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Peter Gulacsi im Interview: „Das bedeutendste Spiel meines Lebens”

Interview: Ullrich Kroemer
RB-Keeper Peter Gulacsi. Foto: Imago

„Wenn wir schonmal da sind, wollen wir auch gewinnen”: RB-Keeper Peter Gulacsi (Foto: Imago).

Er kann im DFB-Pokalfinale den Unterschied machen: Peter Gulacsi (29) hat sich in dieser Saison zu Weltklasse-Form aufgeschwungen. Im Fachblatt „Kicker” hat er den besten Notenschnitt aller Bundesligaspieler. Die besten Statistiken unter den Torhütern kann er eh vorweisen. Im Gespräch mit Mitteldeutscher Zeitung/RBlive spricht der Ungar über seine Form-Explosion, das moderne Torwartspiel, die Vorfreude auf das Pokalfinale gegen Bayern München und ein mögliches Elfmeterschießen.

Peter, RB kann am Samstag in Berlin den ersten großen Titel der Klubgeschichte gewinnen. Welchen Stellenwert hat dieses Finale in Ihrer Karriere?
Peter Gulacsi: Es wäre nicht nur der erste große Titel für den Verein. Wir alle in der Mannschaft haben die Chance auf unseren ersten richtig, großen Erfolg. Ich bin natürlich glücklich, dass ich in Österreich schon zwei Doubles gewonnen habe. Aber das kann man nicht vergleichen. Wir bewegen uns hier auf einem anderen Niveau, das Spiel hat einfach eine andere Größe und Bedeutung. Das Pokalfinale ist das größte Einzelspiel Deutschlands. Es ist geil, dass wir dabei sind. Und wenn wir schonmal da sind, wollen wir auch gewinnen. Das wäre ein unglaubliches Ergebnis und Erlebnis.

Ist dieses Finale das bedeutendste Einzelspiel Ihrer Karriere?
Ja. Ich habe schon viele wichtige Spiele absolviert. Aber dieses eine Match, in dem es um richtig was geht, hat den größten Stellenwert meiner bisherigen Laufbahn.

Peter Gulacsi: „16 mal zu null gibt viel Mut fürs Finale”

Wie viel Mut hat es Ihnen in den vergangenen zwei Wochen gemacht, dass Sie im Ligaspiel fünf, sechs Großchancen gegen die Bayern pariert und zu null gespielt haben?
Es tut uns als Mannschaft und mir persönlich gut, dass wir zum ersten Mal gegen die Bayern kein Gegentor bekommen haben. Größere Bedeutung hat aber, wie wir die ganze Saison hinweg als Team verteidigt haben. Einmal kann jede Mannschaft zu null spielen. Aber wenn man das in der Bundesliga 16 mal schafft, zeigt das eine außergewöhnliche Stabilität – nicht nur vom Torwart, sondern der gesamten Mannschaft. Zu wissen, dass ein Tor reicht, um Spiele zu gewinnen, gibt enorm viel Selbstvertrauen und macht uns auch Mut fürs Finale.

16 mal zu null, schien Ihnen das vor der Saison realistisch?
Ich wusste, wenn wir da oben mitspielen wollen, sind mindestens zehn Spiele ohne Gegentreffer nötig – so wie in der ersten Saison. Das zu wiederholen, war vor dieser Saison mein Ziel. Dass wir das so früh erreicht hatten (am 9. Februar, Anm.d.Red.), ist großartig. Danach wollten wir noch so viel wie möglich weitere Zu-Null-Spiele schaffen.

Sie haben 59 Prozent aller Großchancen vereitelt und 78 Prozent aller Schüsse aufs Tor abgewehrt – beides mit Abstand Ligaspitze. Wie haben Sie dieses neue Level erreicht?
Ich denke nicht so viel über die Statistiken nach, dann kann ich mich nicht mehr aufs Spiel konzentrieren. Aber so viele Großchancen pariert zu haben, bedeutet, dass ich der Mannschaft wohl viele Punkte gerettet habe. Das ist mir wichtig: In den Momenten, in denen sich die Spiele entscheiden, voll da zu sein. Typisch dafür war das Heimspiel gegen Hoffenheim, als wir 0:1 zurücklagen, ich in der Schlussphase einen Kopfball von Adam Szalai halte und Willi Orban eine Minute später das 1:1 erzielt.

„Die besten Jahre liegen jetzt vor mir”

Aber wie erklären Sie sich diesen Leistungssprung?
Da kommen viele Sachen zusammen. Erstens ist das schon meine dritte Saison in der Bundesliga. Ich habe mittlerweile 99 Bundesligaspiele gemacht, dazu die internationalen Vergleiche. Gleichzeitig bin ich die Nummer eins in Ungarn. Diese Erfahrung spüre ich. Zweitens fühle ich mich topfit, komme gerade ins beste Torwartalter. Die besten Jahre liegen jetzt vor mir. Und drittens bin ich in Leipzig beim genau richtigen Verein, um mich weiterzuentwickeln. Wir schauen in jedem Bereich, wo es noch Potenzial gibt. Das habe ich richtig gut hingekriegt in den vergangenen Jahren.

Woran arbeiten Sie konkret?
Wir arbeiten viel daran, Entscheidungen zu treffen. Das Wichtigste für einen Torwart ist, Situationen frühzeitig zu erkennen und in der richtigen Position zu sein, um sich selbst die beste Chance zu geben, Bälle zu halten. Das ist meine Stärke, dass ich das Spiel gut lesen und mich auf die Abschlusssituationen vorbereiten kann, ohne aus der Balance zu geraten. Die Bälle kommen sehr scharf, sehr schnell, die Schützen haben große Qualität – auf diese Aktionen muss man sich einstellen. Das ist das moderne Torwartspiel.

Haben Sie das Gefühl, dass der Respekt der gegnerischen Stürmer vor Ihnen gestiegen ist?
Schwer zu sagen, aber ich hatte schon einige gute Spiele gegen die Bayern.

Das Pokalspiel vergangene Saison zum Beispiel, das ins Elfmeterschießen ging …
… oder das Hinspiel in dieser Saison in der Allianz-Arena. Vielleicht ist das im Hinterkopf. Aber ich glaube nicht, dass Robert Lewandowski über die Qualität des Torhüters nachdenkt, weil er schon gegen die besten der Welt gespielt hat. Das spielt wohl eine untergeordnete Rolle. Aber ich freue mich, dass mein Name inzwischen oft fällt, wenn über die besten Torhüter der Bundesliga gesprochen wird. Das war eines meiner Ziele, als ich hierher kam.

Sie sind in dieser Saison im „Kicker” der notenbeste Spieler der Liga überhaupt.
Das ist schön. Aber es ist schon schwer, zwischen Torhütern zu vergleichen, geschweige denn zwischen anderen Positionen. Aber klar, die Statistiken sprechen für mich.

Was macht Spiele gegen Bayern München aus Sicht eines Torhüters besonders? (die Außenverteidiger Lukas Klostermann und Marcel Halstenberg kommen gerade vorbei)
Da braucht man richtig gute Außenverteidiger, die die Flanken verhindern (Gelächter im Raum, Anm.d.Red.). Aber ganz ehrlich: Bayern hat mit Kingsley Coman und Serge Gnabry zwei wirklich schnelle, dribbel- und abschlussstarke Flügelspieler und in Joshua Kimmich und David Alaba zwei richtig gute Außenverteidiger. Sie versuchen oft, die Flügel zu nutzen und doppelt zu besetzen. Da kommen schon viele Bälle in den Sechzehner, und dass sie gute Abschlussqualitäten haben, weiß jeder. Aber es gibt ein paar Dinge, die typisch Bayern München sind. Darauf stellen wir uns ein, die versuchen wir, konsequent zu verteidigen.

Peter Gulacsi: „Keine Mannschaft hat Vorteile”

Welchen Vorteil sehen Sie bei RB Leipzig?
Ich sehe keinen Vorteil bei uns und auch keinen bei Bayern. Keiner spielt zu Hause, keiner hat Vorteile. Klar, für uns spricht, dass es unser erstes Finale ist und wir extra motiviert sind. Für Bayern spricht die Erfahrung und absolute, individuelle Klasse in allen Mannschaftsteilen. Das gleicht sich aus.

Haben Sie eigentlich zu Ihren Vorderleuten im Abwehrverbund ein besonderes Verhältnis?
Das Verständnis ist schon besonders. Es ist ein sehr wichtiger Teil meines Jobs als Torhüter, dass ich den Abwehrspielern auch während des Spiels Informationen und Instruktionen gebe, dass wir die Balance im Spiel halten oder wenn sie mal einen Gegenspieler nicht sehen. Das betrachte ich als eine meiner wichtigsten Aufgaben. Alle Abwehrspieler, nicht nur die erste Reihe, machen das toll, übrigens auch im Training. Es gibt keinen, der mal faul ist. Ich gehe im Training immer an mein Limit und erwarte, dass wir uns jeden Tag maximal fordern, uns daran gewöhnen, dass wir auch im Training die Null halten, sauber spielen, keine blöden Sachen machen.

Wie wichtig war Yvon Mvogo als starke Nummer zwei für Ihre Leistung?
Auf meine Leistung haben in erster Linie nur ich und unser Torwarttrainer (Frederik Gößling, Anm.d.Red.) Einfluss. Wer die Nummer zwei ist, spielt zunächst keine große Rolle für mich. Aber klar, generell haben wir große Qualität im gesamten Torwartteam.

Ein Elfmeterschießen gegen Bayern ist angesichts der Ausgeglichenheit nicht unwahrscheinlich. Bereiten Sie sich darauf speziell vor?
Natürlich. Aber es geht nicht ums Auswendiglernen von Schussbildern, sondern darum, in der Situation des Elfmeters das beste Gefühl entwickeln zu können, wie ein Schütze anläuft, in welche Ecke er schießt. Wir bekommen viele Informationen, aber letztlich muss jeder Torhüter ganz allein auf dem Platz die richtige Entscheidung treffen.

Bekommen Sie einen Zettel mit Informationen?
Das ist unser Geheimnis, das verrate ich nicht.

Schauen Sie zur Vorbereitung Elfmeter-Videos?
Robert Lewandowski zum Beispiel ist einer der besten Elfmeterschützen der Bundesliga mit einer sehr guten Quote.

„Versuchen, Robert Lewandowski aus dem Rhythmus zu bringen”

Und sehr speziellem Anlauf.
Ja. Man muss versuchen, etwas anders zu machen, um ihn aus dem Rhythmus zu bringen. Das haben bisher noch nicht viele Torhüter geschafft.

Sie haben in Ihrer Karriere neun Strafstöße gehalten und 28 ins Tor gelassen. Wie ist Ihr Verhältnis zum Elfmeterschießen?
Kein Torwart hat beim Elfmeterschießen Druck. Jeder Keeper ist Fan des Elfmeterschießens, weil man zum Helden werden kann. Ich wünsche mir zwar, dass wir in 90 Minuten gewinnen. Aber am Ende zählt nur der Titel. Und wenn es nach Elfmeterschießen ist, dann umso besser.

Sie verbinden mit Pokalfinals auch eine negative Erinnerung. In Ihrem letzten Spiel für Salzburg flogen Sie mit Rot vom Platz. Könnte Ihnen so etwas heute noch passieren?
Das war eine Einzelsituation, ich habe einmal eine falsche Entscheidung getroffen. Sowas lässt sich nie ganz ausschließen. Aber das ist vier Jahre her, kein Thema mehr für mich.

Sind Sie vor solch großen Spielen angespannt oder ruhen Sie in sich?
Das wird von den Emotionen her ein anderes Spiel als eine normale Bundesligapartie. Umso wichtiger ist es, ruhig zu bleiben. Ich weiß ja genau: Ich muss alles genauso machen, wie ich es schon die ganze Saison über getan habe.

Wie werden Sie sich auf dieses Spiel vorbereiten, um in Ihre optimale Konzentrationsphase zu kommen?
Wie immer. Das fängt schon am Abend vor dem Spiel an, dann am Spieltag. Das sind Kleinigkeiten in der Kabine, Rituale, Geheimnisse, mentale Tricks. Das bringt mir Ruhe und Sicherheit.

Peter Gulacsi: „Solange ich das Vertrauen habe, gibt es keinen Grund zu wechseln”

Wie sieht Ihr weiterer Karriereplan aus?
Ich will hier weiter die Nummer eins sein, auf höchstem Level spielen – international ebenso dominant sein wie in der Bundesliga – und mich weiter verbessern. Wir haben nächste Saison die Chance, in allen drei Wettbewerben Großartiges zu erreichen.

Ihr Vertrag läuft bis 2022. Wenn Sie die Nummer eins sind, verlängern Sie in der nächsten Saison in Leipzig?
Es macht extrem viel Spaß, in der Bundesliga zu spielen, und es macht mich stolz, hier bei einem Spitzenverein zu sein. Solange mir der Verein das Vertrauen schenkt und ich meine Leistung bringe, gibt es keinen Grund zu wechseln. Es gibt nichts Schöneres, als jede Woche die Chance zu haben, Spiele zu gewinnen. Und sogar Titel, wie an diesem Samstag.