kommentierende Analyse Vom ewigen Lernen: RB sucht einfache Antworten auf komplexe Fragen
Drei Auswärtspleiten, fehlendes Gegenpressing und immer neue Umbrüche: RB Leipzig sucht noch nach der Identität, die der Trainerwechsel eigentlich zurückbringen sollte.

Leverkusen/Leipzig/ – Carles Martinez hatte eine einfache Erklärung zur Hand Sonntagmachmittag nach dem 2:0 von Bayer Leverkusen gegen RB Leipzig. „Wir haben das Spiel verstanden“, sagte der spanische Trainer des Werksklubs. „Wir wussten, dass wir nicht die ganze Zeit über perfekt sein werden. Und wenn du nicht perfekt bist, musst du fighten. Das haben wir gemacht."
Nach dem 0:1 kaum Gegenwehr
Auf der Gegenseite bestätigte sein RB-Kollege mehr oder weniger den Erklärungsansatz für die nächste Auswärtsniederlage seines Teams - der dritten nach dem 1:3 in Bremen und dem 1:4 in der Champions League bei Como 1907: „Fußball ist ein Sport, in dem Kleinigkeiten den Ausschlag geben. Wir hätten genauso mutig über 90 Minuten spielen sollen, wie wir es vor dem 0:1 getan haben.“
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Nach dem 0:1 (44.) aber: kaum Gegenwehr, kein erkennbarer Plan B, keine Torchancen, das Spiel zu drehen. Stattdessen das 0:2 in der 57. Minute, das den Knockout für Rasenballsport bedeutete. „Ich finde, wir haben bis zum ersten Gegentor ein gutes Spiel gemacht“, meinte später RB-Kapitän David Raum. „Was uns zurzeit ein bisschen fehlt, ist eine Drecksacksein-Mentalität. Aber wir sind ein junges Team. Wir müssen noch lernen.“
RB Leipzigs roter Faden
Seit der Klub aus Leipzig 2016 in die Bundesliga aufgestiegen ist, ist man am Lernen. Die Erklärung vom jungen Team, das noch reif werden müsse, zieht sich wie ein roter Faden durch die knapp elfjährige Bundesliga-Geschichte des Klubs.
Anders aber als in den Anfangsjahren, in denen eine Achse immer routinierter werdender Spieler den jeweiligen Mannschaften und ihren Trainer einigermaßen Halt gab, ist dieser seit drei Jahren weitgehend verlorengegangen. Auch in diesem Sommer hat es wie in den zwei Jahren davor einen größeren Umbruch gegeben. Inklusive eines am Cottaweg umstrittenen Trainerwechsels von Ole Werner zur Martin Demichelis, der dem Klub in diesen Wochen auf die Füße zu fallen scheint.
Wieviel Zeit bekommt Demichelis noch?
Auf Betreiben von Bundestrainer Jürgen Klopp, bis vor wenigen Wochen Fußballchef bei Red Bull, wurde nach Rang drei in der Vorsaison der Trainer getauscht. Mit der Begründung: Werner, ein Pragmatiker, sei zu widerspenstig, Klopps Vorgabe vom altneuen Red-Bull-Vollgasfußball („Intensity is our Identity“) umstandslos umzusetzen. Zudem entwickele er zu wenige Spieler und sei zudem zu sehr auf Individualisten wie Yan Diomande angewiesen, der im Sommer zu Real Madrid gewechselt ist.
Die Folgen waren einmal mehr in Leverkusen zu sehen. Nach vorn besitzt das Team jede Menge individuelle Qualität, um gegen Klubs aus dem Tabellenkeller wie den HSV (5:0) oder Gladbach (3:0) zu gewinnen. Gegen mitspielende Teams, die vor allem mehr Energie auf den Platz bringen, reicht es momentan nicht.
Das liegt auch an den vielen Verletzten, die sich reihenweise vom Team verabschieden. Vergangene Woche Toptalent Assan Ouedraogo (Schulter) und Neuzugang Marc Guiu (Muskel). Im Spiel gegen Bayer erwischte es Neu-Nationalspieler Brajan Gruda, der sich am Becken verletzte. Demichelis meinte zwar, es sei wohl „nichts Ernstes“, ein Einsatz für Klopp in der zweiten Hälfte der „DFB-Maßnahme“ ist aber offen.
Baku ist verblüfft
Mehr noch aber funktioniert die propagierte Wiedererkennungs-Technik nicht: das Gegenpressing. Vor dem 0:1 spielte Ezechiel Banzuzi einen Fehlpass auf Rückkehrer Christopher Nkunku. Der Franzose reagierte nicht und schaute seinem Gegenspieler reaktionslos hinterher. Zwei Stationen später hatte Ex-RB-Stürmer Patrick Schick das 1:0 erzielt.
Vor dem 2:0 ließ Abwehrchef Willi Orban absichtlich eine ungeblockte Hereingabe durch seine Beine rollen. Hinter ihm Ridle Baku schien verblüfft, hatte aber genügend Zeit, den Ball weit aus der Gefahrenzone zu klären. Stattdessen legte der Nationalspieler mit einem Kurzpass Bayers Miguel auf und lenkte dessen Schuss auch noch unhaltbar ab.
Kommt es zum nächsten Umbruch?
In dieser Gemengelage versucht Bundesliga-Novize Demichelis in den kommenden drei Wochen, in der ihm aufgrund der Fifa-Unterbrechung nur elf Spieler aus seinem Kader zur Verfügung stehen, weiter an den „Kleinigkeiten“ zu arbeiten. Noch lässt man ihn machen, die kommenden Spiele aber könnten über seine Zukunft am Cottaweg entscheiden. Es warten danach die Partien gegen Frankfurt (zu Hause), Eindhoven (zu Hause), den FC Bayern und Real Madrid (beide auswärts). Vielleicht steht Rasenballsport ja bald der nächste Umbruch ins Haus.