RB Leipzig

„Wir haben viel zu tun”: Warum Marsch mit dem 6:0 von RB Leipzig haderte

Von Ullrich Kroemer 26.09.2021, 08:57
„Wir haben viel zu tun, um die Mannschaft aufzubauen, die ich im Kopf habe”: RB-Trainer Jesse Marsch im Findungsprozess.
„Wir haben viel zu tun, um die Mannschaft aufzubauen, die ich im Kopf habe”: RB-Trainer Jesse Marsch im Findungsprozess. imago images/Sven Simon

Das 6:0 von RB Leipzig gegen Hertha BSC war der zweithöchste Bundesligasieg von RB Leipzig. Nur beim 8:0 gegen Mainz 05 vor zwei Jahren gewann RB höher. Und doch war Trainer Jesse Marsch nicht ganz zufrieden mit dem Spiel, in dem sich der Knoten löste. Der Grund: Er musste auch auf Wunsch der Mannschaft auf Dreierkette umstellen und den Plan unterbrechen, bedingungslos auf den formschwachen Stürmer André Silva zu setzen. „Wir sind noch nicht fertig, wir haben viel zu tun, um die Mannschaft aufzubauen, die ich im Kopf habe. Aber es war eine gute Belohnung heute”, sagte Marsch.

Das klang eher nach einem 1:0-Arbeitssieg, denn nach einem befreienden Brustlöser. Euphorie oder Erleichterung schwangen jedenfalls nicht mit. Denn Marsch war bewusst, dass die Mannschaft nicht wegen seines Fußballs gewonnen hatte, sondern eher im Stile seines Vorgängers Julian Nagelsmann mit viel Ballkontrolle.

Marsch: „Wichtig ist, dass wir unser Spiel gegen den Ball schaffen”

„Sicher, die Jungs kennen das Dreierketten-Thema aus den vergangenen zwei Jahren, die Bewegungen mit Ball. Wichtig ist aber, dass wir auch unser Spiel gegen den Ball schaffen”, mahnte Marsch. „Dann können wir eine gute Mischung erzeugen: Was machen wir mit dem Ball in einer Vierer- und Dreierkette und was machen wir gegen den Ball? Wie können wir besser spielen und das Spiel mehr und mehr kontrollieren? Dafür werden wir arbeiten.”

Auch dass erstmals nicht Silva von Beginn an spielte, sondern stattdessen der starke Yussuf Poulsen, entspricht eigentlich nicht der Überzeugung Marschs. „Yussi versteht mit seiner Intensität in Pressing-Situationen ein bisschen mehr, was richtig für solch ein Spiel in unserer Spielphilosophie ist”, räumte der Coach ein.

Es dauere eben alles ein bisschen, auch bis ein Trainer die Gruppe verstehe: „Wann sind sie bereit oder nicht, was brauchen sie? Wir müssen mehr und mehr einander kennen lernen, auch die Taktik”, sagte Marsch.

Marsch dreht das Rad zurück

Der US-Amerikaner ist weiter dabei, seine Ideen mit dem zusammenzubringen, was die Mannschaft spielen kann und auf das Gelernte der vergangenen zwei Jahre aufzubauen. Marsch tut gut daran, seinen zu radikalen Kurs weiter zu unterbrechen, möglichst viele Elemente aus den Nagelsmann-Jahren beizubehalten und peu á peu mehr Pressingsequenzen einzubauen. Auch wenn die Hertha zu schwach war, um als Gradmesser herzuhalten, war es doch frappierend zu sehen, wie wohl sich das Team mit dem alten Fußball fühlte und wie viel Spielkontrolle und Stabilität die Leipziger wieder hatten.

So war es vielleicht Marschs größter Verdienst, dass er es zuließ, das Rad zunächst einmal wieder zurückzudrehen und so aufzustellen, wie sich die Mannschaft das gewünscht hatte und wie es auch personell – zum Beispiel im Falle von Angeliño – besser zur Mannschaft passt. Marsch wird wohl weiter von dem Gedanken abrücken müssen, so zu spielen wie mit New York und Salzburg. Dafür haben die Leipziger in den vergangenen beiden Jahren zu viel unter Nagelsmann gelernt und sind diesem wilden Spielstil enteilt. Marsch muss sein Ego weiter hintenanstellen – so wie er es gegen die Hertha getan hat – und einen neuen Leipzig-Stil kreieren, der das Beste aus beiden Welten verbindet. (RBlive/ukr)