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Von Ullrich Kroemer

Daniel Frahn im Interview „RB Leipzig erwähnt mich mit keiner Silbe mehr”

Pokalheld in der ersten Runde: Daniel Frahn gegen Fürths Stürmer Branimir Hrgota.

Pokalheld in der ersten Runde: Daniel Frahn gegen Fürths Stürmer Branimir Hrgota.

Daniel Frahn ist bei RB Leipzig eine Legende, und doch tun sich der Klub und viele Fans heute schwer mit der einstigen Galionsfigur. Von 2010 bis 2015 führte der gebürtige Potsdamer die Leipziger mit 93 Toren zu zwei Aufstiegen und ist hinter Timo Werner noch immer der zweitbeste Torjäger bei RB. Doch seit er sich bei seinem Ex-Klub Chemnitzer FC mit mutmaßlich rechtsextremen Fans umgab, sich von ihnen vereinnahmen ließ und suspendiert wurde, ist Frahn belastet.

Dass er bei seinem Heimatklub SV Babelsberg 03, der politisch eher links steht, eine zweite Chance bekam und sein Verhalten heute bereut, spricht für ihn und den Verein. An diesem Dienstag (18.30 Uhr) trifft Frahn nun in der zweiten Runde des DFB-Pokals auf seinen Ex-Klub RB. Im Interview mit MZ-/RBlive-Autor Ullrich Kroemer gibt sich Frahn geläutert. Der 34-Jährige spricht über dieses besondere Duell und seine Pokalhistorie, die größten Fehler seines Lebens und seine Pläne nach der aktiven Karriere.

Daniel, haben Sie vergangene Woche das Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und RB Leipzig geschaut?
Daniel Frahn: Natürlich, einen solchen Leckerbissen lasse ich mir nicht entgehen.

Haben Sie sich von Lionel Messi inspirieren lassen? Am Freitag gegen Lok Leipzig haben Sie fast identisch mit einem Panenka-Elfmeter getroffen.
(lacht) Ich hatte diesen Lupfer in die Mitte ja vorher schon zwei, drei Mal gebracht. Aber in der Tat: Nach dem Paris-Spiel und Messis Elfmeter habe ich mir vorgenommen, das in einem der nächsten drei Spiele auch mal wieder zu machen. Dass es jetzt gleich am Freitag so weit war, ist umso schöner.

Pokalspiel beim SV Babelsberg: „Für RB Leipzig wird das ein Kulturschock”

Eine Woche nach dem Gastspiel gegen Messi, Mbappé & Co. kommt RB ins „Karli” nach Babelsberg. Was bedeutet Ihnen dieses Spiel gegen den Ex-Klub?
Für RB wird das ein Kulturschock, und für uns ist es eine Riesensache. Ich verspüre absolute Vorfreude. Für mich schließt sich mit diesem Spiel ein Kreis. Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit 34 Jahren mit Babelsberg noch einmal die Möglichkeit bekomme, so ein Spiel gegen meinen Ex-Verein erleben zu dürfen. Und für die Jungen bei uns ist es eine coole Sache, gegen einen Champions-League-Teilnehmer und große Spieler anzutreten, die sie sonst nur aus dem Fernsehen und von der Play Station kennen.

Wie ist denn die Stimmungslage gegenüber RB in Babelsberg?
In der Mannschaft ist die Vorfreude groß. Ich habe keinen gehört, der über Kritik und Kommerz gesprochen hat. Viele Fans hingegen hätten sich natürlich einen anderen Gegner gewünscht, nicht unbedingt RB. Da sind die Sympathien nicht übermäßig groß.

Wie ist Ihr Kontakt zum Ex-Klub?
Von den Spielern kenne ich nur noch Yussi Poulsen, Emil Forsberg und Lukas Klostermann und aus dem Staff nur Doc Striegler. Alle anderen wurden inzwischen ausgetauscht. Mit Yussi hatte ich rund um die Auslosung per WhatsApp Kontakt. Er freut sich auch auf das Wiedersehen.

Welche Erinnerungen an die Leipziger Jahre kommen bei Ihnen durch die Partie wieder hoch?
Zum Beispiel der Pokalsieg gegen Wolfsburg mit meinen drei Toren ist immer im Kopf und im Herzen drin. Darauf werde ich auch immer wieder angesprochen. Von den Emotionen her war der Aufstieg von der Regionalliga in die 3. Liga in Lotte das ganz große Highlight.

Daniel Frahn: „Ein Tor gegen RB Leipzig wäre überragend”

An diesem Dienstag treten Sie wie vor zehn Jahren gegen Wolfsburg wieder mit einem Regional- gegen einen Bundesligisten an. Hat der Hattrick gegen die „Wölfe” damals eine Bedeutung für das Duell gegen RB?
Man trägt den Gedanken in sich, dass man immer eine Chance hat, auch wenn sie noch so gering ist. Wer hätte denn damals gedacht, dass wir gegen Wolfsburg gewinnen? Natürlich waren die Voraussetzungen andere, wir hatten damals mit Pekka Lagerblom und Timo Rost Bundesliga-Erfahrung im Team. Das kann man mit Babelsberg nicht vergleichen, hier sind kaum Mitspieler dabei, die die 3. Liga kennen. Eine Überraschung mit Babelsberg heute wäre also eine weitaus größere Sensation als die, die wir damals mit RB gegen Wolfsburg geschafft haben.

Sie haben immerhin den Bundesliga-Aufsteiger Fürth in der ersten Runde geschlagen. Was haben Sie aus diesem Spiel mitgenommen?
An diesem Tag hat man gesehen, was möglich ist. Im Pokal passieren einfach verrückte Sachen. Dieser Sieg hat in Babelsberg eine Euphorie entfacht, die uns durch die Saison trägt. Das hat uns sehr geholfen.

Was haben Sie sich persönlich vorgenommen?
Meine Motivation ist dieselbe, als müssten wir gegen Rathenow ran. Ich will dieses Spiel gewinnen, auch wenn es unfassbar schwer wird. Ein Tor wäre überragend, aber wenn ein anderer trifft und etwas Großartiges passiert, unterschreibe ich das auch.

Wurmt es Sie eigentlich, dass Sie sich in der 2. Liga nie richtig durchsetzen und zeigen konnten, dass Sie auch dauerhaft höherklassig treffen können?
Es ärgert mich vielleicht ein wenig, aber ich habe mir den Weg ja selbst ausgesucht. Mir hat es nach der Trennung von RB in Heidenheim einfach keinen Spaß gemacht. Ich wollte wieder Fußball spielen und habe ja bewusst den Schritt nach Chemnitz gemacht. Ich trauere dem nicht nach. Klar, hätte ich in jungen Jahren individuell etwas mehr an mir arbeiten können, um vielleicht länger 2. Liga oder mit ein bisschen Glück sogar Bundesliga zu spielen. Aber generell bin ich mit dem, was ich aus meinen Möglichkeiten gemacht habe, zufrieden.

Ich hoffe, dass ein paar Flanken durchkommen und ich dann Willi Orban oder einen von den anderen Jungs da hinten überspringe.
Daniel Frahn

Mit dem Abschied aus Leipzig damals haben Sie Ihren Frieden gemacht?
Ja. Ich war damals sauer und traurig, weil ich es nicht verstanden hatte und nicht verstehen wollte. Aber mit Abstand und etwas Reflektion war das für mich nachvollziehbar, weil der Fußball einfach so tickt.

Sie sind gerade gut drauf, haben elf Tore in der Liga erzielt. Was macht denn Daniel Frahn im reiferen Stürmeralter aus?
Die Gier hat nicht nachgelassen. Ich ärgere mich tierisch, wenn ich mal in einem Spiel nicht treffe. Tore zu erzielen, treibt mich noch immer an. Ich habe keine Schmerzen, bin fit und habe Spaß mit den Jungs und Lust am Fußball.

Was zeichnet Ihr Babelsberger Team aus?
Wir haben eine unfassbare Geschlossenheit, ohne Stars, hier sind alle gleich. Und das neue Trainerteam um Jörg Buder bringt viel Neues ein, was uns nach vorn bringt.

Wie bespielt man als Regionalligist RB Leipzig? Orientieren Sie sich an Fürth?
Ich habe auch beobachtet, dass Fürth eine sehr gute erste Halbzeit gespielt hat. Aber für uns ist eher angebracht, etwas tiefer zu verteidigen, mit unseren schnellen Außen Konter zu setzen und die wenigen Chancen eiskalt zu nutzen. Ich hoffe, dass ein paar Flanken durchkommen und ich dann Willi Orban oder einen von den anderen Jungs da hinten überspringe (lacht). Defensiv braucht man auch Spielglück, dass nicht gleich der erste Schuss von RB sitzt.

Frahn: „Das war der größte Fehler meines Lebens, den ich heute bereue”

Themenwechsel: Als Sie im Winter 2020 zurück in Ihre Heimatstadt Potsdam kamen, war das für Sie persönlich ebenso wie für den Verein eine heikle Situation, weil Sie zuvor in Chemnitz wegen Kontakten zu mutmaßlichen Neonazis suspendiert worden waren.
Das war am Anfang unfassbar schwer. Ich wusste, dass es extremen Gegenwind geben wird und die Leute viel hinterfragen werden. Dem habe ich mich vom ersten Tag an gestellt und habe den Dialog gesucht.

Es gab eine Aussprache mit den politisch eher linken Babelsberger Fans und Ultras.
Ich habe das damals angeboten, weil ich mit offenen Karten spielen wollte und nichts zu verheimlichen hatte. Etwa 300 Leute haben das Angebot angenommen. Dieser Abend war für die Fans, den ganzen Verein und auch für mich ganz wichtig, um Vorbehalte auszuräumen. Mittlerweile fühle ich mich pudelwohl. Ich freue mich auf jedes Heimspiel, meine ganze Familie kommt ins Stadion – Eltern, Großeltern, Onkel und Tante. Meine Freunde sind eh alle von Kleinauf Babelsberg-Fans. Ich bereue es auf gar keinen Fall, hierher zurückgekehrt zu sein, auch wenn es am Anfang bisschen geknistert hat.

Wie reflektieren Sie Ihr Verhalten zuvor in Chemnitz?
Ich würde mich heute anders verhalten, ich würde kein T-Shirt mehr hochhalten, wo irgendwas draufsteht, bei dem ich nicht ganz genau weiß, was es bedeutet. Das war der größte Fehler meines Lebens, den ich heute bereue. (Frahn hielt bei einem Spiel am 9.3.2019 ein Shirt mit der Aufschrift „Support your local hools” in die Höhe, das vor allem von Nazi-Hools getragen wird. Die Aktion wurde als Teil des Gedenkens an den szenebekannten Neonazi und Hool Tommy Haller inszeniert.)

Waren Sie vor lauter Fannähe auf dem rechten Auge blind?

Warum haben Sie daraus nicht eher gelernt und begingen auch noch den zweiten Fehler, als Sie mit Fans, die der rechten Szene zuzuordnen sind, zum Auswärtsspiel nach Halle fuhren?
Das waren beides gravierende Fehler, darüber muss man gar nicht diskutieren. Dazu stehe ich.

Sie waren immer ein Spieler mit sehr engen Kontakten in die Fanszenen. Waren Sie vor lauter Fannähe und Loyalität auf dem rechten Auge blind?
So kann man das zusammenfassen, so war es. Ich wurde dadurch auf einmal in eine Ecke gedrängt, in die ich überhaupt nicht gehöre. Ich bin immer offen für jeden Menschen, egal welcher Hautfarbe oder Religion. Ich habe mich um jeden liebevoll gekümmert.

„RB Leipzig erwähnt mich mit keiner Silbe mehr – das macht mich traurig”

Das war möglicherweise Teil des Problems. In Leipzig wissen viele im Verein, aber auch viele RB-Fans derzeit nicht ro recht, wie sie mit Ihnen umgehen sollen.
Das merke ich selbst. RB erwähnt mich ja mit keiner Silbe mehr. Mir kommt es so vor, als ob sie mich am liebsten aus der Vereinshistorie streichen würden. Das macht mich traurig und kann ich nicht so richtig nachvollziehen. RB-Verantwortliche hätten ja mit mir sprechen können. Wer mich kennt, und das sind bei RB kaum noch welche, weiß, welche Werte ich vertrete und dass ich kein Nazi bin.

Wieso haben Sie sich dann damals nicht eindeutig geäußert und deutlicher Flagge gezeigt?
Das hätte ich damals gern getan, weil es meiner Art entspricht. Aber wegen des schwebenden Verfahrens am Arbeitsgericht durfte ich auf Anweisung meiner Anwälte nichts sagen. Dann bekam ich vor Gericht Recht, aber das hat dann niemanden mehr so richtig interessiert.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach der Karriere?
Zuerst will ich auf jeden Fall noch ein, zwei Jahre spielen. Nebenbei habe ich gerade die B-Lizenz gemacht und trainiere eine D-Jugend in Babelsberg. Das macht mir viel Spaß mit den Kindern, ich würde auch später gern im Fußball bleiben. Aber ich könnte mir auch ohne Probleme eine Ausbildung vorstellen, zum Beispiel zum Justizbeamten.

(RBlive/ukr)