Sie in Silvesterstimmung von einem Möbelstück hüpfen? Sie könnten sich verletzen.
(lacht) Der Stuhl ist nicht so hoch wie ich in einem Spiel springe. Insofern muss er sich um mich keine Sorgen machen.

Was passiert gedanklich beim Sprung, gehören gute Vorsätze dazu?
(lacht) Mittlerweile passiert gedanklich nicht mehr so viel.

Braucht der Däne unbedingt einen Stuhl oder kann er auch, sagen wir, von einem Eimer oder einer Sandburg springen?
Hauptsache, es wird gesprungen. Vergangenes Jahr habe ich mit vielen Kumpels aus Dänemark in Leipzig gefeiert, die meisten sind vom Sofa gesprungen, manche vom Tisch.

Wo feiern Sie dieses Jahr?
Wieder in Leipzig. Meine Kumpels fanden es großartig und wollen wieder herkommen.

Waren Mitspieler dabei?
Die meisten feiern in ihrer Heimat. Hauptsächlich sind es Freunde von mir, Dominik Kaiser war vergangenes Silvester aber dabei.

Yussuf Poulsen: „2018 war mein bestes Jahr”

Wie verabschieden Sie sich von 2018?
Mit einem guten Gefühl. 2018 war sehr besonders für mich, mein bestes Jahr würde ich sagen. Ich hatte viele Spiele auf allerhöchstem Niveau.

Können Sie sich noch an den Anfang des Jahres erinnern?
Ungern, der war nicht so gut. Ich habe nicht so viel gespielt, wie ich es gern getan hätte. Meine Jahre sind gedanklich aber in Saisons eingeteilt. 2018 hat also erst im Sommer begonnen, mit der WM in Russland. Und weil ich ja zuvor nicht so oft auf dem Platz gestanden hatte, war ich richtig fit. Viele meiner Kollegen hatten doppelt so viele Minuten in den Beinen.

Sie hatten im vergangenen Kalenderjahr mit Ralph Hasenhüttl und Ralf Rangnick zwei Vereinstrainer. Wie groß ist deren Anteil an Yussuf Poulsen, dem Gelegenheitsspieler aus der ersten Jahreshälfte, und der Stammkraft aus der zweiten?
Ich war zu Beginn des Jahres nicht in allzu guter Form, das muss ich ehrlicherweise sagen. Aber im Frühjahr war ich besser drauf. Als ich dann immer noch nicht regelmäßig gespielt habe, war mein großes Ziel, in allerbester Topform zur WM zu fahren.

„Ein bisschen wie zu Teenager-Zeiten”: Yussuf Poulsen im Gespräch mit den MZ-/RBlive-Redakteuren Ullrich Kroemer (links) und Martin Henkel (rechts, Foto: RBlive).

„Ein bisschen wie zu Teenager-Zeiten”: Yussuf Poulsen im Gespräch mit den MZ-/RBlive-Redakteuren Ullrich Kroemer (links) und Martin Henkel (rechts, Foto: RBlive).

Können Sie beschreiben, was eine WM vom Alltag eines Profifußballers unterscheidet?
Sagen wir so: Ich hatte lange schon nicht mehr das Gefühl, oh, es kribbelt im Bauch, wie vor dem ersten WM-Spiel. Es war ein bisschen wie zu Teenager-Zeiten.

Sie saßen in der Qualifikation noch teils auf der Bank und waren in Russland gesetzt. Was war passiert?
Da ich in den Monaten zuvor im Verein nicht gesetzt war, konnte der Trainer mich anderen Spielern nicht vorziehen. Aber er gab mir jeweils in den ersten Partien eine halbe Stunde, die habe ich genutzt und ihn überzeugt.

Sie haben unlängst offenbart, dass Sie mit einem Mentaltrainer arbeiten. Hatten Sie den schon vor der WM?
Ich habe ihn mir wegen der WM genommen.

Yussuf Poulsen: „Ich dachte immer, ich brauche keinen Mentaltrainer”

Schuld war Ihre Bankspielersituation in Leipzig?
Nein. Ich hatte immer gedacht: Ich brauche keinen. Ich wollte wissen, ob das tatsächlich stimmt.

Und?
Niemand hält sich in jeder Hinsicht an seinen Grenzen auf. Es gibt immer noch was aus sich herauszuholen. Ich dachte aber, das sei bei mir im mentalen Bereich nicht so viel. Ich habe mich geirrt.

An was haben Sie gearbeitet?
Eine sogenannte Aufbaustelle war die Frage: Wann bin ich wo im Sechzehner? Oft bin ich bei eigenen Angriffen nicht im Strafraum gewesen. Stattdessen hatte ich mich für Zuspiele angeboten oder wollte Laufwege für andere schaffen. Ab und zu war das gut, ab und zu unnötig. Deshalb kam ich selten in Situationen, um ein Tor zu machen.

Sie waren zu selbstlos?
Ja, auch. Aber der Fokus lag darauf, Laufwege zu vermeiden, die nichts bringen und mich in bessere Abschlussmöglichkeiten zu bringen, die im Endeffekt ja der Mannschaft zugute kommen. Alle elf Tore von mir in dieser Saison habe ich in einem Abstand von maximal zehn Metern zum Tor gemacht.

Wer hat Ihnen die Arbeit mit dem Coach empfohlen, der Verein?
Nein. Mein Coach ist Däne, die Anregung kam von da.

Neben diesem neuen Talent, Tore zu schießen, sind Sie ein Meister im Ansaugen hoher Bälle. Wie haben Sie diese Fertigkeit erworben?
Durch eine Umstellung unseres Spiels. Vor drei Jahren wäre ich in solche Situationen nicht gekommen. Da war ich der Stoßstürmer, der kleine neben dem großen: Der in die Räume läuft, Lücken reißt. Das änderte sich in der letzten Zweitligasaison. Am Anfang habe ich viel mit Sabi (Marcel Sabitzer, Anm. d Red.) gespielt, da war ich eher alleinige Sturmspitze. Danach kam Timo (Werner, Anm. d. Red.), und der mag das körperliche Spiel mit dem Rücken zum Tor nicht so. (lacht). Also musste ich in diese Duelle.

Kann man das im Training simulieren?
Es geht, ist aber ein bisschen schwierig. Wie man den Ball annimmt und gegen den anderen abschirmt, hängt immer davon ab, was der andere für ein Typ ist: eher einer wie Willi Orban oder Dayot Upamecano.

„Upamecano kannst du eigentlich nicht bewegen”

Wer ist Ihnen lieber?
Im Training: Upa. Den kannst du eigentlich nicht bewegen. Selbst wenn ich dem mit 100 km/h in den Rücken springen, falle ich in der Regel trotzdem um. Gelingt es mir aber dennoch, dann gelingt es mir gegen jeden.

Sie haben gegen den FC Bayern Ihr 200. Spiel für RB bestritten. Wie viele kommen da noch dazu? Sie haben Vertrag bis 2021.
Das wird man sehen. Aber so wie wir in den letzten zwei Jahren gespielt haben, werden es leicht nochmal 200.

Viele ihrer Landsleute haben in Spanien oder England gespielt und tun es noch. Welcher Typ Fußballer sind Sie: La Liga oder Premier League?
Premier League.

Es wird gemunkelt, ihr Sturmpartner Timo Werner stünde vor einem Wechsel auf die Insel? Was glauben Sie?
Die Frage ganz allgemein ist, ob man reif ist für den Wechsel zu einem der ganz großen Klubs. Ob Timo das als 22-Jähriger ist, weiß er selbst besser als ich.

Spielen Sie gern mit ihm zusammen?
Ja.

Was fehlt RB Leipzig noch, um einer dieser ganz großen Klubs zu sein?
Ich würde sagen, Erfahrung. Aber das ist das falsche Wort. Wir brauchen einen Stamm von Spielern, die mehrere Jahre auf dem allerhöchsten Niveau zusammenspielen.

Wie stehen die Chancen dafür?
Sie sind gut.

Wen würden Sie für RB Leipzig kaufen?

Der Stamm, den Sie angesprochen, besteht zum Großteil aus Spielern, die schon seit der 2. Liga bei RB sind. Wieso tun sich manche Neuzugänge so schwer?
Es gibt darauf nicht die eine Antwort. Unser Stil ist anspruchsvoll. Den zu verinnerlichen, dafür benötigt der eine drei Jahre – und der andere wieder nur eines, weshalb er dann unter Umständen gleich so gut ist, dass er zum nächsten Verein weiterzieht.

Sie sprechen von Naby Keita.
(lacht) … Und dann haben wir viele sehr junge Spieler, die in den Männerfußball erst einmal reinfinden müssen. Das war bei mir vor fünfeinhalb Jahren, als ich zu RB kam, auch nicht anders. Aber schauen Sie sich Upa oder Ibrahima Konaté an. Die sind auch noch nicht lange da und gehören zum Stamm.

Spieler wie Nordi Mukiele, Jean-Kévin Augustin oder Marcelo Saracchi waren zu Beginn der Saison gesetzt und in Topform. Jetzt sitzen sie auf der Bank. Weshalb?
Das müssen Sie den Trainer fragen. Die anderen Jungs machen es eben auch richtig gut, der Konkurrenzkampf ist hoch. Das Blatt kann sich im Fußball schnell wieder wenden.

Stellen Sie sich vor, Sie springen an Silvester zufällig auf einen Koffer voller Geld. Wen würden Sie für RB Leipzig kaufen?
(überlegt). Joshua Kimmich (Spieler vom FC Bayern München, Anm. d. Red.), der würde perfekt zu uns passen.