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Von Ullrich Kroemer

„Bewusst bisschen rausgehalten” Welchen Anteil hat Jesse Marsch an der Leistungsexplosion in Brügge?

Der Stellvertreter: Achim Beierlorzer.

Der Stellvertreter: Achim Beierlorzer.

Besser hätte seine Champions-League-Premiere als Interims-Cheftrainer nicht laufen können: Achim Beierlorzer war nach dem 5:0 (4:0) von RB Leipzig bei Club Brügge rundum zufrieden. „Heute waren Matchplan, Aufstellung und Umsetzung von allen überragend”, sagte der Franke, der Jesse Marsch an der Seitenlinie vertrat. Der Cheftrainer saß daheim in Leipzig an TV und Rechner, hatte neben der Fernsehübertragung auch noch den Scoutingfeed zur Verfügung, die Kameratotale über das gesamte Spielfeld, und konnte per Standleitung zu Spielanalyst Fabian Friedrich mit dem Trainerteam in Brügge kommunizieren.

Doch wie groß war Marschs Einfluss am 5:0 tatsächlich? Direkt mit der Mannschaft hatte der US-Amerikaner am Spieltag kaum Kontakt, war nicht mehr in die Kabine zugeschaltet oder ähnliches. „Er hat sich auch ganz bewusst bisschen rausgehalten, damit wir uns auf das Spiel konzentrieren können. Achim hat seine Sache sehr, sehr gut gemacht”, sagte Co-Kapitän Kevin Kampl. Tags zuvor bei der Besprechung des vom gesamten Trainerteam ausgearbeiteten Matchplans war Marsch virtuell dabei.

Beierlorzer: „Corona hat die Mannschaft dazu gebracht, für die anderen zu arbeiten”

Mit dem Trainerteam hingegen hatte der erkrankte Chef auch während der 90 Minuten und in der Halbzeitpause Verbindung. „Wir waren ständig mit Jesse in Kontakt, haben über alle Entscheidungen gesprochen, als ob er mit an Bord gewesen wäre und daneben gestanden hätte”, sagte Beierlorzer. In der ersten Hälfte jedoch sei die Kommunikation „sehr gering” gewesen, weil das Spiel hervorragend lief. In der Pause und hinsichtlich der Einwechslungen gab es dann engere Abstimmung. Doch Beierlorzer schränkte ein, dass eigentlich alle Wechsel wegen der Belastungssteuerung vorbesprochen und alternativlos waren. „Wir waren als Team sehr geschlossen heute – intern und extern”, lobte er. „Corona hat die Mannschaft dazu gebracht, für die anderen zu arbeiten. Unser Credo war, dass wir für all diejenigen kämpfen, die heute nicht dabei sein können. Diese Geschlossenheit hat mich überzeugt.”

Beierlorzer hofft nun, dass dieses Spiel eine Initialzündung zu mehr Konstanz bei RB ist. Einerseits hinsichtlich der Mentalität. „Da braucht man manchmal nicht über Taktik zu sprechen, wenn man so unterwegs ist, wie wir es waren”, so der Interimschef. Und Kampl sagte: „Wir haben uns überall reingeschmissen, uns in jeder Situation extrem gepusht. Das hat etwas in der Mannschaft versprüht, das war extrem befreiend. Klar haben Topspieler und der Trainer gefehlt, aber heute hat vieles gepasst – am meisten die Einstellung.”

RB Leipzig so entfesselt wie nach einem Trainerwechsel

Andererseits auch in puncto Spielstil. Denn gerade, als Marsch fehlte, spielte das Team so, wie er es sich vorstellt: leidenschaftlich, überzeugt, wuchtig, schnörkellos, klar und präzise nach vorn. RB hatte zwar weniger Ballbesitz als Brügge (45 Prozent), eine deutlich schwächere Zweikampfquote (39 Prozent) und keine gute Passstatistik (67 Prozent), kreierte aber 23 Torschüsse und hätte auch noch höher gewinnen können. „Wir haben viele tiefe Bälle gespielt, sodass auch Brügge tiefer und tiefer stand und danach konnten wir auch unser Spiel spielen”, erklärte Spielmacher Emil Forsberg. Beierlorzer schränkte ein, dass dieses Mittel nicht gegen jedes Team funktioniere, aber Brügge, das hoch pressen und RB in Manndeckung nehmen wollte, coachten die Leipziger mit dieser Taktik aus. Fakt ist allerdings, dass Marsch bei dieser Initialzündung zwangsweise nur eine Nebenrolle spielte, das Team ohne ihn die Blockade löste und mental so entfesselt aufspielte wie nach einem Trainerwechsel.

Nun muss die Mannschaft das gegen Leverkusen am Sonntag (17.30 Uhr) bestätigen, vor allem aber auch liefern, wenn Marsch zurückkehrt. Gegen die Werkself steht höchstwahrscheinlich noch einmal Achim Beierlorzer als Chef an der Seitenlinie. (RBlive/ukr)