Kommentar

"Die ganzen Talente im Pokal versenkt"

Das 0:4 gegen die Eintracht wirkte wie ein Offenbarungseid: Woran liegt es, dass der gemeinhin als top besetzt geltende Kader von RB Leipzig samt seinem Trainerteam um Domenico Tedesco einen solchen Fehlstart hingelegt hat? Eine kommentierende Spurensuche.

Von Martin Henkel 04.09.2022, 12:31
RBlive-Reporter Martin Henkel
RBlive-Reporter Martin Henkel (RBlive)

Emil Forsberg, da ist er einer der wenigen bei RB Leipzig, steht immer parat, wenn es Antworten braucht. So wie am gestrigen Samstag in Frankfurt nach dem 0:4 gegen die Eintracht. „Wir sind eine Mannschaft“, appellierte der Schwede an den Zusammenhalt des Teams im Angesicht eines eklatanten Fehlstarts des Vorsaison-Vierten und Pokalsiegers in die neue Saison mit fünf Punkten aus fünf Spielen – und fügte hinzu: „Wir müssen verstehen, was wir machen müssen auf dem Platz.“

RB unter Tedesco: drei Systeme in einem Spiel

Nun kann es beim Routinier immer mal sein, dass ihm ein paar Worte in der ihm ja fremden deutschen Sprache verrutschen. Doch die Aufforderung, zu verstehen, was jedermann zu tun habe, dürfte unmissverständlich gewesen sein. Ein deutlicher Hinweis auf einen der Gründe für die anhaltenden Probleme im Team.

Drei Systeme hatte Trainer Domenico Tedesco seiner Elf gegen die schnörkellos agierende SGE während des Spiels verordnet: Fünferkette, Viererkette, Raute, schließlich ein 4-1-3-1. Herauskam ein vogelwilder Vortrag der Rasenballsportler, die mal für einen klaren Spielansatz standen. „Wenn keines der Systeme funktioniert“, zog Tedesco seinen Schluss daraus, „dann liegt es an der Mentalität und an den Basics.“

So kann man das sehen: RB lief gegen Frankfurt 105 Kilometer, acht weniger als der Gegner und weit weniger als in den Spielen zuvor (im Schnitt 117 km). Das hat etwas mit Engagement zu tun. Dann stellt sich aber die Frage: Warum die Spieler nicht wollen?

Leipzigs Probleme: Es fängt bei den Einkäufen an

Die Antworten dürften sich in einem ganzen See wiederfinden, dessen Ufer begrenzt werden durch das Fehlen eines klaren Spielansatzes, der Fitness mancher Spieler, der Zusammensetzung des Kaders und dem Mentalzustand der Profis.

Das fängt dabei an, dass die Transferperiode alles andere als optimal verlief. In der Offensive platzt die Truppe aus allen Nähten: Spieler wie der im Vorjahr gesetzte Andre Silva, der ambitionierte Dominik Szoboszlai oder eben Forsberg sitzen auf der Bank, weil Tedesco u.a. Ex-RBler Timo Werner hingestellt wurde, und mehr als drei Offensive von ihm selten aufgestellt werden. Werner war unglücklich in London, also machte es sich Vereins-Boss Oliver Mintzlaff zur Chefsache, den verlorenen Sohn heimzuholen.

Offenbar aber ohne die Variante in den Vordergrund zu rücken, dass Werner vielleicht gar nicht mehr zu RB passt. Man hat es zuletzt beobachten können: Nachdem Tedesco bis zum 1:2 gegen Union Berlin auf Ballbesitz a la Pep Guardiola setzte, was weitgehend funktionierte, wenn auch ohne die entsprechenden Ergebnisse, baute er für Werner zuletzt um. Jetzt lief es zwei Partien lang wieder auf wildes Pressing und schnelles Umschalten hinaus. Das ist wie ein Deja-vu, in die gleiche Falle tappte auch Vorgänger Jesse Marsch. Der verlor dadurch die Gefolgschaft des Kaders, weil der nämlich gar nicht mehr so viel ackern, sondern „zocken“ will, wie es Forsberg gern ausdrückt.

Zukauf Diallo: Wieso kein Debüt gegen Frankfurt?

Die Probleme setzen sich fort in der Defensive. Neuzugang David Raum ist momentan eine Fehlbesetzung auf dem linken Flügel – und um Längen schlechter als sein Vorgänger Angeliño, den man wegen des Kaufs des deutschen Nationalspielers zur TSG nach Hoffenheim verliehen hat. Der junge Mann bräuchte dringend eine Pause, so überfordert wirkt er mit seinem Job. Wieso PSG-Zugang Abdou Diallo gestern nicht spätestens nach dem 0:3 zu seinem Debüt kam, bleibt Tedescos Geheimnis. Der Senegalese ist Spiele auf Topniveau gewohnt.

Neben Raum agiert Kevin Kampl momentan, als hätte er alle Talente nach dem Pokalsieg mitsamt der infamen Dose Red Bull in der Trophäe versenkt, oder beim Feiern auf Ibiza verloren. Konrad Laimer wiederum hatte mehrere Wochen mit einem Angebot des FC Bayern zu kämpfen, welches er gern angenommen hätte. Jetzt ist er immer noch bei RB, aber nur die Schattenversion von sich.

Stattdessen schmort Zugang Xaver Schlager auf der Bank und dürfte sich seit Wochen fragen, was zur Hölle er eigentlich in Leipzig macht. Gegen die knallharte SGE wären seine vor allem physischen Talente gefragt gewesen: Aber Physis scheint beim Trainer kein zentraler Aspekt seiner Überlegungen zu sein.

Leipziger Krise: toxischer Mix am Cottaweg

Selten wirkte ein RB-Kader derart schmalbrüstig. Selbst Recken wie Willi Orban oder Josko Gvardiol scheinen physisch eher abgebaut, denn zugelegt zu haben. Sie werden reihenweise von Gegnern weggecheckt, wo sie vergangene Saison in der Rückrunde noch stehengeblieben wären. Das gilt auch für Nationalspieler Benjamin Henrichs, der aktuell Spiele mit unfassbar vielen Fehlpässen und wirren Läufen abliefert.

So hat sich am Cottaweg ein toxischer Mix ergeben. Aus einer seltsamen Transferpolitik, bei der die klare Hand eines immer noch absenten Sportdirektors fehlt. Aus frustrierten Spielern wie etwa Szoboszlai, der sich eigentlich hatte verleihen lassen wollen, um mehr Stammspielerminuten zu bekommen. Stattdessen ist er wieder Springer und Schachfigur.

Hinzukommt eine nicht klare Spielidee, sukzessive zu viele davon, was nicht nur Tedesco allein anzurechnen ist. Ein Zukauf wie der des schnellen Umschaltspielers Werner zwingt ihn nunmal zur Abkehr von zu viel Ballbesitz. Jetzt soll der Kader eben alles können: Kontrolle und Ballräuberei.

Wie lange hat Tedesco Zeit?

Dass der Kader zusätzlich so unfit wirkt, geht freilich auf die Kappe des Trainerteams. Auch, dass es die vielen Topspieler-Egos in der Kabine, vor allem die frustrierten, nicht gemanaged bekommt, was Hand in Hand geht mit den Einkäufen und Abgängen, die vor allem wohl in Mintzlaffs Stübchen ausgeheckt wurden.

Wie immer kurz vor einer Korrektur auf dem Trainerposten verschärft nun ein sich in die Teamstrukturen einfressender Abwärtstrend die Gesamtlage. Man darf davon ausgehen, dass Tedesco noch vier Spiele Zeit hat, um seinen Job zu behalten. Dann ist Länderspielpause, die gern für Neuanstellungen genutzt wird. Vier Spiele, die es in sich haben: Es sind die gegen Shachtar Donezk, gegen Borussia Dortmund, bei Real Madrid und in Gladbach.