RB Leipzig

„Die Jungs brauchen keinen Trainer”: Warum RB Leipzig ohne „Küchen”-Coach Marsch überzeugte

Von Ullrich Kroemer 28.11.2021, 14:39
„Mein Leadership-Stil ist, dass der Trainer nicht so wichtig ist“: Jesse Marsch.
„Mein Leadership-Stil ist, dass der Trainer nicht so wichtig ist“: Jesse Marsch. imago images/ULMER Pressebildagentur

Achim Beierlorzer wird höchstwahrscheinlich an diesem Sonntag gegen Bayer Leverkusen (17.30 Uhr) noch einmal als Aushilfs-Cheftrainer den an Corona erkrankten Jesse Marsch vertreten. Doch die Vorbereitung auf dieses Spiel, das demonstrierten Marsch und der Klub am Samstag mit einer Pressekonferenz per Videoschalte aus Marschs Wohnung, ist wieder Chefsache. Nach Glieder- und Gelenkschmerzen geht es dem US-Amerikaner wieder besser, sodass er es sich nehmen ließ, über das für RB so wichtige Sechs-Punkte-Spiel zu sprechen und auch Einfluss auf die Interpretation des 5:0 in Brügge am Mittwoch in seiner Abwesenheit zu nehmen.

Warum die Mannschaft gerade dann so aufdrehte und Marsch-Fußball zeigte, als er krankheitsbedingt nicht anwesend sein konnte, wurde er gefragt. Und der Trainer versuchte, das mit einem Gleichnis aus seiner Zeit als Coach der New York Red Bulls in den USA zu illustrieren. 2015 – Marsch war gerade Cheftrainer geworden – hatte er wegen einer Roten Karte nicht auf der Bank sitzen können. Das Team drehte auch ohne ihn auf und gewann 4:1 gegen New England – mit drei Toren in den ersten zwölf Minuten. Das war damals neuer Rekord in der Major League Soccer. „Aus diesem verzweifelten Gefühl heraus müssen wir das Beste von jedem kriegen. Die Herausforderung war, ob wir besser mit Schwierigkeiten umgehen können”, so der 48-Jährige.

Marsch über Situation bei RB Leipzig: Team hat „nicht gegen oder für mich gespielt”

Marsch erklärte: „Mein Leadership-Stil ist immer der, dass der Trainer nicht so wichtig ist. In Deutschland ist das schwer zu verstehen, wo Hierarchie so einen großen Stellenwert hat. Aber für mich ist das Wichtigste, dass eine echte Mannschaft alles füreinander tut.” Und Marsch führte weiter aus: „Die Jungs können auf dem Platz alles selbst regeln, sie brauchen keinen Trainer. Das ist das Ziel. In Deutschland denken wir, dass der Trainer alles machen muss, die Taktik, allen sagen, was genau ihre Aufgaben sind. Natürlich gibt es einen taktischen Plan und Prinzipien. Aber nichts ist besser, als wenn die Spieler auf dem Platz alles füreinander tun.”

Das Team habe während Marschs Absenz als „nicht gegen oder für mich” gespielt, „es war für die Mannschaft. Wir hatten eine echte Mannschaft auf dem Platz. Noch sind wir damit nicht fertig, die Schwierigkeiten gehen weiter. Aber wir brauchen genau diese Einstellung, diese Kontrolle innerhalb unserer Mannschaft gegen Leverkusen und die weiteren Spiele.” Wichtig sei, dass die Mannschaft auf dem Platz Verantwortung übernehme, Klarheit und alles im Griff habe, „nicht ich in meiner Küche”, sagte Marsch lachend.

Lässt Marsch dem Team zu viele Freiheiten oder erzeugt er Siegermentalität?

Dass Marsch den Spieler viele Freiheiten lässt, gehört zum Umstellungsprozess bei RB Leipzig mit diversen Anpassungsproblemen hinzu. Unter Julian Nagelsmann hatten die Spieler ebenso wie unter Ralf Rangnick viele Prinzipien zu beachten und einem strengen taktischen Konzept zu folgen. Marsch gestaltet Matchplan und Handlungsspielraum viel freier. In einem Interview mit der Sport-Bild hatte er gesagt, dass die Spieler „die Situationen selbst lesen, kon­trollieren und organisieren sollen. Ich will, dass sie unsere Idee so verstehen, dass sie sich gegenseitig korrigieren, helfen und dass dieser Impuls aus der Gruppe kommt.” Konkret: „Wenn ein Spieler auf dem Feld zu mir schaut und fragt, was er machen soll, sage ich immer: Spiele nicht für mich oder das, was ich sage. Spiele für die Mannschaft.”

Ob Marsch damit zu wenig Einfluss nimmt oder die Mannschaft am Ende des Prozesses wie gewünscht zu mehr Selbstständigkeit und Siegermentalität führt, müssen die nächsten Spiele zeigen. Möglich ist, dass die Mannschaft ohne die zentrale Figur zu mehr Selbstständigkeit gezwungen war und dies ohne Marsch besser umsetzen konnte. Nicht ausgeschlossen also, dass die zwei Spiele ohne den Trainer beim Bestreben nach mehr Selbstständigkeit also sogar förderlich sind. RB Leipzig hat intern das Ziel ausgegeben, bis zur Winterpause 30 Punkte zu holen. Dazu werden vier Siege aus den verbleibenden fünf Spielen benötigt. (RBlive/ukr)