RB Leipzig

Dayot Upamecano im Saisonporträt: RB Leipzigs Tempo-Büffel mit elastischer Hüfte

Von Ullrich Kroemer 11.04.2020, 08:50
Den Ball eng am Fuß: Upamecanos Ballbehandlung und Dribbelstärke sind phänomenal.
Den Ball eng am Fuß: Upamecanos Ballbehandlung und Dribbelstärke sind phänomenal. imago/Hartmut Bösener

Mindestens sechs Wochen wird die Bundesliga unterbrochen sein. Falls der Ball in dieser Spielzeit überhaupt noch einmal rollen sollte, wird das für die Profis wie ein Saisonneustart. Daher ziehen wir im spielfreien April ein erstes Saisonfazit der Leistungen jedes Akteurs von RB Leipzig. Im Kern stehen natürlich die Leistungen auf dem Platz, doch wir beurteilen auch soft skills wie besondere Qualitäten, Fannähe oder die Präsenz in den sozialen Medien. Wir machen weiter mit Leipzigs Nummer 5: Dayot Upamecano.

Saisonanalyse: Neben Timo Werner ist Dayot Upamecano zu RB Leipzigs meist begehrtem und beachtetem Spieler avanciert. Ein kommender Weltklasseakteur, dem nur noch etwas Erfahrung, Profi-Mentalität und Cleverness fehlen, um auf absolutem Topniveau mithalten zu können. Ein Kicker, um den die Topklubs Europas RB Leipzig beneiden und der im kommenden Jahr wohl in die französische A-Nationalmannschaft berufen wird. Nachdem der FC Barcelona einen etwa 60 Millionen Euro schweren Transfer des französischen U21-Nationalspielers absagte, soll nun laut Mirror Real Madrids Trainer Zinedine Zidane einen Wechsel nach Spanien forcieren. Auch der FC Bayern ist interessiert.

Upamecano ist ein kompletter Innenverteidiger, den es in diesem Paket in der Bundesliga kaum ein zweites Mal gibt. Seine herausragendste Fähigkeit ist seine Schnelligkeit. Selbst wenn er sich mal einen Stellungsfehler erlaubt, was noch gelegentlich vorkommt, läuft „Upa” die Löcher im Vollsprint wieder zu und trennt die Stürmer meist fair vom Ball. Über nur 17 Fouls und fünf gelbe Karten nach mehr als zwei Dritteln der Saison – die meisten davon auch noch „unnötig”, weil unclever eingehandelt –  hätte Jürgen Kohler einst nur müde gelächelt.

Herausragend im Spielaufbau, Verbesserungsbedarf beim Offensivkopfball

Auch wenn der im Winter 2017 aus Salzburg nach Leipzig gewechselte Abwehrhüne bereits seine vierte Saison in der Bundesliga spielt, sind die Gegenspieler immer wieder aufs Neue beeindruckt von Upamecanos Zweikampfstärke und körperlicher Präsenz.

Herausragend in dieser Saison ist Upamecanos Passquote von 90 Prozent. Im Spiel mit dem Ball ist der Abwehrchef zum entscheidenden Protagonisten im Spielaufbau gereift. Fast in jedem Spiel hat der Franzose die meisten Ballkontakte bei RB. Der perfekte Mann für die zentrale Position in der Dreierkette.

Bisweilen fasst er sich selbst ein Herz und dribbelt angesichts seines massiven Körperbaus (90 Kilogramm bei 1,86 Meter) erstaunlich leichtfüßig und elegant durch die gegnerische Hälfte und ist – ausgestattet mit einer beweglichen Gummihüfte – kaum zu stoppen. Immerhin 77 Prozent seiner Dribblings sind erfolgreich.

Zulegen kann er hinsichtlich Konzentration und Stellungsspiel bei der Restfeldverteidigung, wenn der Gegner kontert. Feilen muss er an seiner Offensivkopfballstärke, wo er viel zu wenig aus seinen körperlichen Möglichkeiten macht. In seiner Profikarriere hat er lediglich drei Tore erzielt. Das letzte im Mai 2018.

Dayot Upamecano im Vergleich zu den Durchschnittswerten der Ligakollegen (orange, links) und zu dem vergleichbaren Leverkusener Nationalspieler Jonathan Tah (blau, rechts).
Dayot Upamecano im Vergleich zu den Durchschnittswerten der Ligakollegen (orange, links) und zu dem vergleichbaren Leverkusener Nationalspieler Jonathan Tah (blau, rechts).
sofascore.com (Screenshots)

Moment(e) der Saison: Eines seiner besten Saisonspiele bestritt Leipzigs Ein-Mann-Bollwerk beim 0:0 gegen Bayern München, als er Robert Lewandowski komplett im Griff hatte. Beim 3:0 gegen Tottenham hätte er seine herausragende Leistung kurz vor Schluss mit einem Tor krönen können, wurde aber rüde von Japhet Tanganga abgeräumt. Nicht nur da bewies der 21-Jährige auch herausragende Nehmerqualitäten.

„Dass er eine Maschine ist, wussten wir schon vorher!“

Julian Nagelsmann nach dessen Saisondebüt über Dayot Upamecano

Einschätzung des Trainers: Bei Upamecanos verspätetem Saisondebüt nach muskulären Beschwerden und Knieproblemen bei Werder Bremen (3:0) sagte Trainer Julian Nagelsmann: „Dass er eine Maschine ist, wussten wir schon vorher!“ Sonst sind seltsamerweise gar nicht so viele Lobeshymnen des Trainers auf seinen besten Abwehrmann überliefert, weil der eben fast immer – mit nur ganz wenigen Aussetzern und schwächeren Spielen – abliefert.

Auftreten: Dayot Upamecano schätzt Interviews so sehr wie Dauerläufe – nicht besonders. In den Gesprächen tritt er auch nach Jahren in Leipzig schüchtern auf. Deutsch versteht er mittlerweile gut, traut sich aber kaum, selbst zu sprechen, sondern lässt lieber von Vertrauensmann Babacar N'diaye übersetzen. Doch auch Upamecano hat gelernt. Dass er sich nach geschwänzten Fitnesseinheiten in der Sommerpause zu Saisonbeginn 2018 von Ralf Rangnick anhören musste, dass selbst der Busfahrer weniger Körperfett habe als er, ließ er nicht auf sich sitzen. „Das war nicht ganz grundlos”, räumte er ein und zeigte sich im MZ-Interview in dieser Saison geläutert: „Man macht Fehler und wiederholt sie nicht, wenn man aufmerksam ist.”

Upamecano kann mündiger auftreten

Was seine eigene Karriereplanung angeht, ist Upamecano noch zu unmündig. Statt selbst zu entscheiden, überlässt er zu viel seinem Berater und seiner Familie. „Wenn meine Berater, meine Familie und ich der Meinung sind, dass ich bleiben sollte, dann bleibe ich. Und wenn sie nach einem Gespräch mit RB, wenn es das geben würde, meinen, ich sollte zu einem bestimmten Zeitpunkt wechseln, dann würde ich mich auch damit beschäftigen”, sagte er. Da kann er aufgrund seines Status', den er sich mittlerweile erspielt hat, ruhig selbstverantwortlicher und selbstbewusster auftreten. 

Kompletter Spieler – bis auf den Offensivkopfball.
Kompletter Spieler – bis auf den Offensivkopfball.
imago/Hartmut Bösener

Social-Media-Faktor: Upamecano gibt sich zurückhaltend in den sozialen Medien. Spiel- und Jubelszenen stehen im Vordergrund garniert mit ein paar Urlaubsfotos. Er ist inzwischen clever genug, nur das zu posten, was von ihm erwartet wird. Als er mit Amadou Haidara im Winterurlaub in Dubai war, postete Kollege „Doudou” ein Bling-Bling-Foto mit goldenem Steak. Upamecano ließ das besser bleiben und zeigte sich stattdessen mit seinem geliebten Großvater inmitten seiner Cousins und Cousinen in der Heimat seiner Mutter, Guinea-Bissau. „Es sind für mich wichtige Reisen zu meiner Familie. Sie stehen mir zur Seite, geben mir wertvolle Ratschläge und viel Kraft und Mut, um weiter meinen Weg zu gehen”, erklärte Dayot Upamecano. (RBlive/ukr)