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Von Ullrich Kroemer

Belgiens Trainer des Jahres Ex-RB-Coach Blessin: So muss RB gegen Brügge spielen

„Ich freue mich riesig auf die Partien und bin selbst gespannt, was sie gegen Leipzig leisten”: Alexander Blessin.

„Ich freue mich riesig auf die Partien und bin selbst gespannt, was sie gegen Leipzig leisten”: Alexander Blessin.

Alexander Blessin wechselte nach acht Jahren im Nachwuchsbereich bei RB Leipzig 2020 zu KV Oostende in die belgische 1. Liga und wurde dort nach einem Jahr als erster Deutscher zu Belgiens Trainer des Jahres gewählt. Im Interview mit RBlive verrät Blessin, was RB Leipzigs Champions-League-Gegner FC Brügge auszeichnet, wie er gegen Brügge spielen würde und wie er Belgiens Fußball mit der Red-Bull-Philosophie überraschte.

Herr Blessin, Sie kennen RB Leipzigs Champions-League-Gegner Club Brügge aus der belgischen Liga sehr gut. Was kommt da auf RB Leipzig zu?
Alexander Blessin: Die Mischung der Mannschaft aus erfahrenen Spielern und jungen Toptalenten stimmt. Sie gehören mit Genk zu den einzigen beiden Klubs in Belgien, die ihre Kader zusammenhalten und sogar punktuell verstärken konnten. Zum Beispiel mit dem schottischen Innenverteidiger Jack Hendry, der von meiner Mannschaft aus Oostende nach Brügge gewechselt ist. Auch durch ihn haben sie in dieser Saison eine größere Stabilität.

Auf wen muss man sonst achten?
Linksaußen Noa Lang ist ein absolutes Toptalent, das jetzt zum ersten Mal für die niederländische Nationalmannschaft nominiert wurde. Charles De Ketelaere ist der Top-Nachwuchsspieler in Belgien, der ebenso zur belgischen Auswahl eingeladen wurde. Und mit Hans Vanaken haben sie einen erfahrenen, belgischen Nationalspieler in der Offensive, der auch gut gegen den Ball arbeitet. Der Kolumbianer Eder Balanta ist als Abräumer vor der Abwehr eine richtige Kampfsau, das hat man gegen PSG gesehen. Da ist auf jeden Fall Qualität vorhanden, für die belgische Liga ist das ein Top-Top-Team. Es wird ein interessantes Aufeinandertreffen der zwei Spielsysteme. Ich freue mich riesig auf die Partien und bin selbst gespannt, was sie gegen Leipzig leisten.

Brügge zieht schwimmende Stürmer Bas Dost vor

Welchen Spielstil pflegt Brügge denn generell?
Trainer Philippe Clement versucht, verschiedene Elemente hereinzubringen. In den letzten Wochen hat er mehr auf die angesprochenen Youngster De Ketelaere und Lang im Sturm gesetzt als auf den groß gewachsenen Bas Dost, den man aus der Bundesliga kennt. Das sind zwar beides keine gelernten Stürmer, aber dadurch hat das Brügger Spiel eine neue Facette bekommen.

Inwiefern?
Beide schwimmen auf ihren Positionen und sind nicht so richtig greifbar. Sie haben gute Tiefgänge, schaffen aber im Dreiecksspiel über die Außenpositionen auch Überzahl und bewegen sich gut in die Box. Sie haben im Ballbesitz Qualität, gepaart mit guten Tiefenläufen und stabiler Defensive. Im vergangenen Jahr hatten sie immer mal wieder Probleme in der Restverteidigung, aber diese Stabilität ist durch die Neuverpflichtungen zurückgekommen.

Wie würden Sie als RB-Trainer gegen Brügge spielen?
(lacht) Die belgischen Journalisten haben auch schon gefragt, wie Brügge gegen RB spielen muss. In der Gruppen-Konstellation geht es um den dritten Platz. Manchester City und Paris St. Germain von den ersten beiden Rängen zu schubsen, wird angesichts der Qualität schwierig. Aus Brügges Sicht, würde ich nicht ins offene Messer laufen. Sie können auswärts mit einem Punkt zufrieden sein. Ich würde erst einmal abwartend und stabil agieren und die Momente ausfindig machen, in denen das Team dann zuschlägt.

Alexander Blessin: „Brügge, Genk und Anderlecht haben Qualität für die Bundesliga”

Und RB?
Leipzig muss nach der deftigen Niederlage gegen Manchester City einen solchen Gegner gewinnen. Die Fünferkette gibt ihnen Stabilität, die werden sie sicher wieder spielen. RB wird vorn draufgehen, Brügge hoch anlaufen und sie zu Fehlern zwingen. Es muss klar sein, wer der Hausherr ist. Das 6:0 gegen Hertha gibt natürlich Rückenwind.

Wie bewerten Sie das Niveau der belgischen Liga generell?
Das ist eine sehr, sehr interessante Liga, in der sehr athletisch und körperbetont gespielt wird. Die Topklubs Brügge, Anderlecht, Genk haben die Qualität für die Bundesliga. Gegen Paris hat sich Brügge sehr gut verkauft. Ich war bei diesem Spiel selbst im Stadion und war begeistert. Die Klubs danach im Mittelfeld sind nach meiner Einschätzung auf dem Niveau der 2. Liga, teils oberes Drittel. Obwohl es gerade sehr eng und ausgeglichen im Mittelfeld ist.

Sie haben Oostende als Vorletzten übernommen und auf Rang fünf nach der Hauptrunde geführt. Es war vom „Märchen von Oostende” zu lesen. Was ist da passiert?
Zunächst einmal: Der Verein wäre ,hopps’ gegangen, wenn die Pacific Media Group (PMG, Anm.d.Red.) ihn nicht übernommen hätte. Oostende ist neben Barnsley, Nancy, Thun, Den Bosch und Esbjerg einer von sechs Vereinen dieser Gruppe. Der Verein hat eine klare Philosophie, arbeitet sehr datenorientiert. Viele Spieler werden aufgrund von StatsBomb-Datenanalysen verpflichtet. Das hat für mich sehr gut gepasst in den Gesprächen, die mich richtig geflasht haben. Als ich mir den Verein dann hier vor Ort angesehen haben – mit neuer Haupttribüne im Stadion und einem zwei Jahre alten Trainingszentrum –, hat es mich gekitzelt. Wir hatten damals zehn Spieler unter Vertrag und haben in kurzer Zeit zwölf neue verpflichtet und eine neue Philosophie implementiert.

Mit verblüffendem Erfolg.
Wir haben eine junge und hungrige Mannschaft aufgebaut, die perfekt mitgezogen hat. Wir sind als Absteiger Nummer eins gestartet und haben dann lange um die Play-off-Teilnahme der Top Vier und einen Europacup-Platz gespielt. Die Leute haben vom „Kustboys”-Stil gesprochen. Das war für mich und den CEO Gauthier Ganaye wichtig zu sehen, dass wir eine klare Handschrift erkennen. Im Sommer haben wir dann sieben Stammspieler für gutes Geld verkauft verkauft, haben eine neue Mannschaft zusammengestellt und sind aktuell wieder in der Findungsphase.

„Habe viel von meiner Erfahrung bei RB Leipzig profitiert”

Sie wurden von den Spielern und Trainern als erster Deutscher zu Belgiens Trainer des Jahres gewählt. War der Red-Bull-Fußball für die Belgier komplett neu?
Es gab immer mal Mannschaften, die es bisschen versucht haben, aber nicht in dieser extremen Art und Weise in jedem Spiel. Insbesondere die Phasen nach Ballgewinn beim Umschalten und nach Ballverlust im Gegenpressing waren ein Novum. Da habe ich viel von meiner Erfahrung bei RB Leipzig profitiert und mitgenommen. Aber wir haben nicht nur in diesem Hauruck-Stil gespielt, sondern hatten auch viele Momente mit Lösungen im Ballbesitz.

Das ist gerade auch Thema bei RB Leipzig.
Ja, es ist aus der Ferne interessant zu sehen, wie sie Dinge umgestellt haben und mehr ,back tot he roots’ wollen und Jesse Marsch jetzt vielleicht etwas auf die erfahrenen Spieler zugehen musste. Obwohl man sagen muss, dass die Umstellung auch unter Julian Nagelsmann anfangs Zeit brauchte. Immer wenn er wieder etwas mehr im alten Pressing-Gegenpressing-Stil spielen ließ, gewann die Mannschaft, während sie sich mit den neuen Ideen 2019 noch schwertat.

Sie haben den Leipziger Innenverteidiger Frederik Jäkel mit nach Ostende genommen. Wie entwickelt er sich?
Ich arbeite jetzt im sechsten Jahr mit ihm. Er ist aktuell nicht wegzudenken aus der Stammelf, wenn er fit ist. Nach Verletzungen und Blessuren ist er immer wieder stärker zurückgekommen und hat vorbildlich an sich gearbeitet. Nachdem wir kurz vor Schluss des Transferfensters zwei Innenverteidiger verloren haben, kam er an erster Stelle und muss jetzt mehr Verantwortung übernehmen. Das hat er bis jetzt hervorragend gelöst und nimmt eine sehr, sehr gute Entwicklung.

Blessin über RB-Verteidiger Frederik Jäkel: „Potenzial für die Bundesliga”

Trauen Sie ihm den Sprung zurück in die Bundesliga zu? Sein Leihvertrag endet 2022.
Ohne Frage. Es ist ein weiter Weg, aber ich bin davon überzeugt, dass er das Potenzial dazu hat. Die Frage ist nur, wann er diesen nächsten Schritt macht. Es ist wichtig, dass er auf hohem Niveau spielt und nicht auf der Bank sitzt und nur sporadisch zum Einsatz kommt. Er bekommt hier das Vertrauen und hat das auch zurückgezahlt. Das ist hier für ihn und andere nicht nur eine Chance, um auf den deutschen Markt zurückzukehren. Auch der Einfluss aus England ist groß hier, viele Scouts von der Insel schauen hierher, und diverse Premier-League-Klubs haben belgische Schwesterklubs, wie etwa Leicester mit Leuven.

Auch Sie hatten vor, nach England zu gehen. Wie sieht Ihre Karriereplanung aus?
Einen Karriereplan gibt es nicht. Es ist kein Geheimnis, dass ich im Sommer um ein Haar bei Sheffield United gelandet wäre – durch Brexit klappte das nicht. Aber ich fühle mich auch hier in Oostende sehr wohl, weil ich genau das umsetzen kann, was ich möchte. Nicht umsonst habe ich jetzt hier verlängert. Nichtsdestotrotz dränge ich natürlich irgendwann darauf, den nächsten Schritt auch für mich persönlich zu machen.

Das Interview führte Ullrich Kroemer.

(RBlive/ukr)