RB Leipzig

Kommentar zum Nagelsmann-Transfer: Hoch gepokert und geliefert

22.06.2018, 14:55
Künftig keine Kontrahenten mehr, sondern Kollegen: Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann zum Bundesligastart 2016
Künftig keine Kontrahenten mehr, sondern Kollegen: Ralf Rangnick und Julian Nagelsmann zum Bundesligastart 2016 imago/Thomas Frey

Diverse Topklubs wollten ihn, RB Leipzig hat ihn bekommen. Die Verpflichtung von Julian Nagelsmann ist ebenso ein Signal an die Topklubs der Liga und in Europa wie für potenzielle Spieler, dass mit RB zu rechnen sein wird. Ein Kommentar von Ullrich Kroemer.

Ralf Rangnick und Oliver Mintzlaff haben hoch gepokert, als sie Ralph Hasenhüttl kurz nach Saisonende ziehen ließen und damit viel Unmut und Unverständnis auf sich zogen. Doch lässt man die Emotionen rund um den Hasenhüttl-Abgang beiseite, ist das riskante Spiel mit der gestrigen Bekanntgabe der Verpflichtung von Julian Nagelsmann für 2019 voll aufgegangen. RB Leipzig hat Wort gehalten und geliefert.

Nagelsmann einer der größten Transfers-Coups für Ralf Rangnick

Der 30-Jährige ist zweifelsohne der begehrteste Trainer der Bundesliga; auch weltweit ist er hinter Jürgen Klopp, Jogi Löw und Thomas Tuchel der derzeit meist umworbene deutsche Fußballlehrer auf dem Markt. Zu Recht: Mit einem Punkteschnitt von 1,71 Zählern pro Partie belegt Nagelsmann Rang 14 unter allen Trainern der Bundesliga-Historie überhaupt.

Sein Team erspielte sich in der vergangenen Saison die zweitmeisten Schüsse auf das gegnerische Tor nach dem FC Bayern. Und das mit einem Klub wie der TSG Hoffenheim, den er im Alter von 28 Jahren als jüngster Chefcoach überhaupt übernahm. Wichtig für RB: Außer Nagelsmann gelang es keinem anderen Trainer, die Leipziger in der abgelaufenen Saison zweimal zu schlagen.

Dass Rangnick diesen Ausnahmetrainer tatsächlich überzeugen konnte – anders als etwa 2015 Thomas Tuchel –, gehört zu den größten seiner an Transfer-Coups reichen Vita überhaupt. So ist diese Trainerverpflichtung gleichermaßen ein Signal an die Topklubs der Liga und sogar in Europa sowie potenzielle Spieler, dass in den kommenden Jahren mit RB zu rechnen sein wird.

Mit dem Warten auf Nagelsmann bringt RB Leipzig ein großes Opfer

Dass sich einer wie Nagelsmann, an dem Bayern, Dortmund, zuletzt Real Madrid Interesse hatten, für RB Leipzig entscheiden würde, schien bis zuletzt eher unwahrscheinlich. Doch größere Klubs wollten ihn unbedingt zu Beginn dieser Saison. Das war wegen des Vetos von TSG-Mäzen Dietmar Hopp nicht möglich. Dass die Leipziger nun ein Jahr auf Nagelsmann warten und damit einen Leistungsknick riskieren, ist ein großes Opfer und zeigt, wie bedingungslos RB auf Nagelsmann zählt.

Ein Übergangsjahr kann sich der Klub eigentlich nicht leisten, da das Auswirkungen auf die Motivation der Stars hätte, in Leipzig zu bleiben und so die ehrgeizigen Ziele mit erneuter Champions-League-Teilnahme gefährden würde. Also braucht es eine akzeptierte Lösung, die eigentlich nur Ralf Rangnick heißen kann. Dass der fast 60-Jährige die Aufgabe stemmen kann, hat er zwar im Aufstiegsjahr gezeigt. Doch der Kampf um die Bundesligaspitze und gleichzeitige Aufgaben im Management sind noch einmal eine andere Nummer als in der 2. Liga.

Herausforderung für Rangnick und Nagelsmann: Balance zwischen Pressing- und Ballbesitzspiel

Doch zurück ins Jahr 2019: Auch für Nagelsmann macht der Wechsel nach Leipzig Sinn, weil der Klub ihm perspektivisch Champions League, größeres finanzielles Potenzial und ein attraktiveres Umfeld bieten kann als Hoffenheim. Ein wohl bedachter, kluger nächster Schritt, der nicht zu groß für ihn ist. Der gebürtige Landsberger ist jung genug, um seine Karriere gemeinsam mit Klopp-Berater Marc Kosicke detailliert planen zu können, um in ein paar Jahren für die weltbesten Klubs gewappnet zu sein.

Zudem weiß Nagelsmann, worauf er sich in Leipzig einlässt. Der Trainer-Jungstar hat einen engen Draht zu Hasenhüttl; beide werden sich ausgetauscht haben, bevor er die Nachfolge seine 20 Jahre älteren Kollegen antrat. Er hat zu Beginn seiner Zeit in Hoffenheim bereits einige Monate als Nachwuchstrainer unter Rangnick gearbeitet. Beide eint der bedingungslose Ehrgeiz, Selbstbewusstsein im Überfluss und ihre gemeinsame Vorstellung von Fußball.

Doch auch Nagelsmann entwickelt zuletzt in Hoffenheim ähnlich wie Hasenhüttl bei RB eigene Ideen von der Balance zwischen Ballbesitz- und Gegenpressing-Spiel. Am vorletzten Spieltag etwa hatte Hoffenheim 60 Prozent Ballbesitz in Stutgart – und verlor 0:2. Insofern wird es spannend sein zu beobachten, inwieweit Rangnick und Nagelsmann ihr Spiel gemeinsam weiterentwickeln. Das war offenbar zwischen Hasenhüttl und Rangnick nicht mehr möglich gewesen.