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Von Martin Henkel, Ullrich Kroemer

Nagelsmann exklusiv „Wir werden nur ganz schwer oben ankommen”

Ist Realist und kein Träumer: Julian Nagelsmann

Ist Realist und kein Träumer: Julian Nagelsmann

Julian Nagelsmann geht in seine zweite Saison als Trainer von RB Leipzig. Unter erschwerten Bedingungen. Die Spielzeit ist kurz, er hat mit Timo Werner und Patrik Schick 60 Scorerpunkte verloren, noch keinen Ersatz - und die Erwartungen an Titel in der Kabine und im Umfeld sind nicht kleiner geworden.

Mit Mitteldeutscher Zeitung und RBlive sprach der 33-Jährige über Motorradfahren und Meditation, das Spannungsfeld zwischen fehlendem Training sowie internationalem Geschäft, warum FCB und BVB "unter normalen Bedingungen" nicht zu schnappen sind und wieso Robert Lewandowski kein Training braucht.

„Neue Leute, neue Ideen”

Herr Nagelsmann, Sie haben sich unlängst eine Ducati Multistrada bestellt. Im Werbetext des Herstellers heißt es: „Erweitern Sie Ihre Komfortzone!“ Sie müssen sich gerade besonders wohlfühlen.
Julian Nagelsmann: (lacht) Motorradfahren ist eine Leidenschaft von mir. Schon immer gewesen.

Sind Sie eher Cruiser oder Racer?
Ich bin kein Sportfahrer und auch kein Raser. Motorradfahren hat für mich vorrangig meditativen Charakter.

Sie haben sich neben einem neuen Motorrad auch einen neuen Berater zugelegt. Wieso die Veränderung?
Ich habe elf lange, gute Jahre mit Marc Kosicke verbracht. Aber wie bei manch einer Freundschaft erzählt man sich irgendwann keine neuen Dinge mehr. Letztendlich geht es darum, mich immer weiterzuentwickeln, also neuen Input zu bekommen, neues Feedback, neue Meinungen, um besser zu werden. Neue Leute, neue Ideen – darum ging es mir.

Wenn Sie auf ihr erstes Jahr zurückblicken, vor allem auf das Champions-League-Turnier in Lissabon: Welche Veränderung nehmen Sie an sich und dem Team wahr?
Ich habe mich nicht groß verändert. Natürlich machst du bei einem neuen Klub neue Erfahrungen, lernst andere Menschen kennen, musst sie von deinem Stil überzeugen. Daran reift man. Aber ich habe keine Wandlung als Mensch durchgemacht. Beim Team habe ich vor allem Im Spiel gegen Atlético gesehen, dass sie keine Ehrfurcht vor diesem sehr großen Namen hatte. Fünf Tage später gegen Paris waren wir nicht mehr so mutig.

Gefühlt immer Dritter?

Der Eindruck von außen in den vergangenen Jahren war häufig der: Gegen die ganz großen Klubs fehlt immer etwas. Wie sehen Sie das aus der Binnenperspektive?
Das Gefühl ist schon so. Am Ende geht es um Qualität und Entwicklung. Die Philosophie, die dieser Verein hat, auf der einen Seite auf dem Transfermarkt nur entwicklungsfähige Spieler zu holen und auf der anderen Seite international zu spielen, ist ein herausforderndes Spannungsfeld. Entwicklung ist ein Prozess und braucht Trainingsarbeit. Aber die Pflicht und der Wunsch, international zu spielen, nimmt diese Entwicklungszeit weg. Durch die vielen Spiele haben wir kaum Zeit inhaltlich zu trainieren. Das ist eine Schere, die auseinanderklafft.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Man muss bei jungen Spielern Leistungslöcher einkalkulieren. Es wird Punktverluste geben, du wirst nur schwer ganz oben ankommen können. Robert Lewandowski muss – bei allem Respekt – nicht mehr wirklich etwas trainieren. Der kann alles. Er muss nur so trainieren, dass er am Wochenende frisch ist und Bock hat. Dazu kommt, dass wir auch in das ganz obere Regal der international begehrten jungen Top-Spieler nicht mehr greifen können. An dem Punkt sind uns Dortmund und Bayern voraus. Demnach werden wir diese Teams, wenn es normal läuft, nicht schnappen können.

Also auf ewig Dritter in der Liga, Maximum?
Wir müssten zwei Jahre Training haben und die anderen international spielen, dann würden wir unsere talentierten Spieler maximal entwickeln können und vielleicht herankommen. Aber die Bayern wären dennoch schwer zu schnappen. Trotzdem: Wir sind Borderliner im positiven Sinne, versuchen immer an die Grenzen zu gehen und hoffen, dass die Konkurrenten mal eine schwache Phase haben. Dann müssen wir da sein.

Wirken Sie auf Oliver Mintzlaff und Markus Krösche ein, doch mal einen fertigeren Spieler zu kaufen?
Natürlich führen wir täglich Gespräche und sprechen über unseren Kader und mögliche Neuzugänge. Aber man muss auch ehrlicherweise sagen, dass ich gewusst habe, welche Transferphilosophie der Klub hat, als ich hier unterschrieben habe. Ich war da bei klarem Verstand und identifiziere mich auch mit der Philosophie und der Arbeit mit jungen Spielern.

Das ganze erste Jahr war nicht besser als eine 3+"
Julian Nagelsmann, Trainer von RB Leipzig

Trotzdem wirkten Sie zuletzt nicht hundertprozentig zufrieden mit der Einkaufspolitik ihrer Vorgesetzten.
Ich argumentiere schon mal, was uns ein erfahrener Spieler bringen kann, habe aber kein Problem damit, wenn der Klub sagt, dass ein 28-Jähriger keinen Mehrwert bei einem Weiterverkauf bringt. Ich akzeptiere das, wenn wir alle gemeinsam auch mal Niederlagen akzeptieren. Mir ist allerdings auch bewusst: Wenn wir Fünfter oder Sechser würden, wäre das für alle Beteiligten eine Enttäuschung. Diesen Druck nehme ich auf mich.

Sie haben die Leistung in der Vorsaison nur mit einer 3+ bewertet. Warum so kritisch?
Ich habe nicht der Mannschaft eine 3+ gegeben. Ich habe das ganze erste Jahr bewertet: mit Transfers, dem Zusammenfinden im Klub, Corona, Fußball ohne Fans, der fußballerischen Entwicklung und auch mich betreffend. Alles zusammen betrachtet, war es nicht besser als eine 3+.

Könnten Sie damit leben, dass kein neuer Stürmer bis zum Transferende mehr kommt?
Wenn wir keinen Spieler mehr holen, haben wir trotzdem eine gute Mannschaft. Ich bin sehr zufrieden mit den Spielern und arbeite sehr gern mit ihnen. Aber es ist kein Selbstläufer, unter die ersten Vier zu kommen. Wir haben durch die Abgänge von Timo Werner und Patrick Schick viel Torgefahr verloren. Da liegt es auf der Hand, dass ich als Trainer gerne noch ein bis zwei Spieler für die Offensive hätte, die mir Tore garantieren.

Nagelsmann: „Ein paar Transfers haben nicht eingeschlagen”

Sie wollen unbedingt Alexander Sörloth nach Leipzig holen. Weshalb liegen große, körperliche Mittelstürmer wie der Norweger oder sein Landsmann Erling Haaland derzeit so im Trend?
Das Spiel wird immer schneller und körperlich wuchtiger. Du brauchst gewisse physische Voraussetzungen, damit kann man auch mal gegen talentiertere Gegner ankommen und gut dagegenhalten. Körperliche Präsenz und Wucht ist auf vielen Positionen vonnöten und hilfreich.

Wie erklären Sie sich, dass RB in diesem Sommer maximal 30 Millionen Euro für neue Spieler investieren kann? Das ist im Vergleich zu den Vorjahren eher bescheiden.
Es waren in den letzten zwei, drei Jahren neben vielen guten auch einige teure Transfers dabei, die nicht so eingeschlagen haben. Kein Vorwurf: Der Transfermarkt, auf dem wir uns bewegen, ist immer auch ein Glücksspiel. Aber Marcelo Saracchi, Luan Candido, Hannes Wolf oder Ademola Lookman haben eben einiges gekostet (50 Millionen Euro, Anm.d.Red.) und nicht viel gespielt. Deshalb müssen wir uns bei Neuzugängen in einem gewissen Rahmen bewegen.

Was, wenn es bei Hwang und Poulsen in der Sturmspitze bleibt?
Beide haben in Nürnberg schon getroffen und auch gut harmoniert. Aber es sollten auch noch ein paar andere Spieler mehr treffen als vergangene Saison.

Wen meinen Sie konkret?
Emil Forsberg, Dani Olmo und Amadou Haidara, die noch nicht komplett da waren oder nicht allzu viel gespielt haben, sind grundsätzlich torgefährliche Spieler. Da gibt es schon Potenzialspieler im Kader, die jetzt in die Bresche springen können. Es waren viele Spieler bei mir im Büro, die auch den Anspruch haben zu spielen. Jetzt kriegen sie die Chance.

Nagelsmann und gelbe Zettelchen

Was ist mit Ademola Lookman?
Er ist insgesamt sehr unzufrieden mit seiner Situation. Er muss davon überzeugt sein, dass der Weg hier richtig für ihn ist, auch wenn das erste Jahr nicht so gut lief. Wenn er das nicht ist, wird er auch keine Leistungsexplosion kriegen.

Die Saison ist einen Monat kürzer als normal. Vor welche Herausforderungen stellt Sie das?
Da wir nicht viel trainieren können, braucht es viele spielintelligente Spieler, die die Fähigkeit haben, vom Videobild zu lernen.

Kann man vor diesem Hintergrund überhaupt die nächste Entwicklungsstufe mit dem Team zünden?
Ich weiß gar nicht, ob wir zwingend ein nächstes Level brauchen. Es ist nach den Abgängen von Werner und Schick Ziel genug, das jetzige Niveau zu halten, wieder Dritter zu werden und erneut gut in der Champions League abzuschneiden. Natürlich wollen wir alle hoch und weit, aber da muss alles zusammenpassen.

Das klingt, als bauten Sie einer Saison vor, die vielleicht nicht nach Plan verläuft.
Nein, tue ich nicht. Wir wollen uns immer weiterentwickeln. Aber woran macht man das fest? Natürlich können wir inhaltlich stabiler spielen als nach dem Restart. Wir müssen versuchen, mehr hohe Ballgewinne zu generieren, was nicht einfach ist, weil viele Gegner Langholz gegen uns spielen. Es gibt weitere Themen: im Ballbesitz noch besser zu werden, bessere Rhythmuswechsel. Das hat Potenzial, aber tabellarisch sehe ich einen nächsten Schritt als schwierig an. Wir wollen wieder in die Champions League kommen, das ist ambitioniert genug.

Spieler, die schon länger da sind, wie Lukas Klostermann, Marcel Sabitzer, Yussuf Poulsen, Peter Gulacsi möchten alle, Zitat „endlich mal einen Titel gewinnen“. Müssen sie sich davon verabschieden?
Ich bin kein Mann für defensive Worte, aber ich habe gelernt, ein Realist zu sein und kein Träumer. Natürlich können wir Titel gewinnen. Aber dafür müssen sehr viele Parameter stimmen. Eine so unstete Rückrunde wie die jüngste ist dabei nicht hilfreich. Wer mich kennt, weiß, dass ich sehr ehrgeizig bin, aber vom Labern gewinnt man nix. Wir müssen jetzt alle ins Handeln kommen, dann können wir schauen, ob wir irgendwann mal eine Trophäe nach Leipzig holen.

Sie kleben sich gern Zettelchen an den Badspiegel, um spontane Eingebungen festzuhalten, heißt es. Was steht da gerade an neuen Ideen drauf?
Wir hatten im vergangenen Jahr aufgrund der vielen Spiele nur zwölf Wochen inhaltlichen Trainings und sind lange noch nicht da, wo wir hinkommen können in den neuen Dingen, die ich mit reingebracht habe und auch im Festigen der RB-Philosophie. Auch daran arbeiten wir, dass wir bei Gegenpressing- und Umschaltsituationen wieder auf das Niveau der Hinrunde kommen. Und auch daran, dass wir bei eigenem Ballbesitz viele Torchancen herausspielen. Man muss das Rad nicht immer neu erfinden, sondern es gibt genug zu festigen. Dafür brauche ich aktuell keine Badspiegel-Zettel.

Das Gespräch führten Martin Henkel und Ullrich Kroemer